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Freitag, 09.03.2018

Die Modernisierung hängt hinterher

Vor 30 Jahren fanden in Südkorea die Sommer-Paralympics statt. Seither hat sich nicht alles zum Besseren entwickelt.

Von Ronny Blaschke

Karl Quade war 1988 als Volleyballer bei den Paralympics von Seoul dabei. Inzwischen ist er zum zwölften Mal als Chef de Mission bei den Spielen für Behinderte dabei.
Karl Quade war 1988 als Volleyballer bei den Paralympics von Seoul dabei. Inzwischen ist er zum zwölften Mal als Chef de Mission bei den Spielen für Behinderte dabei.

© dpa

Das rhythmische Klatschen, die schrillen Melodien, die bunten Fähnchen – Karl Quade hat den Schauplatz seiner ersten Ostasien-Reise 1988 noch genau in Erinnerung. Der Volleyballer war es gewohnt, in Deutschland vor leeren Rängen zu spielen, nun stand er in einer ausverkauften Halle in Seoul. Ticketverkauf, Fernsehrechte, Athletenvermarktung: Das alles lag für den Behindertensport noch in der Zukunft. Aber Stadtverwaltung, Schulen und religiöse Gruppen luden Tausende Gäste in die Sportstätten der südkoreanischen Hauptstadt ein. „Die Sommer-Paralympics 1988 waren ein Meilenstein“, sagt Karl Quade, damals 34 Jahre alt. „Es begann ein Aufbruch – für Korea und für uns.“

Nach mehr als zwanzig Jahren der Militärdiktatur gewann die Demokratiebewegung in Südkorea in den 1980er-Jahren an Kraft. So wurden die Paralympics in Seoul zur Bühne der aufblühenden Zivilgesellschaft. Erstmals nach 1964 fanden die Weltspiele des Behindertensports wieder am selben Ort statt wie Olympia. 1984 hatte sich Los Angeles geweigert, weil behinderte Athleten nicht zum „makellosen Image der Stadt passen“ würden.

Kampf um 80 Goldmedaillen

Nun aber zeigte sich in Seoul die lange abgeschottete koreanische Gesellschaft aufgeschlossen gegenüber ihren Gästen, erzählt Karl Quade, und diese Begeisterung übertrug sich auf den Behindertensport. Ein Jahr später wurde in Düsseldorf das Internationale Paralympische Komitee IPC gegründet, inzwischen hat es seinen Sitz mit siebzig Mitarbeitern in Bonn.

Es wird also eine Zeit der Rückbesinnung, wenn die paralympische Bewegung dreißig Jahre später wieder in Südkorea zu Gast ist, nun in einer der modernsten Industrienationen. Am Freitag werden in Pyeongchang die zwölften Winterspiele eröffnet. 670 Athleten aus 45 Ländern gehen in sechs Sportarten an den Start, achtzig Goldmedaillen werden vergeben.

Das deutsche Team ist mit zwanzig Sportlern und vier Begleitläufern vertreten. „Unser Eindruck von der Organisation in Korea ist sehr gut, aber wir haben auch nichts anderes erwartet“, sagt Karl Quade. Seit 1996 steht der Sportwissenschaftler den Paralympiern nun zum zwölften Mal als Chef de Mission vor.

In Südkorea waren behinderte Menschen über Jahrzehnte wie Aussätzige behandelt worden. Auch, weil die japanische Kolonialmacht bis 1945 an eine „starke Rasse“ glaubte. Zudem ringe Südkorea mit seinem konfuzianischen Erbe, mit der traditionellen Ahnenverehrung und dem Klassendenken, sagt der südafrikanische Forscher Casper Claassen, der in Seoul Koreanische Geschichte und Kultur studiert hat: „Eltern stecken viel Geld in die Bildung ihrer Kinder. So können sie sicherstellen, dass sie im hohen Alter von ihnen unterstützt werden. Auf dieses Prinzip stützt sich auch das Pflegesystem. Diese Philosophie kennt aber keinen Plan für Eltern, die sich lebenslang um ein behindertes Kinder kümmern müssen.“

An einigen Stellen konnte die Modernisierung der Gesellschaft nicht mit dem rasanten Wirtschaftswachstum mithalten. Die zu achtzig Prozent privat geführten Hochschulen bereiten die Studierenden auf einen wettbewerbsorientierten Alltag vor. So erleben Menschen mit Behinderung oft Abneigung, Mitleid oder Gleichgültigkeit. Auch der Buddhismus hat einen Einfluss: danach werden Behinderungen auch als Strafe für ein früheres Leben betrachtet.

In der Megacity Seoul sind öffentliche Gebäude und Nahverkehr oft barrierefrei. Im Privatsektor nehmen Konzerne allerdings Strafzahlungen in Kauf, um Einstellungsquoten für behinderte Menschen zu vermeiden. Noch problematischer sieht es auf dem Land aus, auch in der östlichen Region Pyeongchang. Andrew Parsons, Präsident des Internationalen Paralympischen Komitees IPC, hofft auf einen Wandel: „Mit der Sichtbarkeit von beeindruckenden Athleten wächst das Bewusstsein in der Gesellschaft.“

Bislang haben die koreanischen Medien jedoch wenig über die Paralympics berichtet. Die Aufmerksamkeit bei den vergangenen Spielen in Rio, Sotschi und London war breiter. So gibt es innerhalb der Organisation auch Misstöne über den späten Start der aktuellen Werbekampagne.

Die Inklusion muss warten

Sportlich werden die Südkoreaner allenfalls in den Eisportarten glänzen können, eventuell auch im Schlittenhockey, wo Spieler mit amerikanischen Wurzeln für den Gastgeber auflaufen werden. In Europa setzt sich langsam das Modell der Inklusion durch, die gleichberechtigte Teilhabe von Menschen mit Behinderung, in Bildung, Medizin, auch in ersten Sportverbänden. In Südkorea haben die Paralympier noch einen Sonderstatus. In einem Vorort von Seoul bewohnen sie eines der weltweit größten Trainingszentren im Behindertensport. Zum Austausch mit nicht behinderten Sportlern kommt es kaum.

Der Auftakt gehört der Diplomatie. Erstmals wird Nordkorea an Winter-Paralympics teilnehmen. Am Mittwoch traf eine Delegation mit 24 Mitgliedern ein, darunter die beiden Athleten Kim Jong Hyon und Ma Yu Choi, die mit einer Wildcard starten werden. Wie zuvor IOC-Präsident Thomas Bach beschreibt nun auch IPC-Chef Parsons die Annäherung als friedenstiftende Maßnahme. Dafür hatte er 2017 bereits bei Südkoreas Präsident Moon Jae In vorgesprochen. In wohl keinem Land werden behinderte Menschen so schlecht behandelt wie in Nordkorea. Dass die Eröffnungsfeier darauf eingehen wird, ist unwahrscheinlich.

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