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Dienstag, 17.07.2018

Die Mutmacher für das Dorf

Die „Raumpioniere“ aus Klein Priebus haben einen Förderpreis gewonnen. Damit werben sie weiter für das Landleben.

Von Hagen Linke

Jan Hufenbach und Arielle Kohlschmidt leben seit 2010 in Klein Priebus, direkt am Neißeradweg. Die beiden Ex-Berliner schätzen nicht nur die Ruhe. Sie wollen auch andere ermuntern, den Weg von der Stadt auf das Land zu nehmen. Denn langweilig ist es hier garantiert nicht, und es tun sich mit der Digitalisierung neue Möglichkeiten auf.
Jan Hufenbach und Arielle Kohlschmidt leben seit 2010 in Klein Priebus, direkt am Neißeradweg. Die beiden Ex-Berliner schätzen nicht nur die Ruhe. Sie wollen auch andere ermuntern, den Weg von der Stadt auf das Land zu nehmen. Denn langweilig ist es hier garantiert nicht, und es tun sich mit der Digitalisierung neue Möglichkeiten auf.

© Hagen Linke

Kiefern, Asphalt und Warnschilder des Truppenübungsplatzes: Auf dem Weg nach Klein Priebus, dem letzten Zipfel der Gemeinde Krauschwitz sieht man nicht viel mehr. Viel Raum weit weg von den großen Metropolen, nicht ganz so fern von Städten wie Weißwasser oder Görlitz. Doch ländlich bedeutet nicht langweilig, sagen Arielle Kohlschmidt und Jan Hufenbach. Die beiden Ex-Berliner leben seit 2010 hier und betreiben die Kreativ-Agentur „Blendwerck“. „Raumpioniere“ steht auf einem großen Banner direkt am Neißeradweg. Und dazu die Aufforderung „Mach dich auf den Weg!“ Die beiden nehmen den Begriff wörtlich, geben Unterstützung. Sie beraten kostenlos Menschen, die auch von der Stadt auf das Land zu ziehen wollen. „Wir sind Protagonisten“, sagt Jan Hufenbach. „Wir können Erfahrungen weitergeben und haben ein Netzwerk von Menschen, denen es ähnlich geht.“ Das ist zum Beispiel der Philosophie-Student aus Bad Muskau, der aus Dresden zurückkam und in Kringelsdorf einen Oberlichtwagen zu Wohnraum umbaut. Oder die freiberufliche Designerin aus Reichenbach, der nach Jahren in der Ferne bewusst geworden ist, dass ihr Platz in der Oberlausitz ist. Sie schätzen die Ruhe, günstige Mieten, preiswerte Häuser und den Platz für ihre Ideen. Die Raumpioniere schauen aber nicht nur auf Menschen aus der Kultur- und Kreativszene. Der Fachkräftemangel auf dem Land betrifft auch Ärzte und Handwerker. Die Klein Priebuser sehen sich in ihrer Tätigkeit als „Ermöglicher“. Man kennt sich, oder man kennt jemanden, der jemand anderes kennt ... Sie vermitteln Kontakte zu Behörden und Ämtern und wissen als Mitglied der lokalen Aktionsgemeinschaft Östliche Oberlausitz auch über Förderprogramme Bescheid. Arielle Kohlschmidt sagt, es gebe viele Menschen, die sagen, sie würden gerne den Schritt von der Stadt aufs Land gehen, wüssten aber nicht, wie. „Nach vielen Jahren in der Ferne haben sie keine Kontakte mehr und suchen etwas, wo sie anknüpfen können. So eine Beratung kann der letzte Anstoß sein.“

Es gehe bei der Werbung fürs Land nicht darum, Stadt gegen Dorf auszuspielen. Die Probleme werden nicht verschwiegen. Wie weit ist es bis zum nächsten Arzt, wie oft fährt ein Bus ins Nachbardorf, gibt es eine passende Schule in der Nähe?

Vieles sind Fragen, bei der auch die Politik Antworten geben muss. Die hiesigen Probleme des Strukturwandels und die Möglichkeiten der Digitalisierung sind bekannt. Ein Umdenken in den Verwaltungen finde statt, aber der Prozess gehe nur sehr langsam voran, sagt Jan Hufenbach. „Der ländliche Raum braucht Experimentierfelder, um für Leute aus den Metropolen ein Thema zu werden.“

Die Raumpioniere mit ihrer Agentur sind dafür ein Beispiel – dank des Internets. Das Geschäftsmodell wäre vor 20 Jahren außerhalb der Stadt nicht möglich gewesen. Hufenbach ist gebürtiger Flensburger, ist nach einigen Stationen in den alten Bundesländern für zehn Jahre nach Berlin gezogen, bis ihn seine Frau, aufgewachsen in Cottbus, an die Neiße gelockt hat. Die Großstädter sind gut von den Nachbarn in Klein Priebus aufgenommen worden. „Wenn man die Erfahrung gemacht hat, alle gehen weg, ist es ja toll, wenn jemand kommt“, sagt Arielle Kohlschmidt. Anfangs versuchten beide, ohne Auto auszukommen, genossen lange Reisen zu Terminen. Mittlerweile sind es zwei Wagen. Arbeits- und Familienleben machen es notwendig. Wenn es aber zum Tagesausflug nach Dresden geht, wird ab Löbau der Zug genommen. Den Großstadttrubel vermissen beide nicht, zum Sommerurlaub geht es mit dem Sohn an die Ostsee.

Großes Medien-Interesse

Die Idee der „Raumpioniere“ haben Arielle Kohlschmidt und Jan Hufenbach schon vielen erzählt. Die Super-Illu hat berichtet, das Wirtschaftsagazin „brand eins“, „Die „Zeit“ hat sich angekündigt. Vor ein paar Tagen waren die Landtagsabgeordnete Franziska Schubert, Bundestagsabgeordneter Stephan Kühn und Kreistagsabgeordneter Thomas Pilz (alle Bündnis 90/Grüne) da (TAGEBLATT berichtete). Dabei ging es auch um eine Auszeichnung. Die „Raumpioniere“ sind Preisträger des Programms „Neulandgewinner“ der Robert-Bosch-Stiftung. „Zukunft erfinden vor Ort“, lautet das Motto. „Wir fördern Menschen, die unkonventionelle Wege gehen, um die Lebensqualität in Städten und Dörfern im Osten Deutschlands zu verbessern“, heißt es. Die offizielle Ehrung findet im Januar statt.

Der Preis sichert die Finanzierung des Projektes für die nächsten zwei Jahre und verschiedene Unter-Projekte. Das „Raumpionier-Mobil“, ein Feuerwehr-Oldtimer der Marke „Opel Blitz“, ist noch zur Aufarbeitung in der Werkstatt. Mit dem Achtsitzer geht es zu Veranstaltungen, um Raumpioniere und welche, die es werden wollen, zusammenzubringen.

Eine Veranstaltung in Weißwasser ist schon in Vorbereitung. Zur „Temporären Raumpionier-Landebahn“ wird für den 6. Oktober in die Hafenstube eingeladen. Anmeldungen sind per E-Mail möglich. Das Telux-Gelände als ehemaliger Industriekomplex und die Hafenstube, die urbanes Lebensgefühl widerspiegelt, bieten sich als Veranstaltungsort gut an. Zu Gast ist unter anderem Thomas Zschornak, der Bürgermeister von Nebelschütz aus dem Landkreis Bautzen. Das Dorf hat schon einige Preise für seine Entwicklung einsammeln können. Ansässige Raumpioniere sollen bei der siebenstündigen Veranstaltung auf potenzielle neue treffen. „Wir verstehen uns aus Mutmacher“, sagt Jan Hufenbach. Und wenn auch noch ein paar weitere Bürgermeister für die Ideen begeistert werden könnten, wäre die Veranstaltung ein Riesen-Erfolg, sagen die beiden.

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