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Donnerstag, 08.03.2018

Die letzte Hoffnung der Slowaken

Staatspräsident Andrej Kiska wollte ursprünglich nicht für eine zweite Amtszeit kandidieren. Doch er wird gebraucht.

Von Hans-Jörg Schmidt, SZ-Korrespondent in Prag

Andrej Kiska will die Slowakei verändern. Nach der Ermordung eines Journalisten hat der Staatspräsident eine Regierungsumbildung oder Neuwahlen gefordert. Viele Slowaken sehen in Kiska einen Hoffnungsträger.
Andrej Kiska will die Slowakei verändern. Nach der Ermordung eines Journalisten hat der Staatspräsident eine Regierungsumbildung oder Neuwahlen gefordert. Viele Slowaken sehen in Kiska einen Hoffnungsträger.

© JAKUB GAVLAK/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Ernst sieht Andrej Kiska in die Fernsehkameras. Er spricht langsam, konzentriert, aber innerlich sichtbar aufgewühlt. Seine Hände umklammern das kleine Rednerpult, als suchten sie dort Halt in den schwersten Tagen, die die junge Republik seit ihrer Gründung 1993 durchleidet.

Eine Woche lang hat sich der Präsident zum kaltblütigen Mord an dem Enthüllungsjournalisten Jan Kuciak und seiner Verlobten mehr oder weniger zurückgehalten. Sein Mitgefühl brachte er unter anderem zum Ausdruck, als er bei der ersten großen Demonstration der Trauer in Bratislava auf der Bühne lediglich eine Kerze in der Hand hielt und die Menge um eine Gedenkminute bat. Danach wollte er abwarten, wie die Regierung reagiert und was die Ermittlungen ergeben. In seiner Rede jetzt verlangt er eine grundlegende Regierungsumbildung oder Neuwahlen.

Als er das dem Volk mitteilt, kennt er schon die Antwort von Premier Robert Fico darauf: Nein!. Beide hatten kurz zuvor miteinander gesprochen. Kiska bleibt bei seinem Verlangen, macht es öffentlich und trifft den Nerv vieler der erschütterten Slowaken.

Fico kontert: er beschuldigt den Präsidenten, mit „äußeren Mächten“, namentlich mit dem US-Milliardär George Soros an der Seite, die Slowakei destabilisieren zu wollen. Beide hätten sich im vergangenen Jahr erst getroffen. Fico wird hier zum Azubi seines ungarischen Kollegen Viktor Orban, der vor der Wahl in seinem Land die Soros-Karte zieht, um von Korruption und Vetternwirtschaft abzulenken, die er selbst zu verantworten hat. Fico spielt genau dieses Spiel. Der Vorwurf ist heftig, im Kern zielt er auf den Straftatbestand des Landesverrats. Das könnte Kiska das Amt kosten.

Doch der bleibt sachlich. Mit Soros habe er seinerzeit über Möglichkeiten zur besseren Integration der Roma gesprochen, über nichts anderes.

Die bürgerlichen slowakischen Zeitungen stehen fest zu Kiska. „Er hat begriffen, was auf dem Spiel steht für die Slowakei, auch international, während sich Premier Fico mit seinen Getreuen uneinsichtig in einer Art Bunker verbarrikadiert, abgehoben von der Wirklichkeit, nur noch an das eigene Schicksal denkend, nicht einmal die Totenglocken auf den Beerdigungen der beiden Toten hörend“, heißt es in „Dennik N“. Andere Kommentare lauten ähnlich, die Autoren sprechen von der „Stunde des Präsidenten“. Und sie verbinden mit ihren Worten indirekt einen Wunsch: Kiska möge weitermachen.

Ob er das tun wird, war bislang offen. Der 55-Jährige ist vor einem halben Jahr noch einmal Vater geworden. Wiederholt hat er zuletzt den Wunsch geäußert, den kleinen Martin in der Familie in Poprad (Deutschendorf) unterhalb der Hohen Tatra aufwachsen zu sehen. Jedes Wochenende ist er, wenn es ging, von Bratislava zu seiner Familie gereist.

Intimfeind des Premiers

Diese Reisen sind ein heikles Thema. Die Fahrt mit dem Auto dauert gern mal sechs Stunden. Kiska steht jedoch die Flugbereitschaft zur persönlichen Verfügung, was ihm zu Beginn seiner Amtszeit von Innenminister Robert Kalinak – dem engsten Vertrauten von Premier Fico – zugesichert wurde. Seit Kurzem verlangt nun Kalinak, dass der Präsident die Flüge aus seiner eigenen Tasche bezahlt. Die Rechnung bislang belaufe sich auf eine Million Euro, ließ der Innenminister wissen.

Kiska könnte diese Summe locker bezahlen. Er ist nach zwei frustrierenden Jahren als Auswanderer in den USA in der Heimat vermögend geworden. Mit seinem Bruder gründete er Banken für Kleinkredite. Diese Institute verkaufte er später für mehrere Millionen Euro an eine einheimische Großbank und wurde danach zum Wohltäter. Er gründete unter anderem eine Organisation, die kranken Kindern und deren Eltern hilft.

Und er ging in die Politik: Mit seinem eigenen Geld finanzierte er als Seiteneinsteiger seinen Wahlkampf 2014 um das höchste Amt im Staat. Den er am Ende klar gewann – ausgerechnet gegen den erfahrenen Machtpolitiker, Premier Robert Fico. Beide mögen sich seither, vorsichtig formuliert, nicht sonderlich.

Doch die gegenseitige Abneigung spielt in der derzeitigen Lage zumindest für Kiska keine Rolle, sagen die, die ihn gut kennen: „Fico geht es nur um die Macht, Kiska um das Land.“ Für viele ist er nun der letzte Hoffnungsträger.

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