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Montag, 19.02.2018

Dresden baut mit an der Zeitmaschine

Von Jana Mundus

Schnittige Zeitmaschine: Marty McFly, alias Michael J. Fox, aus „Zurück in die Zukunft“ reist mit einem Sportwagen in die Vergangenheit. Dresdner Forscher brauchen dafür nur Computer. Foto: imago
Schnittige Zeitmaschine: Marty McFly, alias Michael J. Fox, aus „Zurück in die Zukunft“ reist mit einem Sportwagen in die Vergangenheit. Dresdner Forscher brauchen dafür nur Computer. Foto: imago

© imago stock&people

Marty McFly kletterte noch in seinen DeLorean, um in die Vergangenheit zu reisen. Der schnittige Sportwagen ist in der Film-Trilogie „Zurück in die Zukunft“ mit dem Fluxkompensator ausgestattet, der die Reise in fast vergessene Zeiten möglich macht. In Dresden wird jetzt ebenfalls an einer Zeitmaschine gearbeitet. Dafür brauchen die Wissenschaftler jedoch kein Auto, sondern Computer. Damit reisen sie zumindest virtuell in die Vergangenheit – in nicht weniger als 2 000 Jahre europäische Geschichte. Diese Reisemöglichkeit soll die Zukunft revolutionieren.

Die Fragen, die sich die Wissenschaftler stellen: Wie sähe die Welt aus, wenn die Menschheit auf die Dokumente der Vergangenheit ebenso leicht zugreifen könnten wie auf aktuelle Informationen? Könnten damit Erfahrungen gesammelt werden, die für die Zukunft wichtig sind? Könnten zum Beispiel Klimaentwicklungen mit dem Zugriff auf Aufzeichnungen vergangener Jahrhunderte besser vorhergesagt werden? Oder wäre mit einer umfangreichen Analyse der europäischen Geschichte ein positiver Effekt auf die Politik der Gegenwart möglich?

All dem will das Projekt „Time Machine“, also Zeitmaschine, nachgehen. Die
TU Dresden gehört zu den Gründungsmitgliedern der europäischen Initiative. Insgesamt 160 Einrichtungen aus 30 Ländern wollen an der virtuellen Zeitmaschine mitbauen. Dafür entsteht eine Plattform, die Daten sammelt und analysiert. Mit ihrer Hilfe sollen Antworten auf die vielen Fragen gefunden werden.

„Es ist wie Google Earth für historische Daten“, erklärt es Sander Münster. Gemeinsam mit seinem Kollegen Stephan Schwartzkopff vom Medienzentrum der TU Dresden koordiniert er die deutschen Unterstützer der Zeitmaschine. „Toll wäre es, wenn in einigen Jahren diese Plattform in den Alltag integriert werden könnte.“ Wie Google Earth eben. Eine Reise in die Vergangenheit per Mausklick.

Vorher wird die Plattform mit Daten und Informationen aus 2 000 Jahren europäischer Geschichte gefüttert. Sie verwandelt damit kilometerweise Akten aus Archiven und riesige Sammlungen von Museen zu einem digitalen Informationssystem. „Viele Museen oder Bibliotheken haben ihre Bestände schon digitalisiert“, sagt Münster. Nun müssten passende Möglichkeiten gefunden werden, dieses Wissen zusammenzuführen. Aber die Time Machine soll mehr sein als eine bloße Sammlung. Die Vergangenheit soll damit greifbar werden. Durch Simulationen und neueste Technologien der virtuellen Realität könnten Nutzer in Zukunft auch längst verschwundene Orte wiederentdecken oder durch Straßenzüge gehen, die es so nicht mehr gibt.

Nicht nur das. Im Zuge des Projekts sollen auch neue digitale Werkzeuge entwickelt werden, die künftig beim Fällen von Entscheidungen helfen sollen. Die Möglichkeit, die Geschichte in Prognosen einzubeziehen, wird nach Vorstellung der Wissenschaftler großen Einfluss auf Bildung, Gesundheit, Wirtschaft, Justiz, Industrie und Umwelt haben.

Angelegt ist das Projekt auf zehn Jahre. Derzeit werden das notwendige Geld dafür bei der Europäischen Union beantragt. Dass in zehn Jahren die Plattform bereits fix und fertig ist, daran glaubt Möbius nicht. „Aber wir wollen bis zum Ende einen Quantensprung hingelegt haben.“ Bis dahin sollen Möglichkeiten gefunden werden, Daten zu digitalisieren und mit anderen zu verknüpfen. „Wir brauchen außerdem Technologien, die aus diesen Datenmengen Wissen ablesen und für eine weitere Nutzung aufbereiten.“ Die Zeitreise beginnt also erst in der Zukunft.

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