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Freitag, 27.04.2018

Die versteckte Frauenkrankheit

Endometriose kann zu Kinderlosigkeit führen – muss es aber nicht, wie der Fall einer Dresdnerin zeigt.

Von Stephanie Wesely

Familienglück: Maria und Felix Wackernagel mit den Zwillingen. Lange war unklar, ob die beiden jemals Eltern werden können.
Familienglück: Maria und Felix Wackernagel mit den Zwillingen. Lange war unklar, ob die beiden jemals Eltern werden können.

© Thomas Kretschel

Ben Charles und Leon Bruce sind fröhliche Kinder. Die einjährigen Zwillinge halten ihre Eltern Maria und Felix Wackernagel auch immer auf Trab. Vor drei Jahren hätte es Maria nicht für möglich gehalten, noch einmal so glücklich sein zu können. Die Zeit ihrer Regelblutung war für die Dresdnerin jeden Monat die Hölle.

Schon seit der Pubertät brauchte sie die stärksten Schmerztabletten, doch selbst die halfen irgendwann nicht mehr. „Wenn ich mich Freundinnen oder Erwachsenen anvertraute, wurde ich belächelt“, sagt sie. „Auch mein Arzt hat mich als Simulantin abgetan.“ Regelschmerzen kenne schließlich jede, da müsse man nun mal durch, hieß es dann immer.“ Auch in Schule und Ausbildung fiel die heute 30-Jährige häufig aus. „Ich konnte in diesen Zeiten einfach nur auf dem Boden liegen und mich nicht rühren.“

Dass sie Endometriose hat, weiß sie erst seit etwa drei Jahren. „Meine Schwiegermutter war damals OP-Schwester und vermutete diese Krankheit bei mir, weil es zusätzlich zu den Schmerzen auch mit einer Schwangerschaft nicht recht klappen wollte“, so Maria Wackernagel. Da die Uni-Frauenklinik in Dresden ein zertifiziertes Endometriosezentrum ist, riet sie ihr, dorthin zu gehen.

Schwierige Diagnose

Etwa jede zehnte Frau im gebärfähigen Alter leidet an Endometriose. „Pro Jahr gibt es 40 000 Neuerkrankungen in Deutschland“, sagt Dr. Nannette Grübling, die als Frauenärztin das Endometriosezentrum der Uni-Frauenklinik leitet. „Wir vermuten, dass es noch viel mehr Betroffene gibt, weil es durchschnittlich sechs Jahre dauert, bis die Frauen Gewissheit über ihre Krankheit haben.“ Fälle wie den von Maria Wackernagel kennt sie zur Genüge. Denn die Erkrankung werde häufig erst dann erkannt, wenn sich die Frauen wegen ihres unerfüllten Kinderwunschs in Behandlung begeben. So wie Maria würden viele Frauen nicht ernst genommen und als wehleidig abgetan.

Bei der Endometriose siedelt sich Gewebe, ähnlich der Gebärmutterschleimhaut (Endometrium), an umliegenden Organen oder an der Bauchwand im kleinen Becken an. So wie sich die Gebärmutterschleimhaut zyklusabhängig verändert, tut sie dies auch an den anderen Stellen im Körper. Die Folge sind Entzündungsreaktionen, die Bildung von Eierstockzysten oder die Entstehung von Verwachsungen. „Das verursacht starke Schmerzen, denen oft selbst mit starken Schmerzmitteln nicht beizukommen ist“, sagt Dr. Grübling.

Es gibt verschiedene Theorien über die Ursachen von Endometriose, wobei keine allein die mannigfaltigen Aspekte der Krankheit erklären kann. Endometriose kann tief ins Gewebe einwachsen, sodass die Organe im Lauf der Jahre regelrecht zerstört werden könnten. „Viele Patientinnen leiden deshalb nicht nur während der Regelblutung, sondern über den gesamten Zyklus“, so Nannette Grübling. Anhand der von den Frauen geschilderten Symptome könnten Ärzte zwar eine Endometriose vermuten, zweifelsfrei bestätigen ließe sich das aber nur mit einer Bauchspiegelung. Das ist ein minimalinvasiver Eingriff, der unter Narkose erfolgt. Als Symptome werden oft genannt: Regelschmerzen, Schmerzen beim Geschlechtsverkehr, ungewollte Kinderlosigkeit, aber auch unspezifische Beschwerden wie Unwohlsein, schmerzhaftes Wasserlassen oder Darmprobleme.

„Die Behandlung ist immer individuell“, sagt die Frauenärztin. Viele Frauen profitieren von der Einnahme der Verhütungspille oder eines Präparats, das die Monatsblutung unterdrückt, so Grübling. Maria Wackernagel nahm auch eine Weile diese Pillen. Doch sie und ihr Mann wünschten sich Kinder. Dafür mussten die Pille abgesetzt und Schmerzen in Kauf genommen werden.

Erfolgreiche Therapie

„Endometriose lässt sich sehr gut operativ behandeln. Die Herde werden dabei abgetragen. Bei bestehendem Kinderwunsch kann gleichzeitig die Durchgängigkeit der Eileiter überprüft werden, denn die sind häufig krankheitsbedingt verklebt“, erklärt die Spezialistin. Nach solchen Eingriffen ist die Wahrscheinlichkeit für den Eintritt einer Schwangerschaft sehr hoch. Maria Wackernagel entschied sich zu diesem Schritt. Bei ihr hatte sich Gebärmuttergewebe im Beckenraum und sogar an der Harnröhre angesiedelt, wie der Befund zeigte. Der OP folgte eine kurze Hormonbehandlung und danach die künstliche Befruchtung.

„Wir haben uns keine Illusionen gemacht. Für den Fall, dass es nicht klappt, haben wir eine Adoption in Erwägung gezogen – oder ein Leben ohne Kinder“, sagt Maria Wackernagel. Das sei richtig, denn sich gar so sehr auf den Kinderwunsch zu versteifen, könne der Frauenärztin zufolge zu psychischen Problemen führen. „Und diese verschlimmern dann die Beschwerden“, sagt sie.

Doch es hat gleich beim ersten Versuch geklappt. „Wir waren sehr glücklich.“ Während der Schwangerschaft habe sie sich so gut gefühlt wie nie zuvor. „Ich hatte schon die Hoffnung, die Krankheit sei überstanden“, so die junge Frau. Doch nachdem ihre beiden Jungen auf der Welt waren, ging alles wieder von vorne los. „Noch eine Operation wollte ich nicht. Deshalb habe ich mich für eine Drei-Monatsspritze entschieden, bei der ebenfalls die Regelblutung unterdrückt wird.“ Doch ganz ist sie die Schmerzen nicht los. „So starke Schmerzmittel möchte ich auch nur noch im Ausnahmefall nehmen“, sagt sie. Nun versucht sie, mit Moorpackungen, Entspannungsverfahren und pflanzlichen Mitteln die Beschwerden zu lindern.

„Endometriose ist eine chronische Erkrankung. Sie kann immer wiederkehren“, so Nannette Grübling. „Trotz Operation und Einnahme von Medikamenten treten je nach Stadium der Erkrankung bei 30 bis 80 Prozent der Patientinnen wieder Beschwerden auf.“ Sie fallen im Arbeitsprozess häufig aus.

Weiteren Nachwuchs plant Familie Wackernagel nicht. „Operation und Hormonbehandlung möchte ich meinem Körper nicht noch einmal zumuten“, sagt sie.

Auf Konkurrenz müssen sich Ben-Charles und Leon-Bruce also nicht einstellen. Sie haben ihre Eltern ganz allein für sich und scheinen das gut zu finden, wie ihr fröhliches Quietschen vermuten lässt.