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Donnerstag, 12.04.2018

Die Pfadfinder, die keine sein wollen

Der Jungenbund Phoenix macht Dresdner Schüler zu Wandervögeln. Ihr wichtigstes Ziel: Die Welt erkunden.

Von Henry Berndt

Bereit für die nächste große Fahrt: Janne, Hendryk, Felix, Robert und Jonathan (v. l.) vom Jungenbund Phoenix haben ihr Zelt probeweise auf der Wiese vor der Auferstehungskirche in Plauen aufgebaut.
Bereit für die nächste große Fahrt: Janne, Hendryk, Felix, Robert und Jonathan (v. l.) vom Jungenbund Phoenix haben ihr Zelt probeweise auf der Wiese vor der Auferstehungskirche in Plauen aufgebaut.

© Sven Ellger

Vier große schwarze Tücher. Mehr braucht es nicht, um sich eine gemütliche Behausung zu bauen. Irgendwo im Nirgendwo, möglichst weit abseits von Häusern, Straßen und Spielekonsolen.

Die großen Äste als natürliche Zeltstangen finden sich im Wald. Als Heringe taugen kleinere, angespitzte Stöcke. In kaum einer halben Stunde steht das Zelt, das im Jungenbund Phoenix „Kohte“ genannt wird. „Es ist den Lappen nachempfunden“, erklärt Felix Prautzsch, „und ideal für unsere Bedürfnisse.“ Durch die vier einzelnen Tücher kann auf Wanderschaft jedes Mitglied der Gruppe einen Teil des Zeltes tragen. Einmal aufgebaut, kann darin abends sogar Feuer gemacht werden. „Die Kohte steht sinnbildlich für unseren Bund“, sagt der 31-Jährige. „Wir sind nicht allein und wir sind auf Fahrt.“

Der Jungenbund Phoenix wurde Mitte der 70er-Jahre von dem österreichisch-russischen Pädagogen und Bergsteiger Alexej Stachowitsch gegründet. Deutschlandweit gibt es derzeit 16 regionale Orden. Die Dresdner nennen sich „Die Weitfahrer“. Das soll nach Abenteuer und Ferne klingen. Doch „Jungenbund“, das hört sich für viele erst einmal eher fremd an, geheimnisvoll, wie aus einer anderen Zeit. Zumal das Wappen des Bundes, ein schwarzer Phoenix vor einem leuchtenden Feuerschein, recht martialisch daherkommt.

Im Endeffekt handelt es sich hierbei aber um eine Gruppe von jungen Leuten, die miteinander die Welt erkunden wollen. Der Bund ist christlich geprägt, aber keine in Strukturen gegossene Jugendarbeit, wie Prautzsch betont. Am ehesten vergleichbar seien sie mit Pfadfindern: Gemeinschaft in der Natur erleben, Werte teilen, Spielekonsolen aus dem Weg gehen. Auch das einheitliche Erscheinungsbild erinnert an die Pfadfinder. Die Weitfahrer tragen ein kariertes Hemd („Kluft“) und ein grün-gelbes gewickeltes Halstuch. Einige verdiente Mitglieder haben ein Emblem auf dem Ärmel. Auf teure Ausrüstung wird dagegen bewusst verzichtet.

Wandern statt Abzeichen sammeln

Trotz der vielen Gemeinsamkeiten möchte sich der Jungenbund auch von den Pfadfindern abgrenzen. „Bei uns gibt es weniger feste Strukturen und Vorgaben“, sagt Prautzsch. Also nichts mit „Jeden Tag eine gute Tat“ – wobei das natürlich nicht verboten ist. „Wir sehen uns mehr als Wandervögel und nicht als Abzeichensammler.“ Prautzsch selbst promoviert gerade an der TU in Altgermanistik und ist „Bundesführer“ des Jungenbunds. Nach acht Jahren als Pfadfinder gründete er 2006 die Dresdner Phoenix-Gruppe. Am Anfang waren es nur zwei Jungen. Bis heute ist die Fraktion auf 20 Mitglieder gewachsen. Gerade baut er eine neue Gruppe mit Kindern zwischen 8 und 13 Jahren auf. Treff ist jeden Montag 17 Uhr zur Gruppenstunde im sogenannten „Nest“, dem Vereinsraum in der Bienertmühle in Dresden-Plauen. Hier besprechen die Mitglieder die anstehenden Fahrten, planen Routen und verteilen Aufgaben. Bevor sie zu Ostern für eine knappe Woche die Berge und Wälder der Böhmischen Schweiz erkundeten, bauten sie ihr Zelt probeweise auf der Wiese vor der Plauener Auferstehungskirche auf.

Leiter der neuen Gruppe ist Robert Mendler. Der 16-Jährige ist seit vier Jahren bei den Weitfahrern dabei und schon ordentlich rumgekommen. Mit 13 lief er mit seiner Gruppe drei Wochen durch Südfrankreich. Vor zwei Jahren war Rumänien an der Reihe. „Ich habe mich von Anfang an gut aufgehoben gefühlt“, sagt der Schüler von der 116. Oberschule, der ein bisschen was von Tom Sawyer hat. Aber auch von Alfons Zitterbacke. In Dresden spielt er Volleyball im Verein. Doch immer wieder zieht es ihn hinaus. „Ich mag es, zu wandern, Landschaften zu entdecken und mit einfachen Mitteln in der Natur zu leben“, sagt er. Auf diese Art Verzicht zu lernen, könne jedem guttun. „Am Ende freue ich mich dann auch wieder auf zu Hause und eine warme Dusche.“

Mit auf die Fahrt nehmen die Jungen neben ihren Zelttüchern auch einen Schlafsack, einen Regenponcho und ausreichend Nudelvorräte. Auch ein Döschen mit Birkenrinde zum Feuer entfachen und mindestens eine Gitarre gehören ins Gepäck. „Wir haben ein großes Repertoire an Pfadfinderliedern“, sagt Felix Prautzsch. Zu den bekanntesten Titeln zählt das Fahrtenlied „Wenn die bunten Fahnen wehen“.

Jedes Jahr zu Pfingsten treffen sich die Phoenix-Gruppen zu einem deutschlandweiten Zeltlager mit großem Geländespiel. Der unumstrittene Höhepunkt des Jahres. Dieses Jahr geht es nach Hessen.

Wer beim Jungenbund dabei sein will, muss nicht viele Voraussetzungen mitbringen: Er sollte mindestens acht Jahre alt sein und seinen Rucksack allein tragen können. Ach ja, und er sollte ein Junge sein.

In Zeiten von Genderdiskussionen könnte das so manchen nachdenklich stimmen. „Für uns ist das aber kein ideologischer Ansatz“, sagt Felix Prautzsch, „Jungenarbeit ist ja auch wieder modern.“ Außerdem sei es in einem bestimmten Alter für die Entwicklung von Jungen gut, wenn sie mit anderen Jungs zusammen seien, glaubt er. Was ja nicht heißen muss, dass die Mädchen mit der Spielekonsole vorliebnehmen müssen.

www.weitfahrer.org

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