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Mittwoch, 13.06.2018

Die Zahl der Obdachlosen steigt

Die Stadt Dresden stellt ihr neues Konzept zur Hilfe für Wohnungslose vor. Daran gibt es viel Kritik.

Von Julia Vollmer

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Die Idylle an der Elbe trügt: Das Leben für Wohnungslose ist hart. Dresden will nun besser helfen.
Die Idylle an der Elbe trügt: Das Leben für Wohnungslose ist hart. Dresden will nun besser helfen.

© Sven Ellger

Ein alter Schlafsack liegt früh am Morgen im Alaunpark, an den Elbwiesen in der Johannstadt knistert eine Plane im Wind. Notdürftig ist sie zwischen zwei Bäumen gespannt – zum Schutz vor der Kälte in der Nacht. Diese stummen Zeugen sind oft das Einzige, was von den Menschen, die kein Dach über dem Kopf haben, zu sehen ist. Sie sind wohnungs- oder obdachlos. Wohnungslos sind Menschen, die keine eigene Wohnung haben, sondern beispielsweise in Heimen leben. Von obdachlos spricht man bei Personen, die auf der Straße oder Abrisshäusern schlafen.

Wie ist die Situation dieser Menschen und wie will die Stadt ihnen helfen? Am Dienstagnachmittag fand eine Expertenanhörung zum neuen Wohnungsnotfallhilfekonzept im Sozialausschuss statt.

Wie viele Wohnungslose gibt es aktuell in der Stadt?

Die Zahl der Obdachlosen steigt. Aktuell leben rund 320 Menschen auf der Straße, 2010 waren es noch hundert weniger. Die Verwaltung erfasst aber nur diejenigen, die sich wohnungslos melden. Die Dunkelziffer dürfte wesentlich höher sein, denn Viele scheuen den Kontakt mit den Behörden. 2016 waren bundesweit rund 860 000 Menschen ohne Wohnung – seit 2014 ist dies ein Anstieg um fast 150 Prozent, so die Arbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe. Auch die Zahl der wohnungslosen Dresdner steigt. In den Übergangswohnheimen, acht gibt es derzeit, schlafen pro Nacht etwa 282. 2010 waren es rund 200.

Was sind die Gründe für den Anstieg

Ein Grund ist die Zuwanderung. Rund 12 Prozent der Obdachlosen sind EU-Bürger. Experten beobachten einen Anstieg von Obdachlosen aus Polen, Rumänien und der Slowakei. Laut Christian Knappe vom Sozialamt sind aber auch die steigenden Mieten und der sinkende Leerstand Ursachen. „Aus Angst vor Verurteilung oder der Antragsflut trauen sich viele Wohnungslose nicht zum Amt“, so Gerd Grabowski, Leiter der Nachtcafés. Außerdem nennen die Sozialpädagogen: Trennungen, Drogen, Alkohol und Schulden.

Was schlägt die Stadt in ihrem Konzept vor?

Es sind mehrere Dinge geplant. Zum einen sollen noch mehr Menschen von der Straße in die Einrichtungen geholt und deren Ängste davor abgebaut werden. Die Zahl der Übergangswohnungen soll in den nächsten Jahren um 20 erhöht werden, so Knappe. Außerdem werden in allen Wohnheimen mehr Einzelzimmer geschaffen, in Summe 45. Zudem kommt mit dem Heim in Klotzsche auf der Straße Zur Wetterwarte ein Objekt dazu.

Für die „Problemfälle“, also Menschen, die in den anderen Wohnheimen durch Gewalt aufgefallen sind, soll ein „Übernachtungshaus“ mit einem Tagestreff etabliert werden. 20 Plätze entstehen, eine Immobilie dafür gibt es aber noch nicht. Es soll 24 Stunden täglich mit Sozialpädagogen besetzt sein und von einem freien Träger betreut werden, schlägt die Verwaltung vor. Kritiker des Konzepts wie Michael Hagedorn, Sozialarbeiter aus dem Übergangswohnheim in der Hubertusstraße, befürchten, damit einen Brennpunkt zu schaffen. „Pfercht man alle schwierigen Fälle in ein Haus, gibt es noch mehr Konfliktpotenzial unter den Bewohnern“, so Hagedorn in der Anhörung. Es sei aktuell schon schwierig, manche Obdachlose mit Drogen-und Alkoholproblemen zu bändigen.

Wo gibt es die drängendsten Probleme?

Laut Stadt konsumiert ein Großteil der Menschen, die aktuell in Übergangswohnheimen untergebracht sind, Drogen und Alkohol. Daher sei es zwingend nötig, mit Suchtberatungsstellen zu kooperieren. Damit soll 2019 begonnen werden. Außerdem nimmt der Anteil unter den Wohnungslosen, die einen akuten Pflegbedarf haben, immer weiter zu, so Christian Knappe vom Sozialamt. In den Einrichtungen werden sechs Zimmer geschaffen, die barrierefrei sind. Doch in Einzelfällen entlassen sich Obdachlose aus Krankenhäusern oder Pflegeeinrichtungen selbst und müssen dann in den Heimen versorgt werden.

Aktuell werden die Menschen von verschiedenen Pflegediensten betreut. Hier soll noch besser an einer Kooperation gearbeitet werden. Michael Schulz von der Diakonie sieht die Gefahr, die Menschen, die zum Teil aus psychischen Gründen pflegebedürftig sind, sonst nicht mehr zu erreichen. „Sie brauchen mehr Schutz.“

Leser-Kommentare

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Insgesamt 14 Kommentare

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  1. Demokrat

    Hier kann man nur sagen :Währet den Anfängen aus der Obdachlosigkeit verbunden mit Drogen entwickelt sich auch Kriminalität.Insofern muß sich der Staat Gesetze schaffen die es ermöglichen solche Personen auch gegen deren Willen von der Strasse zu holen. Bundesweit ca 1 Mio ist doch zu regeln am Geld kann es nicht liegen WIR SCHAFFEN ES. Natürlich muß man dann differenzieren - Polen ,Rumänen,Slowaken müssen ihren Ländern zugeführt werden-Freizügigkeit innerhalb Europas bedingt Einhaltung von Regeln u.Gesetzen dh wer als Europäer hier keine Arbeit findet kann nicht dableiben. Drogenabhängigen müssen in Einrichtungen eingewiesen werden ob es ihnen passt oder nicht,da müssen sie auf das normale Leben vorbereitet werden.Das ist der Schutz den der Staat solchen Bürgern bieten muß. Wir sind doch so REICH u.WO ES EIN PROBLEM GIBT MÜSSEN WIR ES LÖESEN ,da bin ich doch ganz auf der Seite der Kanzlerin also mal los Ärmel hochgekrempelt .Im Voraus Dank Frau Merkel das sie es angehen oder ?

  2. Schon wieder

    Und schon wieder bringt die SZ die Fake-News-Zahl von 850.000 Wohnungslosen in Deutschland in Umlauf. Diese Zahl ist nicht zu beweisen, denn sie wird von Initiativen und Vereinen geschätzt, auf der Grundlage der letzten seriösen Zählungen in der alten Bundesrepublik der 1980-er Jahre. In Dresden gibt es 320 Wohnungslose. Punkt. Alle andere halten sich nicht für wohnungslos, denn sonst würden sie sich melden. Wenn aber der Sozialindustrie die Kundschaft ausgeht, muss man eben mal ein paar Vermutungen verbreiten, damit der Fördertopf nicht versiegt.

  3. Meckerfritze

    Ich dachte die montäglichen besorgten Kreisläufer haben sich dieses Problems angenommen?! Nach all diesen Kommentaren in den sozialen Netzwerken zu diesem Thema dachte ich, die Obdachlosigkeit ist in dieser Stadt ausgerottet. Nun bin ich enttäuscht. Danke, Lutz!

  4. Stef

    "Rund 12 Prozent der Obdachlosen sind EU-Bürger" - gemeint ist wohl: EU-Ausländer, also Personen von innerhalb der EU, aber außerhalb Deutschlands. Denn die große Mehrheit der Obdachlosen sind Deutsche, die zugleich natürlich auch EU-Bürger sind.

  5. Martin Ender

    Das Thema bezahlbarer Wohnraum, prekäre Wohnverhältnisse und Obdachlosigkeit in Dresden flammen in der SZ wiederholt auf. Hauptursache sehe ich jedoch in der jahrelangen Ignoranz und Ausblenden der tatsächlichen Schieflage sowie der Wohnraum- und Mietpreisentwicklung des ehemaligen Sozialbürgermeisters Martin Seidel und inzwischen seiner Nachfolgerin Dr. Kristin Kaufmann. Es ist unglaublich was sich die Dresdner Sozialverwaltung seit Jahren erlaubt. Weder die Belegungsrechte bei der Gagfah/Vonovia sind tatsächlich verfügbar, die schleppende Wohngeldbearbeitung oder die Unverschämtheiten und die bürokratische Trettmühle des ebenfalls zuständigen Dresdner Jobcenters (z.B. Deckelung der Höhe der Kaltmiete bei Neuanmietung) sind Beispiele wie wenig Schutz und Hilfe tatsächlich für Menschen ermöglicht werden, um eine Notlage wie Artikel beschrieben zu überwinden. Das in Dresden überhaupt keine Sozialwohnung gebaut bzw. bis 2019 fertiggestellt wird ist nur ein weiterer Gipfel.

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