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Mittwoch, 13.06.2018

Die schönste und beste WM

Fifa-Chef Infantino ist mit dem Gastgeber Russland sehr zufrieden. Die Stadien wurden rechtzeitig fertig. Doch einige stört die Fanmeile an der Lomonossow-Universität.

Von Klaus-Helge Donath, Moskau

Das komplett umgebaute Luschniki-Stadion: Hier beginnt am Donnerstag die Fußball-WM mit dem Eröffnungsspiel zwischen Russland und Saudi-Arabien. Unmittelbar daneben die Fanmeile, die zumindest bei vielen Studenten auf wenig Gegenliebe stößt.
Das komplett umgebaute Luschniki-Stadion: Hier beginnt am Donnerstag die Fußball-WM mit dem Eröffnungsspiel zwischen Russland und Saudi-Arabien. Unmittelbar daneben die Fanmeile, die zumindest bei vielen Studenten auf wenig Gegenliebe stößt.

© Kyodo/dpa

Moskaus Bürgermeister Sergej Sobjanin kam die Idee erst in letzter Minute. Arbeitgebern in der Hauptstadt empfahl er, Mitarbeitern den Eröffnungstag der Fußball-Weltmeisterschaft freizugeben. Die vorangegangenen Tage waren schon arbeitsfrei. Russland beging nämlich den „Russland-Tag“. Ein seltsames Datum heute, das einst die Unabhängigkeit von der Sowjetunion feierte.

Im September möchte sich der Stadtvater wiederwählen lassen. Doch das war nicht der einzige Grund, den Wählern eine unerwartete Freude zu bereiten. Wichtiger dürften verkehrs- und sicherheitstechnische Überlegungen gewesen sein. Je weniger sich auf der Straße abspielt, desto reibungsloser verlaufen die Feierlichkeiten. Menschen werden in Russland schnell mal als Störfaktor empfunden. „Kein Mensch, kein Problem“, diese Formel prägte kein geringerer als Diktator Stalin.

Inzwischen geht es natürlich ziviler zu. Dennoch stellen die Bürger auch bei der Fußball-Weltmeisterschaft ein Restrisiko dar, das der Bürokratie das Leben erschwert. Darunter sind die Studenten der Moskauer Staatlichen Lomonossow Universität (MGU). Auf ihrem Campus durfte die Fifa die Fanmeile der WM einrichten. Russen sprechen von „Fanzona“.

Die MGU ist malerisch gelegen. Sie thront auf den Sperlingsbergen oberhalb der Stadt. Von hier ist Moskau einzusehen. Das von Grund auf umgebaute zentrale Luschniki-Stadion, das die Feierlichkeiten und das Endspiel beherbergen wird, liegt der Fanmeile zu Füssen. Es schmiegt sich in eine Schleife der Moskwa. Linker Hand grüßen die Wolkenkratzer der Moskau-City, wo das Geld gemacht wird. Bei gutem Wetter leuchten die Dächer des Kreml und der Christus-Erlöser-Kathedrale in der Ferne. Diesen Blick wollte die Fifa den WM-Besuchern nicht vorenthalten.

„Das Problem ist aber, wir haben jetzt Prüfungen“, sagt Ilja. Der 20-jährige Mathematikstudent möchte den vollen Namen nicht nennen, weil die Studenten wegen des Protestes schon in die Mühlen der Sicherheitsapparate gerieten. Es bleibt nicht nur bei ‚belehrenden Gesprächen‘ mit Vertretern der Universität. Letzte Woche wurde ein Aktivist vom Geheimdienst aus der Prüfung geholt. Zwölf Stunden Verhör folgten, ein Anwalt wurde nicht zugelassen. Freunde und Verwandte erfuhren nicht, wo sich der Student aufhielt, erzählt Ilja im Park an der Uni. Der Student hatte auf ein WM-Schild „njet fanzony“ (keine Fanmeile) gesprayt. Auch Anklage war erhoben worden. Inzwischen wurde die Vandalismus-Klage fallen gelassen. Die Unileitung bat beim Innenministerium, das Verfahren einzustellen. Deswegen seien sie aber noch nicht aus der Schusslinie, erzählt Ilja. Handys wurden eingesammelt, bei einigen wurden Accounts gehackt. Sie sollen sich überwacht fühlen, meint er.

Die Studenten hatten vor einem Jahr bei der Fifa einen Antrag gestellt, die Fanmeile zu verlegen. Die Eingabe blieb unbeantwortet, meint Ilja. Sie seien keine Fußballgegner, der Lärm störe einfach. Mehr als 6 000 Studenten und Dozenten wohnen in dem 34-geschossigen Trakt der MGU. „Wir können nicht einfach ausweichen.“ Er sei auf Unannehmlichkeiten gefasst, meint Ilja stoisch. „Bislang hatten wir vor allem schlechte Erfahrungen mit russischen Behörden. Jetzt kommen auch noch internationale dazu“, schmunzelt er. Gemeint ist die Fifa.

Fifa-Chef Gianni Infantino ist unterdessen mit dem Gastgeber sehr zufrieden. In Wladimir Putins Umgebung lächelt er unentwegt. Das werde die schönste und beste WM verkündet der Schweizer seit Wochen. Moskau sei bereit für das Turnier. Moskau und die Fifa haben sich immer gut verstanden. Herrschaftsform und Regierungsstil sind sich zumindest äußerlich ähnlich, auch die Freude am großen Geld verbindet. Demokratische Prinzipien und Transparenz hingegen stören die Herrenriegen.

Präsident Wladimir Putin und der Fifa-Boss können ebenfalls zufrieden sein. Nicht alles, was geplant war, wurde auch gebaut, einiges fiel am Ende bescheidener aus. Die Stadien sind jedoch rechtzeitig fertig geworden. Nur die Einweihung der von Porsche gestylten Seilbahn, die das Stadion Luschniki und die Sperlingsberge verbinden soll, musste um ein paar Wochen verschoben werden. Langsam scheint auch Stimmung aufzukommen. Im Winter war kaum etwas davon zu spüren. Russland versteht indes zu feiern. Ausgelassenheit und Großzügigkeit gehören zur mentalen Grundausrüstung vieler Menschen in Russland. Dazu gesellt sich ein Hang zur „weißen Magie“ des offiziellen Moskaus. Dahinter verbirgt sich seit Jahrhunderten der Hang, besonders Gäste aus dem Westen zu umgarnen. Jeder Wunsch wird von den Lippen abgelesen. Nichts ist unmöglich, nichts zu aufwendig. Gerade Besucher aus Deutschland verfallen gerne dieser Kunst. Davon sind auch Prominente nicht ausgenommen.

Kremlchef Putin wird das Ereignis nutzen, um sein ramponiertes Image aufzubessern. Seit Vergabe der WM Ende 2010 hat sich einiges angehäuft: Annexion der Krim, Besetzung der Ostukraine, Intervention auf Seiten Assads im Syrienkrieg und hartnäckiges Leugnen der Giftgaseinsätze des Diktators, Abschuss des Flugzeugs der malaysischen Airline MH 17 mit fast 300 Toten 2014 über der Ukraine, der noch nicht endgültig geklärte Fall des früheren Doppelagenten Sergej Skripal im englischen Salisbury. Nicht zuletzt Einmischung in die US-Präsidentschaftswahlen und Versuche, auch in Frankreich und Deutschland in IT-Netzwerke einzudringen.

Ach, da war ja auch noch das staatlich sanktionierte Doping der russischen Athleten bei den Winterspielen in Sotschi 2014.

Russlands Verhältnis zum Westen ist nicht erst seit Kremlchef Putin schwierig geworden. Das Land oszilliert seit jeher zwischen widersprüchlichen Emotionen. Einerseits fühlt es sich angezogen, gleichzeitig aber auch fremd und vom Westen abgestoßen. Seit der Krim unterstreicht Moskau trotzig die eigenständige Rolle, die es mit konservativen Werten aufrüstet. Selbstgerecht entschied es sich für eine isolierte Randstellung. Gleichzeitig dürstet es den Kreml jedoch nach Anerkennung, die diese WM trotz Krise einbringen soll.

Kurzum: Moskau kann nicht mit und auch nicht ohne den Westen. Dieser innere Riss quält Russland von alters her und bremst die Entwicklung zur offenen Gesellschaft. Ein Spalt, der oft auch durch die Menschen selbst verläuft. Mehr als 600 000 Touristen besuchen die WM. Manch einen dürfte dieser Bruch gelegentlich stutzig machen. Russland wird sich zweifelsohne von seiner besten Seite zeigen. Besucher werden begeistert heimkehren und alles für Klischees erklären, was sie vorher über Russland erfahren hatten.

Die WM-Städte haben sich herausgeputzt. Wenn sie sich von europäischen Städten unterscheiden, dann vor allem, weil sie frischer und moderner wirken als jene im alten Europa. Auch die Jugend macht keine Ausnahme in Kleidung und Freizeitverhalten. „Schaut her, was wir alles auf die Beine stellen können!“ Dieses Signal will Moskau in die Welt senden, meint der in Russland geborene Sporthistoriker Peter Kaiser. Darum ginge es Wladimir Putin vor allem.

Modernisierung geschieht in Russland meist schubweise. Großveranstaltungen wie Olympische Spiele und Weltmeisterschaften sind willkommene Anlässe. Auf einen Schlag wird das Land für die Zukunft fit gemacht. Diese Erneuerungsmaßnahmen bieten gleichzeitig auch Gelegenheit, die eigene Klientel zu begünstigen und politische Gefolgschaft zu sichern. Das erklärt nicht zuletzt, warum in Russland die Olympischen Spiele in Sotschi die teuersten aller Zeiten waren. Auch die Fußball-WM fällt mit rund zwölf Milliarden Euro kostspieliger aus als frühere. Hier haben sich die Planer nicht verrechnet, die Elite erhält vielmehr über Umwege Zuteilungen aus dem Staatssäckel.

Kritik an der üppigen Selbstversorgung wird unterdessen erstickt. So ist es wohl kein Zufall, dass der Antikorruptionskämpfer und Putin-Herausforderer, Alexei Nawalny, zurzeit in einer mehrwöchigen Haft sitzt – wegen einer vermeintlichen Ordnungswidrigkeit. Auch seine Pressesprecherin und Mitarbeiter aus den Regionalbüros wurden prophylaktisch erst einmal aus dem Verkehr gezogen.

Im Vergleich zum Schicksal anderer „Störfaktoren“ haben sie es indessen noch gut getroffen. Der tschetschenische Leiter des Memorial-Büros in Grosny, Ujub Titijew, sitzt seit Monaten im Nordkaukasus in U-Haft. Bei einer Kontrolle waren dem Menschenrechtler wohl Drogen untergeschoben worden. Der ukrainische Regisseur Oleg Senzow befindet sich in einem Lager im Hohen Norden. Er soll angeblich Terroranschläge auf Brücken und Denkmäler auf der Krim vorbereitet haben. 2014 erhielt er eine 20-jährige Lagerhaft-Strafe. Senzow ist seit einem Monat im Hungerstreik. Er fordert die Freilassung von 60 ukrainischen Häftlingen. Sein Tod würde die WM in Russland überschatten.

Der chancenlosen russischen „Sbornaja“ begegnet der Kremlchef gleichwohl mit Nachsicht. Gewöhnlich geht es Putin um den Sieg und nicht ums Dabeisein. Diesmal setzt er jedoch nur aufs Durchhalten: „Hingabe, kämpferischen und kompromisslosen Fußball“, fordert der Kremlchef.

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