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Freitag, 28.09.2018

„Die meisten Judenhasser kennen keine Juden“

Arye Shalica, Mitarbeiter im Büro des Premierministers Benjamin Netanjahu, spricht in Bad Muskau über seine Eindrücke in Deutschland.

Von Steffen Bistrosch

Cord Panning, Geschäftsführer der Fürst-Pückler-Stiftung Bad Muskau, begrüßt Arye Sharuz Shalica zum Schlossgespräch in Bad Muskau.
Cord Panning, Geschäftsführer der Fürst-Pückler-Stiftung Bad Muskau, begrüßt Arye Sharuz Shalica zum Schlossgespräch in Bad Muskau.

© Steffen Bistrosch

Bad Muskau. Das Fettnäpfchen wartete bis ganz zum Schluss. Als der israelische Gast von den Muskauer Schlossherren zum selbstverständlich koscheren Essen geladen wurde, quittierte er das mit sichtlichem Bedauern. Er hätte lieber Schweinshaxe genommen. Arye Sharuz Shalica nimmt das Missverständnis mit Humor. Stigmatisierungen, Pauschalisierungen und Vorurteilen entgegenzutreten ist am Mittwochabend das Anliegen des Gastes beim Schlossgespräch in Bad Muskau. Das Programm vor rund einhundert Zuschauern moderiert Jakob Kullik von der TU in Chemnitz. Die aktuelle politische Situation dieser Stadt stellte zugleich den Aufmacher für den einundvierzigjährigen Sohn iranischer Juden, der in West-Berlin aufgewachsen ist, dar.

In seiner Familie werde bis heute deutsch gesprochen und sein vorliegendes Buch hat er auf Deutsch geschrieben. Arye Shalicar konstatiert, dass Deutschland sich stark verändert habe und dieser Prozess andauert. Die Situation bereite ihm große Sorge, obwohl er Deutschland bereits vor Jahren verlassen habe. Er beklagt sich über ein zunehmendes Maß an antijüdischen Tendenzen, über Unsicherheit, über mangelnde Toleranz. Schon früher habe er in Berliner Problemvierteln wie dem Wedding, in dem er längere Zeit lebte, Antisemitismus erfahren. Letztlich war das die Ursache dafür, Deutschland zu verlassen.

Arye Shalicar ist hoch emotional, wenn er seine Erlebnisse schildert, als er sich vor den muslimischen Mitschülern als Jude outete. Offener Hass schlug ihm entgegen, Freundschaften zerbrachen. Arye Shalicar verweist auf Schlagzeilen der jüngsten Zeit. Chemnitz, Hassprediger, Sarazzin, Ditib, Berlin, Kriminalität durch Familienclans, rechte und linke Radikale. Er betrachte die Ereignisse in Deutschland mit großem Interesse und gemischten Gefühlen. Diese haben inzwischen für ihn im negativen Sinne mehr Gewicht als die Neuigkeiten aus Israel. Arye Shalicar kommt immer wieder auf den aggressiven muslimischen Judenhass zu sprechen. Der habe sich vom Nahen Osten ausgehend und über Generationen weitergegeben tief in den Köpfen vieler Zuwanderer verwurzelt. Juden werden als Todfeinde wahrgenommen. Grenzenlose, unkritische Sympathien der Linken für die muslimischen Einwanderer und Staatsboykott seien ebenso eine Gefahr für die Freiheit des Einzelnen wie die unbelehrbaren, pöbelnden Rechtsradikalen, die aus der Geschichte nichts gelernt hätten. Der Blick in die Geschichte lehrt, so meint Shalicar, die Judenvernichtung hat niemandem gutgetan, der Holocaust habe tiefe Narben hinterlassen, die bis heute zu spüren sind. Für Juden wie Deutsche gleichermaßen. Er fordert auf, miteinander zu reden und sich nicht in eine Hassspirale ziehen zu lassen. Über andere Weltanschauungen könne diskutiert, Angriffe auf Juden hingegen dürfen nicht toleriert werden. Dann fällt der vielleicht bemerkenswerteste Satz: „Die meisten Judenhasser kennen gar keinen Juden.“ Er fordert die Anwesenden auf, nach Israel zu reisen, um die Menschen kennenzulernen und sich selbst eine Meinung zu bilden. Sein Buch sei das Resultat von tief empfundenem Frust. Und stellt die Situation eher düster dar. Dennoch will Shalicar optimistisch sein. Er glaube nicht an den Weltfrieden, jedoch an das Gute – und an Versöhnung.