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Donnerstag, 17.05.2018

Die wilden Jahre der Treuhand

Von Uwe Schulz

Der damalige Treuhand-Chef Detlev Karsten Rohwedder und Treuhand-Vorstandsmitglied Birgit Breuel sprechen am 28.02.1991 in Berlin bei einer Pressekonferenz zum Informationsgespräch mit Betriebsräten und Großunternehmen der Treuhand.
Der damalige Treuhand-Chef Detlev Karsten Rohwedder und Treuhand-Vorstandsmitglied Birgit Breuel sprechen am 28.02.1991 in Berlin bei einer Pressekonferenz zum Informationsgespräch mit Betriebsräten und Großunternehmen der Treuhand.

© Andreas Altwein / dpa

Gut vierzig Jahre existierte die Deutsche Demokratische Republik, vor fast drei Jahrzehnten ging sie in der Bundesrepublik Deutschland auf. Lange her. Manche Folgen spürt man immer noch, manche jetzt umso stärker. Geschichte hat einen langen Arm. Als die DDR aufhört zu existieren, ist Marcus Böick noch nicht einmal zehn Jahre alt. Geboren 1983 in Aschersleben, bekommt der Junge später solche Dinge wie Währungsunion, Deutsche Einheit und Treuhand zwar vielleicht mit. Aber dass er einmal an der Ruhr-Universität Bochum am Projekt „Wahrnehmung und Bewertung der Arbeit der Treuhandanstalt“ wissenschaftlich mitarbeiten würde, war nicht absehbar. Das Projekt ist jetzt fertig, mündete in ein Buch über die Treuhand, das Anfang Juli erscheint. Die Friedrich-Ebert-Stiftung konnte Marcus Böick und Integrationsministerin Petra Köpping für zwei Abend-Veranstaltungen in Sachsen gewinnen – eine in Grimma und eine in Hoyerswerda.

Der Wissenschaftler ist in seinem Element. In atemberaubenden Tempo stellt er die wichtigsten Ergebnisse der Forschung vor. Die Idee einer treuhänderischen Verwaltung des Volkseigentums geht auf den Runden Tisch in den letzten Monaten der DDR zurück. Welche Dramatik sich daraus bis zur Auflösung der Treuhand 1994 ergibt, kann keiner ahnen. Im Osten will man mit den Regierenden nichts mehr zu tun haben, meistens auch nichts mehr mit den Firmenchefs. Im Westen hat man aber auch keinen Plan für die Wiedervereinigung. Viele Entscheidungen werden aus der Situation heraus getroffen. Gutes Personal ist rar. Doch es ist politischer Wille, einen kurzen radikalen Übergang in den neuen Bundesländern anzugehen, der in ein zweites Wirtschaftswunder münden soll.

Was vierzig Jahre zuvor funktioniert hat, klappt aber nicht wie gewünscht. Das ursprünglich auf 600 bis 1 000 Milliarden D-Mark bewertete VEB-Vermögen ist letztlich unter teils reeller, teils fragwürdiger Bewertung des freien Marktes nach der Wende nur noch einen Bruchteil davon wert. Als nach zwei Jahren von den ursprünglich 8 500 Betrieben in Treuhand-Verwaltung 90 Prozent privatisiert oder abgewickelt sind, steuert man politisch gegen, weil man merkt, dass das auf eine Komplettzerschlagung der Wirtschaft hinausläuft, die Menschen die Landstriche noch stärker verlassen würden. Erst ab da wird eigentlich saniert, weitergedacht. Die großen industriellen Kerne bleiben (meistens) übrig. Marcus Böick hat das wissenschaftlich beleuchtet, weiß, dass von den rund 4 000 Treuhandmitarbeitern 1992 die meisten ostdeutscher Herkunft und Frauen waren. Die Führungsebene aber war westdeutsch. Es wurde mit gigantischen Summen hantiert, der Verkauf der Betriebe ging zu 75 Prozent an westdeutsche Käufer, weil im Osten schlicht meistens das Geld fehlte. Die Folgen sind bis heute spürbar.

Anwohner will konkrete Hilfe

Bemerkenswert an diesem Abend der Moment, als ein älterer Mann aufsteht, schildert, wie er vom Amt für offene Vermögensfragen wie so mancher in der Gegend das Schreiben bekommen hat, dass er im Rahmen der Restitutionsansprüche für sein schon mal rechtmäßig erworbenes Grundstück nun zu zahlen habe. Der Wissenschaftler auf dem Podium sieht die geschichtliche Komponente, den Zeitzeugen, hat aber auch die Empathie, dessen Gedanken nachzuvollziehen. Doch dieser Mann will eigentlich nur wissen, ob er das denn nun bezahlen muss. Das kann ihm an dem Abend keiner sagen. Geschichte hat einen langen Arm.

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