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Dienstag, 19.06.2018

Dramen an der Grenze zu Mexiko

Nach illegalen Übertritten trennen US-Behörden Flüchtlinge von ihren Kindern. Das empört selbst die Präsidentengattin.

Von Thomas J. Spang, SZ-Korrespondent in Washington

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Ein Beamter der US-Grenzpolizei überprüft Papiere von Flüchtlingen aus Mittelamerika, die an der Grenze im Süden von Texas aufgegriffen wurden. Seit einigen Wochen folgen die Beamten einer Anweisung der Regierung in Washington, Flüchtlinge von ihren Kindern zu trennen.
Ein Beamter der US-Grenzpolizei überprüft Papiere von Flüchtlingen aus Mittelamerika, die an der Grenze im Süden von Texas aufgegriffen wurden. Seit einigen Wochen folgen die Beamten einer Anweisung der Regierung in Washington, Flüchtlinge von ihren Kindern zu trennen.

© Getty Images/John Moore

Miguel A. Nogueras hat Sympathie für die Grenzer, denen die Regierung eine grausame Aufgabe zugewiesen hat. Seit Anfang Mai müssen sie auf Weisung von US-Justizminister Jeff Sessions Eltern, die ohne Papiere über die Grenze kommen, ihre Kinder wegnehmen. „Sie sagen ihnen bei der Trennung, die Kinder müssten ein Bad nehmen“, berichtet der Pflichtverteidiger unter Berufung auf Gespräche mit seinen Klienten. „Anschließend sehen sie ihre Kinder nicht wieder.“

Allein am Grenzübergang in McAllen Texas trennt die „Border Patrol“ nach inoffiziellen Zählungen von Anwälten täglich im Schnitt zwischen 50 und 60 Minderjährige von ihren Eltern. Die landen, seit Donald Trump seine Null-Toleranz-Politik an der Grenze angeordnet hat, ausnahmslos wegen „unerlaubter Einreise“ vor Gericht.

Aus dem Innenministerium hieß es, es sei gängige Norm in der Strafverfolgung, Kinder nicht gemeinsam mit ihren Eltern zu inhaftieren. Sie würden in speziellen Einrichtungen oder bei Pflegefamilien untergebracht. Allerdings würden Säuglinge nicht von ihren Müttern getrennt.

Gleichzeitig gibt es übereinstimmende Hinweise von Politikern, Menschenrechtlern und Betroffenen entlang der Grenze zu Mexiko, wonach die US-Border Patrol Asylsuchende daran hindert, die offiziellen Grenzübergänge zu erreichen. Die Washington Post berichtet von Menschen, die tagelang auf mexikanischer Seite in der sengenden Hitze ausharren.

Wer es schafft, steht vor einer zusätzlichen Hürde, die Sessions Anfang der vergangenen Woche errichtet hatte. Demnach werden die Verfolgung durch brutale Gangs oder häusliche Gewalt nicht mehr anerkannt. Zwei wesentliche Gründe, warum Frauen und oft auch unbegleitete Minderjährige aus den mittelamerikanischen Staaten Guatemala, El Salvador und Honduras fliehen.

Die neue Praxis an der Südgrenze sorgt dort für eine Überforderung von Grenzern, Gerichten und Übergangslagern gleichermaßen. Die bestehenden Einrichtungen platzen bereits wenige Wochen seit der Einführung der „Null-Toleranz“-Politik aus allen Nähten. Im Frühjahr hatte die Trump-Administration damit begonnen, ihre härtere Linie gegenüber illegalen Einwanderern an der Südgrenze zu Mexiko durchzusetzen.

Reporter erhielten in der vergangenen Woche erstmals Zugang zu einem Lager in der Grenzstadt McAllen, das in einem ehemaligen Walmart-Supermarkt untergebracht ist. Dort werden etwa 1 400 minderjährige Jungen verwahrt, die entweder unbegleitet über die Grenze kamen oder Betroffene der Zwangstrennung sind. Jeweils fünf Kinder und Jugendliche schlafen in provisorisch abgetrennten Bereichen. Auf ihren Betten liegen Teddybären und Bibeln. Die Lichter gehen um 21 Uhr aus und morgens um sechs Uhr wieder an.

Nachdem das „Casa Padre“ (Haus des Vaters) genannte Zentrum vergangene Woche den US-Senator Jeff Merkley daran gehindert hatte, das Lager zu besuchen, präsentierten die Begleiter den Journalisten mit Video-Konsolen, Pool und Tischfußball ausgestattete Aufenthaltsräume sowie einen Fußball- und Basketballplatz.

Auf dem Weg zu den provisorischen Klassenräumen raunt eine Repräsentantin des privaten Betreibers „Southwest Key“ den Reporter zu, sie mögen die Jungen doch anlächeln. „Die Kinder fühlen sich ein wenig wie Tiere im Käfig, die angegafft werden.“ So ähnlich hatten Aktivisten die Situation in anderen Lagern beschrieben, die sie mit großen Hundezwingern verglichen. Die Flure im „Casa Padre“ sind dekoriert mit patriotischen Zitaten von US-Präsidenten. Im „Trump“-Trakt steht neben einem Bildnis des Präsidenten der Satz: „Manchmal hilft der Verlust einer Schlacht, einen neuen Weg zu finden, den Krieg zu gewinnen.“

Die demokratische Senatorin Kamala Harris aus Kalifornien klagt die Trump-Regierung wegen der Zwangstrennung der Familien an der Südgrenze an. „Lasst uns diese Politik nennen, was sie ist: Eine Menschenrechtsverletzung, die von der Regierung der Vereinigten Staaten verübt wird.“

Auch Melania Trump hat sich entsetzt über die Praxis der Einwanderungsbehörden geäußert. Die Gattin von Präsident Trump „hasse es, Kinder von ihren Familien getrennt zu sehen und hofft, dass sich die beiden Lager (im Kongress) bald einigen“, verlautete aus ihrem Pressebüro im Weißen Haus. (mit dpa)

Leser-Kommentare

Insgesamt 3 Kommentare

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  1. Karl

    Der Mensch, die Gewalt, das Leid. In meinen Augen sind die USA keine Demokratie mehr. Wer sich an den Schwächsten vergeht, den Kindern, der ist ganz einfach nur eins: skrupellos und böse.

  2. Frage

    @1: Sind wir dann auch keine Demokratie mehr, weil wir den Familiennachzug begrenzen und damit Familien auseinander reißen?

  3. Dresdner45

    Wenn Menschen die Gesetze anderer Länder missachten, „kann das auch Folgen haben“! Darüber muss man sich VOR EINER solchen Aktion im Klaren sein. Dies hat nichts mit UNMENSCHLICHKEIT etwas zu tun.

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