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Dienstag, 28.08.2012

Dörfler, hört die Signale

In Friedensdorf gibt es eine der letzten Ortsrufanlagen Deutschlands. Die kann Leben retten.

Von Gesa Coordes

Erst knackt und rauscht es kurz in Friedensdorf, dann erklingt auch schon die kleine Melodie, mal martialisch, mal verspielt. Die Blasmusik von Ernst Mosch oder der Happy-Sound eines James Last sind für die Bürger des hessischen Ortes ein Signal. Dann stellen sie ihre Rasenmäher aus und öffnen die Fenster, um die neueste Durchsage von Ortsvorsteher Rolli Messerschmidt zu hören: Diesmal muss die Trainingsstunde des örtlichen Fußballvereins leider ausfallen. Ein Schlüssel wurde gefunden. Das Schwimmbad ist wieder geöffnet, und es besteht noch einmal die Möglichkeit, eine DVD über „Friedensdorf im Wandel der Zeit“ zu kaufen. Ende der Durchsage.

Mindestens zweimal pro Woche, entweder am frühen Morgen oder gegen Abend, verkündet Messerschmidt auf diese Weise die neuesten Dorfnachrichten, alles hochoffiziell und vom Gemeinderat autorisiert. Den üblichen Dorftratsch gibt es natürlich weiter beim Fleischer oder Friseur.

Nur Kirchenmusik erlaubt

Friedensdorf im Marburger Hinterland ist eines der letzten Dörfer in Deutschland, in dem eine sogenannte Ortsrufanlage existiert. Die alteingesessenen Bürger haben jedoch einen eigenen Namen für ihren Dorffunk: „Das Hochgeschrei läuft“, sagen sie, wenn Ortsvorsteher Messerschmidt in der alten Schule zum Mikrofon greift und seine Mitmenschen informiert. In der Zeit vor dem dezibelstarken Hochgeschrei existierte in Friedensdorf noch das klassische Marktgeschrei: Der alte Ortsdiener hatte seine neuesten Nachrichten noch mit der Handglocke eingeläutet und dann lauthals auf dem zentralen Platz präsentiert.

Vor 62 Jahren wurden die ersten Lautsprecher installiert, die bis heute von neun Pfosten und Häuserwänden aus das knapp 800 Jahre alte Dorf beschallen. Damals hatte sich der alte Ortsdiener in den Ruhestand verabschiedet, und der kleine Ort wagte unter neuer Leitung den Schritt ins Elektronikzeitalter. Denn die ökonomische Entwicklung war schon weit vorangeschritten, Friedensdorf galt bereits als Industriedorf mit großen Betrieben. Ein Hersteller für Autozubehör beschäftigt heute rund 900 Mitarbeiter. Mit der Investition wurde das Dorf der erste Ort im Marburger Hinterland, der die einst hochmoderne Ortsrufanlage kaufte.

Doch die damaligen Regeln zum Gebrauch der Anlage waren streng: Anfangs durften lediglich religiöse Lieder als Erkennungsmelodien gespielt werden. Schließlich galt Friedensdorf als besonders fromm, und der Pastor achtete auf den Erhalt der Sitten. „Später haben sich dann etwas liberalere Geister durchgesetzt“, erzählt Messerschmidt. Bis zum Spielen aktueller Popmusik reichte die musikalische Freizügigkeit dann allerdings doch nicht. „Wir haben ein paar Versuche gemacht“, sagt der 66-Jährige: „Das kam nicht an bei den Leuten.“

Anfangs kümmerten sich der Bürgermeister und seine Sekretärin um das „Hochgeschrei“. Seit der Gebietsreform ist es Aufgabe der Ortsvorsteher. „Mir macht es Spaß“, sagt Messerschmidt, der bereits seit elf Jahren über Volkshochschulkurse, Konfirmandenstunden, entlaufene Tiere, Fundsachen, überschwemmte Fußballplätze, Waldbrandgefahren und vermisste Kinder berichtet. Seine wichtigsten Kunden sind die Vereine, die über Herbstfeste, Jahreshauptversammlungen, Altennachmittage und Chorproben informieren.

Und in vielen Fällen ist die Ortsrufanlage auch in den Zeiten des Internets schneller als jedes andere Medium: Vor einigen Jahren war ein 70-jähriger Mann mit Demenz plötzlich verschwunden. Die besorgten Angehörigen wendeten sich sofort an Messerschmidt, und der griff sofort zum Mikro für eine Sonderdurchsage. Er fragte, wer den alten Herren vielleicht gesehen hatte und trommelte binnen weniger Minuten 50 Helfer zusammen. Die schwärmten aus und trafen auf den Mann in einem der etlichen Wäldchen, welche die Gemeinde zwischen Siegen im Westen und Marburg im Osten umzingeln. Er war beim Spazierengehen gestürzt, hatte sich verletzt und konnte nicht mehr aufstehen. „Wir haben eine gute Gemeinschaft“, erklärt Messerschmidt das spontane Engagement seiner Mitbürger.

Dorf sammelt für Reparatur

Nur einmal stand die Existenz der Anlage ernsthaft infrage: 2007 hatte der Orkan Kyrill auch in Friedensdorf gewütet und sämtliche Oberleitungen des „Hochgeschreis“ heruntergerissen. Damit herrschte für einen Moment erstmals Funkstille im Dorf. Aber eben nur für einen Moment. Die Einwohner begutachteten den Schaden, berieten über die Kosten der Reparatur und sammelten kurzerhand 1400 Euro für den Wiederaufbau. Ein örtlicher Elektriker erklomm die Leiter und zog neue Strippen, denn den Menschen in dem 1500-Einwohner-Dorf ist ihre Ortsrufanlage wichtig. Und seitdem ist das Relikt aus den 1950er-Jahren wieder täglich in Gebrauch. „Man erfährt immer das Neueste“, lobt eine Mutter. „Eine schöne alte Tradition“, ergänzt ihre Nachbarin.

Der Ortsvorsteher möchte sogar in eine ausgefeiltere Technik investieren, damit Musik und Text besser zu verstehen sind. In manchen Straßenzügen hängt die Tonqualität nämlich davon ab, ob der Wind gerade günstig steht. Eventuell sollen die Kabel sogar unterirdisch verlegt werden, die bislang vom „Tonstudio“ in der alten Schule auf Haus- und Kirchendächer im ganzen Dorf führen. (dapd)