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Freitag, 12.10.2018

Die Zukunft der Glashütte wächst in die Höhe

Das Freitaler Traditionsunternehmen baut eine neue Produktionshalle. Dadurch steigt auch die Zahl der Arbeitsplätze.

Von Tobias Winzer

Planer Jens Wiegand, Produktionsleiter André Novak, Geschäftsführer Hans-Bernhard-Führ und Mechatroniker Ralf Püschel (v. l.) arbeiten an der Zukunft der Freitaler Glashütte. Im Hintergrund sind die Ausmaße der neuen Produktionshalle schon gut zu erahnen.
Planer Jens Wiegand, Produktionsleiter André Novak, Geschäftsführer Hans-Bernhard-Führ und Mechatroniker Ralf Püschel (v. l.) arbeiten an der Zukunft der Freitaler Glashütte. Im Hintergrund sind die Ausmaße der neuen Produktionshalle schon gut zu erahnen.

© Karl-Ludwig Oberthür

Freital. Die Konturen der neuen Produktionshalle sind schon deutlich zu sehen. Gewaltige Betonstützen ragen gleich neben der Eisenbahnlinie, die durch Freital führt, in die Höhe. Sie stecken die Maße der künftigen Konstruktion ab. Der Geschäftsführer der Glashütte, Hans-Bernhard Führ, ist froh, dass die Bauarbeiten nach Monaten der Vorbereitung nun Fahrt aufgenommen haben. „Eigentlich hatten wir geplant, dass wir hier noch in diesem Jahr mit der Produktion beginnen“, sagt er. Daraus wird nichts. Die ersten Gläser und Flaschen, so der Plan, sollen nun im April 2019 vom Band laufen.

Die Verzögerungen seien vor allem mit dem Warten auf die emissionsrechtliche Genehmigung für den neuen Schmelzofen zu erklären, sagt Führ. Doch die Freude über das Projekt können sie nur minimal trüben. Denn wenn der neue Ofen samt Produktionsschiene Anfang 2019 in Betrieb geht, beginnt für das Traditionsunternehmen mit Sitz an der Dresdner Straße eine neue Zeitrechnung. Die Jahresproduktion kann dann von heute 80 Millionen Flaschen und Gläsern auf gut 180 Millionen Stück gesteigert werden. Die Erweiterung der Kapazitäten ist dringend nötig, weil die Glashütte momentan nur 30 bis 40 Prozent aller Kundenanfragen bedienen kann.

„Es gibt weiterhin eine hohe Nachfrage nach Glas in Deutschland und in Europa“, erklärt Führ. Die Freitaler Glashütte, die zu den kleinsten Produzenten auf dem Markt gehört, hat aus dem vermeintlichen Makel eine Tugend gemacht. Als kleines Unternehmen können die Freitaler ihren Kunden einen großen Vorteil bieten: Sie sind flexibel und stellen schon kleine Serien ab 300 000 Stück her. Führ nennt beispielhaft für den Kundenkreis die Firma Ankerkraut. Diese verkauft Gewürze in Gläsern und kann ein Wachstum von 20 Prozent im Jahr verzeichnen. Flaschen aus der Glashütte werden aber auch für edle Mineralwasser aus Frankreich verwendet oder für Öle, Gin und Craftbier. Ein weiterer Abnehmer ist die Winzergenossenschaft Meißen.

Diese Kunden haben eines gemein: Sie setzen auf individuelles Flaschendesign. Große Glaswerke aber produzieren diese Sonderformen gar nicht. In diese Lücke springt die Glashütte, deren Geschichte in Freital im Jahr 1802 begann. „Wir wollen mit unseren Kunden wachsen“, gibt Führ die Richtung vor. Weil die Glashütte heute mit nur einem Schmelzofen an ihrer Kapazitätsgrenze angelangt ist, müssen die Kunden, die eigentlich gern viel mehr Flaschen und Gläser aus Freital beziehen wollen, von anderen Produzenten kaufen. Das soll sich mit der Inbetriebnahme der zweiten Produktionshalle ändern. Einen mittleren zweistelligen Betrag investiert Führ in das Vorhaben.

„Im Prinzip ein Start-Up“


Die Bauarbeiten für die neue Produktionshalle mit 2 500 Quadratmetern Grundfläche haben Ende Juni begonnen. Bevor die ersten Betonpfeiler gesetzt wurden, mussten zunächst alte Fundamente, die noch im Boden steckten, beseitigt werden. Mit Zement und Split wurde der nur weiche Untergrund außerdem verfestigt. Führ geht davon aus, dass Ende November mit der Montage der ersten Anlagen begonnen werden kann. Sie werden per Kran über das noch offene Dach in die Produktionshalle gehievt. Voraussichtlich im Januar und Februar entsteht dann das Herzstück – der neue Schmelzofen. „Der wird gemauert wie ein Einfamilienhaus“, sagt Führ. Nachdem er auf 1 500 Grad hochgeheizt ist und alle Anlagen aufeinander abgestimmt sind, kann die Produktion beginnen.

Bereits jetzt hat Führ begonnen, zusätzliches Personal dafür einzustellen. Bei der Übernahme des Werkes von der Preiss-Daimler-Gruppe im Jahr 2013 waren rund 80 Menschen in der Firma beschäftigt. Mittlerweile stehen hier 95 Menschen in Lohn und Brot. „Wir nehmen jeden, den wir kriegen können“, sagt Führ.

Einige Beschäftigte habe man zuletzt vom pleitegegangenen Unternehmen Solarworld aus Freiberg übernehmen können. Sie werden bereits jetzt so eingearbeitet, dass der Start in der neuen Produktionshalle möglichst reibungslos funktioniert. Doch die Zahl der Angestellten soll noch weiter steigen. Führ rechnet damit, dass die Glashütte nach der Inbetriebnahme der neuen Produktionshalle mehr als 130 Mitarbeiter haben wird. Anschließend soll mit den Großinvestitionen erst einmal Schluss sein. „Danach müssen wir uns erst einmal konsolidieren. Wir sind ja im Prinzip ein Start-Up-Unternehmen“, sagt Führ mit Blick auf die erst vor fünf Jahren erfolgte Herauslösung aus dem Preiss-Daimler-Konzern und die Festlegung des Geschäftsmodells. „Über weitere Schritte müssen wir noch entscheiden. Aber platzmäßig wäre es möglich.“ Vom Preiss-Daimler-Konzern hat die Glashütte vor Kurzem ein riesiges Grundstück auf dem Werksgelände gekauft. Theoretisch wäre dort Platz für zwei weitere Produktionshallen.