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Freitag, 12.01.2018

Die Rückkehr des kleinen Kaufhauses

Nobelpreisträger Günter Blobel ist auf dem Neumarkt fast am Ziel. Der Fassaden-Streit ist beendet.

Von Sandro Rahrisch

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Am Neumarkt wurde am Freitag Richtfest gefeiert.
Am Neumarkt wurde am Freitag Richtfest gefeiert.

© Sven Ellger

  • Am Neumarkt wurde am Freitag Richtfest gefeiert.
    Am Neumarkt wurde am Freitag Richtfest gefeiert.
  • So soll das Neumarkt-Kaufhaus einmal aussehen.
    So soll das Neumarkt-Kaufhaus einmal aussehen.
  • Diese Visualisierung zeigt, wie das Gebäude früher einmal aussah.
    Diese Visualisierung zeigt, wie das Gebäude früher einmal aussah.

Für Ballkleider war das Kaufhaus „Au petit bazar“ immer eine gute Adresse. In einem Dunkelcabinet und bei effektvollem Kunstlicht konnten Frauen die edlen Stoffe anprobieren. Die mit Markisen überspannte Schaufensterfront galt Mitte des 19. Jahrhunderts als hochmodern. Über 70 Jahre nach der Zerstörung des Neumarkt-Kaufhauses hat Medizin-Nobelpreisträger Günter Blobel der Stadt Dresden das „Au petit bazar“ zurückgebracht. Der Rohbau an der Ecke Frauenstraße steht, die Fenster sind drin – am Freitag haben Architekten und Handwerker Richtfest gefeiert. Nur einer fehlte auf der Party.

„Gern wäre ich aus New York zu ihnen gekommen – zu meiner Baustelle, zu meiner Frauenkirche und auf meinen Neumarkt“, ließ der 81-Jährige verlesen. Doch der Zellforscher sei in seinem Labor an der Rockefeller University zu beschäftigt. Als Neunjähriger war Blobel auf seiner Flucht aus Schlesien nach Dresden gekommen. Damals lag der Neumarkt noch nicht in Schutt und Asche. Die Bilder des lebendigen, historischen Dresdens ließen ihn nie wieder los. Als er 1999 den Nobelpreis bekam, spendete er 820 000 Euro vom Preisgeld für den Wiederaufbau der Frauenkirche. Mit dem Bau des neuen „Au petit bazar“ werde eine weitere klaffende Kriegswunde auf dem Neumarkt geschlossen, sagt er. Den Rohbau sehe er klar vor sich. Er sei immer auf dem Laufenden, ließ er die Gäste am Freitag wissen.

So perfekt das alles klingen mag: Bevor die ersten Ziegelsteine aufeinandergesetzt werden konnten, hat es viel Knatsch darüber gegeben, wie das Haus aussehen soll. Blobel wollte sein „Märchenschloss“, wie er es nennt, weder originalgetreu wiederaufbauen, noch etwas gänzlich Neues schaffen. So wird die Schaufensterfront, die sich früher über zwei Geschosse erstreckte, auf das Erdgeschoss reduziert. Die Balkone setzen eine Etage tiefer an. Und die Decken werden höher, die Zimmer größer. Ein weiterer Knackpunkt ist das Staffelgeschoss. Auf das Dach kommt eine Terrasse mit Pavillon. Die gab es nicht, als das Gebäude ab 1850 errichtet wurde.

Zu den größten Kritikern gehörte die Gesellschaft Historischer Neumarkt. Das Zusammenspiel mit den benachbarten Häusern, die derzeit vom Investor „Unser schönes Dresden“ (USD) gebaut werden, sei nicht stimmig, sagte Vereinsvorstand Torsten Kulke im vergangenen Jahr. Die neue Fassade bezeichnete er als historisierend. Dagegen hatte sich Blobel gewehrt. Die Wünsche der Neumarkt-Wächter nannte er fundamentalistisch. „Nach dem Wiederaufbau soll man hier wohnen und nicht nur arbeiten und einkaufen können“, sagte er. „Doch so eng und verwinkelt wie früher will heute keiner mehr wohnen.“

Inzwischen habe er seinen Frieden mit dem Projekt gemacht, erklärte Torsten Kulke am Freitag. „Auch wenn ich nicht in jedem Punkt einverstanden bin.“ Die Paraphrase, wie er den Neubau nennt, sei eine Bereicherung für den Neumarkt. Und eines müsse er dem Bauherrn aus New York und seinem Architekten zugestehen: Die Proportionen wirkten stimmig. „Am Ende haben wir eine Lösung gefunden“, sagte Baubürgermeister Raoul Schmidt-Lamontain (Grüne). „Wenngleich es weiterhin unterschiedliche Meinungen geben wird.“ Rekonstruktion, Neuinterpretation oder modern angehauchter Neubau: Ob der Wiederaufbau des Neumarkts an sich richtig gewesen ist, müssten die zukünftigen Generationen bewerten. Der Baubürgermeister dankte Blobel für sein Engagement in Dresden. Der Biochemiker investiert rund acht Millionen Euro in das Haus. Die Stadt wird ab Frühjahr ihren Teil beitragen, den Platz vorm Quartier VI, zu dem das „Au petit bazar“ gehört, zu gestalten. 28 Platanen sollen gepflanzt werden.

Im „Au petit bazar“ machen sich die Handwerker in den kommenden zehn Monaten an den Innenausbau. Im Frühjahr 2019 ziehen die ersten Mieter ein, so der Plan. Neben den acht Wohnungen in den Obergeschossen soll im Erdgeschoss eine Galerie entstehen, in der zeitgenössische Kunst gezeigt und verkauft wird. „Sie wird ein Anziehungspunkt für kunstinteressierte Dresdner und Gäste“, so Blobel. „Zur Eröffnung werde ich da sein, versprochen.“

Leser-Kommentare

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Insgesamt 12 Kommentare

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  1. Lars

    Die Kritik an Blobel ist völlig überzogen. Hier entsteht ein Neubau, der das historische Bild mit heutigen Anforderungen kombiniert. Und das erfordert Kompromisse. Allemal ist diese historisierende Variante besser, als einen weiteren Klotz dort hinzusetzen, wie es sie in Dresden schon viel zu oft gibt. Man kann Historie nun einmal nicht immer 1:1 kopieren und da ist die Blobel-Lösung ein begrüßenswerter Kompromiss.

  2. Investor

    Wer ist dieser Herr Kulke und wer hat ihn beauftragt sich ständig ins Architektur u Baugeschehen am Neumarkt einzumischen. Er kann ja Grundstücke kaufen dann ins Risiko gehen u. seinen Stil umsetzen. Aber er soll sich zurückhalten und nicht Investoren vegraulen. Logisch das der Investor die Zweckmäßigkeit seiner Investition im Blick haben muß. Er will ja die Wohnungen verkaufen um sein Kapital mit Gewinn zurückzuerhalten. Ja Herr Blobel hat Recht wenn er diesen Verein als Fundamentalisten bezeichnet. Es wäre aber auch an der Zeit das die Medien solche Investverhinderer meiden u.nicht mehr über deren krude Ansichten berichtet- das schadet Dresdens Ruf

  3. Antwort

    @2: Die Gesellschaft hat auf der Rampischen Gasse gekauft und gebaut. Was ist Ihr Beitrag?

  4. Dr. Raphael Päng

    @investor: Da haben Sie sich ja schön ins sachlich-fachliche Abseits gestellt - ja geradezu final abgeschossen. Herrlich! Und noch viel Spaß in ihrer grauen Styrokiste. Sie müssen sich etwas näher an ihr Schießschartenguckloch setzen, um etwas mehr von Licht und Luft zu erahnen. Dann klappt vieleicht mal wieder mit Nachdenken. Sie sind nur ein armer Troll und mitnichten ein "Investor". ***** Vielen Dank und höchsten Respekt hingegen an das Engagement der GHND. Das war und ist in Dresden leider bitter nötig.

  5. Drittetreppelinks

    Bisher empfand ich die Platanenpflanzung als etwas überflüssig (zumal auch ungewöhnlich für einen aus mittelalterlicher Wurzel hervorgegangenen Marktplatz). Angesichts der das historische Vorbild dilettantisch manipulierenden Fassaden nicht nur des Blobelschen Eckhauses sondern auch seines rechts anschließenden Nachbarn (abgesehen von der Semperschen Ladenfront), können die Bäume nun imho nicht schnell genug in den Himmel wachsen.

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