erweiterte Suche
Montag, 11.06.2018

Die Suche nach der Euphorie

Schwache Tests und taktische Defizite – von WM-Vorfreude ist nichts zu spüren. Joachim Löw bleibt trotzdem gelassen.

Von Frank Hellmann

Nägelkauen tut bei Nervosität gut, manchmal hilft es auch beim Finden von Lösungen. Bundestrainer Joachim Löw muss noch einige Baustellen beheben.
Nägelkauen tut bei Nervosität gut, manchmal hilft es auch beim Finden von Lösungen. Bundestrainer Joachim Löw muss noch einige Baustellen beheben.

© action press

Nicht immer spiegeln Beiträge in den Kommentarspalten der sozialen Netzwerke die Stimmungslage angemessen wider. Am Wochenende haben Nörgler, Skeptiker und Zweifler bei der deutschen Nationalmannschaft mächtig Aufwind bekommen. Größte Pessimisten tauschten sich via Instagram und Facebook bereits über eine Heimreise nach der Vorrunde aus, was gewaltig übertrieben ist, nur weil der Weltmeister am Freitagabend in Leverkusen bei der Generalprobe gegen Saudi-Arabien (2:1) so wenig Titelreife erkennen ließ.

„Wir müssen sicherlich noch drauflegen, klar“, konstatierte Bundestrainer Joachim Löw. Und viele Betrachter im Presseraum der BayArena wollten Sorgenfalten auf der Stirn des 58-Jährigen erkannt haben. Ob die nun aus Pfiffen gegen Ilkay Gündogan oder aus dem unrunden Gesamtauftritt der Mannschaft entstanden: Fakt ist, dass auch bei Löw Aufbruchsstimmung und Vorfreude auf sein nunmehr drittes WM-Turnier in der Chefrolle eigentlich anders aussehen.

Das freie Wochenende, an dem sich Manuel Neuer zum Dressurreiten seiner Frau ins Sauerland begab und Thomas Müller ein Ausflugsfoto zum Schloss Neuschwanstein verbreitete, kann nicht verhindern: Wenn die deutsche Delegation am Dienstag um 13 Uhr mit Flug LH 2018 von Frankfurt nach Moskau abhebt, befinden sich auf einmal imaginäre Bleiwesten an Bord. „Wir haben in der zweiten Halbzeit wieder alles vermissen lassen. So ist es schwer“, moserte Ersatzkapitän Sami Khedira, einer von sieben Weltmeistern in der Startelf.

Unter dem Motto „ZSMMN nach dem Stern greifen“ wird die Mission Titelverteidigung zusammengefasst, aber so sperrig der Slogan klingt, so verquer tritt das Team auch auf. Es gelang im Grunde schon seit Längerem in den Länderspielen selbst gegen Hochkaräter wie Frankreich, Spanien oder Brasilien nicht mehr, die Körperspannung über 90 Minuten aufrecht zu erhalten; ganz fatal wirkte der Leistungsabfall nun nach der Pause in Österreich und gegen Saudi-Arabien.

Das deutsche Ensemble hat aus beiden Vorbereitungsspielen noch weniger Honig gesogen als ein Bienenschwarm aus einer abgemähten Blumenwiese. Vor allem die Schwächen in der Rückwärtsbewegung könnten sich zum Kardinalproblem auswachsen; wohl nicht durchgängig in der Gruppenphase, aber durchaus in einem möglichen Achtelfinale gegen Serbien oder einem Viertelfinale gegen Belgien. „So viele Räume dem Gegner zuzugestehen, geht nicht immer gut“, wusste auch Löw, der zur Erklärung auf das umfangreiche Trainingslager („Wir haben zwei Wochen relativ viel und manchmal sehr intensiv trainiert“) verwies. Frische und Dynamik würden vorhanden sein, wenn am nächsten Sonntag im Luschniki-Stadion das erste WM-Gruppenspiel gegen Mexiko ansteht.

Gleichwohl bleiben Fragezeichen stehen: Etwa hinter Fitness und Form des lange verletzten Verteidigers Jérôme Boateng, der sich in seinem 45-minütigen Einsatz teilweise auffallend schwerfällig über den Rasen schleppte, wenn er denn nicht ausrutschte. Und so offensiv Joshua Kimmich und Jonas Hector auf den Außenbahnen auch ankurbeln: Bei Ballverlusten sind ihre Seiten verdammt offen. Speziell beim mit dem 1. FC Köln in die zweite Liga abgestiegenen Hector zeigt sich, dass lange Verletzungspause und andere Position im Verein für das Nationalteam eine unheilvolle Konstellation bilden. Mit Marvin Plattenhardt führt der Kader zwar einen Backup, der aber vielleicht die größte Diskrepanz zum erforderlichen Niveau bildet.

Immerhin brachte der finale Test auch einen Gewinner hervor: Marco Reus gefiel nicht nur bei der Vorbereitung des Führungstors durch den agilen Timo Werner, sondern riss mit seinen Läufen so viele Lücken, dass sich der Zweikampf mit Julian Draxler um die Position am linken Flügel als spannend erweist. Der 29-Jährige gibt in Bestform einen Mehrwert. Löw weiß um den Faktor eines gesunden Reus: „Ich bin überzeugt, dass er einen wesentlichen Beitrag leisten wird, dass wir in diesem Turnier hoffentlich sehr weit kommen.“

Für Kollege Juan Antonio Pizzi – der Argentinier übernahm nach der verpatzten Qualifikation mit Chile das Nationaltraineramt beim im Eröffnungsspiel gegen Russland geforderten WM-Teilnehmer Saudi-Arabien – bleibt Deutschland ein Topfavorit auf den Titel. Löw selbst verspricht: „Wenn es losgeht, werden wir da sein!“ Vielleicht gibt es ja rund ums deutsche Quartier in Watutinki vor den Toren Moskaus in ausgedehnten Birkenwäldern einen Ort, an dem sich die imaginären Bleiwesten abstreifen lassen.

Leser-Kommentare

Insgesamt 0 Kommentare

    Ihr Kommentar zum Artikel

    Bitte füllen Sie alle Felder aus.

    Verbleibende Zeichen: 1000
    Text Bitte geben Sie die abgebildete Zeichenfolge ein
    Bitte beachten Sie unsere Hinweise zum Datenschutz.