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Mittwoch, 26.01.2005

,Die NPD missbraucht die Opfer in Dresden‘

DRESDEN - „Bomben-Holocaust, selektives Erinnern, Geschichtsklitterung“ - was ist dran an den Aussagen der NPD? Wir fragten Geschichts-Professor Reiner Pommerin (F.) von der TU Dresden.

Darf man die Luftangriffe auf Dresden als „Bomben-Holocaust“ bezeichnen?Reiner Pommerin: Nein. Das Wort Holocaust ist eindeutig auf das unvorstellbare Grauen von Millionen getöteter Juden konzentriert. Die NPD will mit dieser Relativierung von den Verbrechen der deutschen Seite ablenken. Deutschland hat den Krieg mitten im Frieden am 1. September 1939 um 4.40 Uhr mit der Bombardierung von Wielun begonnen ...

... einer Kleinstadt östlich von Breslau ...... die weder Militär noch In-dustrie hatte. Es gab 1200 Tote, 70 Prozent der Stadt wurden zerstört. Diese Art von Krieg kam nach Deutschland zurück. Die NPD kehrt die historische Realität um und tut so, als ob die Dresdner und die übrigen Deutschen nach 1939 völlig überraschend von anderen Völkern mit Bomben angegriffen wurden. Das ist Geschichts- klitterung.

Viele sagen: Der Krieg war am 13. Februar 1945 entschieden, die Bombardierung also sinnlos.Der Krieg war aber nicht beendet. Die Nazis wollten jedes Dorf und jede Stadt zur Festung machen und bis zum letzten Blutstropfen verteidigen. Ein Ende war damals nicht abzusehen, auch wenn es uns heute klar ist.

Die NPD wirft auch den Dresdnern „selektives Erinnern“ vor, trotz alljährlicher Gedenken an die Bomben-Opfer.Das ist eine Unverschämtheit. Die Mehrheit der Dresdner gedenkt schon seit Jahren vorbildlich aller Opfer des Krieges. Die NPD will dagegen nur einseitig erinnern: möglichst an niemanden, der durch den Nazi-Verbrecherstaat ums Leben kam. Es ist eine Verhöhnung der Opfer in Dresden, sie so zu politischen Zwecken zu missbrauchen. Das haben sie wirklich nicht verdient.

Wie kann man den so genannten NPD-Argumenten begegnen?Am besten durch Bildung, Bildung, Bildung. Alle Schulen und Universitäten müssen Geschichte ordentlich lehren - nicht einseitig, sondern die gesamte Wahrheit. Natürlich besteht die deutsche Geschichte nicht nur aus Tiefen wie dem Dritten Reich. Es gibt vieles, auf das wir stolz sein können. Aber wir haben keine Veranlassung, das Negative zu verdrängen.Interview: Stefan Locke