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Freitag, 29.07.2011

Drei Eisenbahner auf einen Streich

Victor, Constantin und Julius Parade haben ihren eigenen Kopf, aber sind sich in einem einig: Sie lieben die Parkeisenbahn und sind dort die einzigen Brüder.

Von Franziska Lange

Eine Mütze kann vieles verändern. Da stört es Victor Parade überhaupt nicht, dass ihm die Kopfbedeckung ein bisschen über die Ohren rutscht. Sie macht aus dem Elfjährigen einen echten Eisenbahner – und aus dem kleinen Bruder einen Gleichgesinnten.

Früher saß Victor mit großen Ohren beim Abendbrot und fieberte mit, wenn seine beiden großen Geschwister über ihre Dienste bei der Parkeisenbahn im Großen Garten plauderten. Neugierig rutschte er damals auf seinem Stuhl herum, wenn der vier Jahre ältere Constantin erzählte, dass alles am Bahnhof auf sein Kommando hört, oder als Julius, der Mittlere, stolz von seinem ersten Einsatz als Schrankenwärter berichtete. Arbeiter besserten an jenem Tag die Gleise aus, der Dienstplan der Eisenbahner kam durcheinander und es fehlte an Personal. „Julius durfte einspringen und zum ersten Mal selbst die Schranke am Bahnhof Carolasee hoch- und runterkurbeln“, das weiß der kleine Bruder noch, als sei es gestern gewesen. Auf die Ehre, die seinem Bruder zuteil wurde, ist er sichtlich stolz – und noch mehr, dass er endlich selbst dazugehört.

Pauken für die Eisenbahn

Routiniert, als sei er schon ewig dabei, zählt Victor mittlerweile die verschiedenen Dienstposten der Parkeisenbahner auf. Er erkennt sie an der Mütze, weiß genau, dass Bahnhofsleiter gelbe, Assistenten silberne Kordeln und die Jungs und Mädels im ersten Jahr das schnörkellose blaue Käppi tragen – so wie das auf seinem Kopf. Seit diesem April gehört es ihm und macht das Trio zu etwas Besonderem.

Von den etwa 150 Eisenbahn-Kindern sind sie die einzigen Brüder. Den Anfang machte Constantin. Der 15-Jährige ist seit drei Jahren dabei und gehört schon fast zu den alten Hasen. Obwohl weder die Eltern noch die Großeltern sich etwas aus den Schienen machen, träumte er schon immer von den Gleisen. Umso mehr strengte er sich in der Schule an, denn Parkeisenbahner darf nur werden, wer gute Noten vorzuweisen hat. Eine Vier auf dem Zeugnis ist tabu.

„Constantin kennt alle Streckenlinien, nicht nur bei der Eisenbahn“, verrät sein kleinster Bruder. Und während der Große noch versucht, Victor zu bremsen, plaudert der schon munter drauflos. „Er hat ganz viele Straßenbahnhefte in seinem Zimmer und kennt sich total gut aus. Der hat schon ganz Dresden abgefahren.“ Da muss ihm selbst der ruhige Julius zustimmen, der lieber reitet und auf Bäume klettert. „Sogar im Urlaub erkundet er mit der Straßenbahn die Städte.“ „Nach der Schule wird Constantin bestimmt mal Lokführer“, platzt Victor dann auch fix heraus, bevor das Signal am Bahnhof Carolasee vor dem einfahrenden Zug warnt.

Kurz drauf schnauft die kleine Dampflok ein, eine Jungenstimme begrüßt die Fahrgäste selbstsicher durch den Lautsprecher und ein Schaffner hebt den Befehlsstab, der so oft falsch als Kelle bezeichnet werde, wie Constantin nebenbei erklärt. Mit einem Auge behält er das Treiben auf dem Bahnsteig im Blick, mit dem anderen ist er ganz bei seinen Brüdern und vergisst nicht, Victor noch schnell zu korrigieren. „Ich werde Fachkraft für Fahrbetriebe, dafür hab ich doch das Praktikum schon gemacht.“

Mit roter Mütze zum Dienst

Der 13-jährige Julius wünscht es sich dagegen abenteuerlicher. „Vielleicht werde ich Lokführer für Hochgeschwindigkeitszüge oder Polizist.“ Mit so viel Ehrgeiz will Victor gar nicht mithalten. Dass er jetzt bei der Eisenbahn ist, reicht ihm schon. Einmal in der Woche hat er Dienst, am besten sei die Aufsicht. Dann habe er die rote Mütze auf und das Kommando für den Bahnhof. Das sei klasse, aber es gebe mehr im Leben, sagt er fachmännisch, Fußball zum Beispiel. Constantin muss lachen, und Julius stimmt ihm zu, als der Zeiger der großen Bahnhofsuhr auf die volle Stunde springt. „Du wirst bestimmt mal Schiedsrichter, da brauchst du auch ’ne Trillerpfeife.“ Dann hält es Julius nicht mehr, er hat Aufsicht. Victor fühlt nach dem blauen Käppi auf seinem Kopf und schaut dem Bruder nach. Die Mütze sitzt, er ist ein Eisenbahner.