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Montag, 19.10.2015

Drei Religionen mit einer Botschaft

Christen, Muslime und Juden feiern einen gemeinsamen Gottesdienst. Eine Premiere, bei der manches anders ist.

Von Anna Hoben

Der Muslim Anas Ajaj, der Jude Herbert Lappe und der katholische Altbischof Joachim Reinelt (v.l.) beim ganz weltlichen Smalltalk nach dem Gottesdienst in der Hofkirche.
Der Muslim Anas Ajaj, der Jude Herbert Lappe und der katholische Altbischof Joachim Reinelt (v.l.) beim ganz weltlichen Smalltalk nach dem Gottesdienst in der Hofkirche.

© sächsische zeitung

Wie kriegt man in Sachsen eine katholische Kirche voll? Man lädt Protestanten, Orthodoxe, Juden und Muslime mit ein. Spaß beiseite: Es ist eine besondere Premiere gewesen am Sonnabend in der Hofkirche. Zum Internationalen Tag gegen Armut und Ausgrenzung, den die Vereinten Nationen 1992 ins Leben gerufen haben, treffen sich Vertreter von drei Weltreligionen, um gemeinsam Gottesdienst zu feiern. Ganz so voll wie zu Weihnachten oder Ostern ist das Haus zwar nicht. Trotzdem ist jede einzelne Bank besetzt.

Einiges ist anders an diesem Tag: Es gibt kurze Redebeiträge auf Arabisch, Tschetschenisch, Indonesisch, Ukrainisch und Tigrinisch, einer Sprache, die in Eritrea gesprochen wird. Statt Fürbitten werden Wünsche verlesen. Es gibt keine Kommunion, dafür eine Kollekte für das Islamische Zentrum Dresden. Der Grund: Das Haus bekommt derzeit gigantische Strom- und Warmwasserrechnungen, weil viele muslimische Flüchtlinge dort ein- und ausgehen und auch ihre Wäsche waschen.

„Die Ursachen für Armut und Ausgrenzung sind vielfältig, wir können sie ablesen in den Gesichtern der Flüchtlinge“, sagt der evangelische Pfarrer im Ruhestand Matthias Frauendorf von der ökumenischen Aktionsgruppe Dresden, die den Gottesdienst initiiert hat. Der katholische Altbischof Joachim Reinelt wird in seiner Predigt angesichts der deutschen Reaktionen auf die Flüchtlingskrise deutlich: „Ausgerechnet in einem Super-Wohlstandsland schreien jetzt manche um ihren Wohlstand.“ Reinelt, der nächstes Jahr 80 wird, zieht die Parallele zu der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, als zwölf Millionen Flüchtlinge und Vertriebene nach Deutschland kamen. Er selbst war einer von ihnen, als Achtjähriger kam er mit seiner Familie aus Schlesien. „Ich habe erlebt, dass es sehr schwer ist, in Sachsen zu Hause sein zu können.“

Drei Konfirmanden berichten von ihrem Gespräch mit einem Flüchtlingsmädchen. „Ich weiß nicht, ob ich es noch einmal machen würde“, habe sie gesagt angesichts der Strapazen der Flucht und der schwierigen Ankunft im neuen Land.

Für die islamische Gemeinde ist Anas Ajaj als Vertreter des Imams gekommen. „Es ist sehr wichtig in diesen Zeiten zu zeigen, dass wir alle zusammenhalten“, sagt er. Nach dem Gottesdienst plaudert er noch mit dem katholischen Altbischof und dem Vertreter des Rabbiners der jüdischen Gemeinde, Herbert Lappe. Unweigerlich denkt man an Lessings „Nathan der Weise“, den Klassiker über religiöse Toleranz, geschrieben von einem Sachsen.

Nach dem Gottesdienst lädt die Landeszentrale für politische Bildung zum Gespräch ins Haus der Kathedrale ein. Es geht um die Flüchtlingssituation und die Verantwortung Europas. Die Katastrophenhelferin Andrea Wegener berichtet von ihrem Einsatz in Nordirak und der Situation der Flüchtlinge dort, die zum Teil seit über einem Jahr in Provisorien leben. Sie wird ein Buch darüber schreiben. „Was die Menschen am meisten brauchen“, sagt sie, „ist, dass man ihre Geschichten erzählt“.