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Freitag, 10.08.2018

Die Leere eines Querdenkers

Noch einmal erlebt Diskus-Star Robert Harting die ganz Fülle der Emotionen, die sein Sport bietet. Er wird der Leichtathletik fehlen.

Von Michaela Widder, Berlin

Der Abschied fällt ihm sichtlich schwer. Die EM war Robert Hartings letzter großer Wettkampf – und Platz sechs irgendwie enttäuschend für ihn.
Der Abschied fällt ihm sichtlich schwer. Die EM war Robert Hartings letzter großer Wettkampf – und Platz sechs irgendwie enttäuschend für ihn.

© dpa

Am Tag danach ist er wieder der Entertainer. Halb neun hatte sich Robert Harting für eine Pressekonferenz aus dem Bett gequält, eine kurze Nacht lag offenbar hinter ihm. „Ich habe das Bett berührt“, sagt er grinsend. Am Abend zuvor wollte er noch mal zum ganz großen Wurf ausholen, den Kreis dort schließen, wo seine Geschichte vor neun Jahren begann – im Ring des Berliner Olympiastadions. 2009 wuchtete Harting die Scheibe im letzten Versuch zum Sieg, er wurde das erste Mal Diskus-Weltmeister.

Danach hat es sogar zweieinhalb Jahre gegeben, in denen es keiner schaffte, ihn zu besiegen. Da war er gleichzeitig Olympiasieger, Welt- und Europameister. Doch jetzt, im Jahr 2018, ließ sich sein malader Körper nicht überlisten. Der 33-Jährige konnte froh sein, dass er mit einer „totgespritzten“ Sehne im Knie überhaupt den Ring in einem EM-Finale betreten durfte. Es war sein Abend – aber nicht sein Wettkampf. Zwischenzeitlich lag der Berliner zwar auf den Medaillenrängen. Doch das, was früher seine Stärke war, im letzten Versuch zu kontern, klappte nicht mehr. Harting wurde Sechster zum Ende seiner Karriere, die am 2. September beim Leichtathletik-Meeting Istaf an selber Stelle ihren endgültigen Abschluss findet. Die 31 000 Zuschauer in seinem Wohnzimmer, wie er das Olympiastadion nannte, feierten ihn dennoch. Nach großer Show war Harting aber nicht zu Mute, er wirkte in sich gekehrt, als sei es ihm fast unangenehm, dass er als Sechster eine Ehrenrunde laufen sollte. Oder durfte? „Leer und auch ein bisschen bockig“ beschreibt er seine Gemütslage zu nächtlicher Stunde, als nur noch ein paar Journalisten im Stadion warten.

Abseits des Fußballs ist in Deutschland kein anderer Sportler so gefragt wie er. Weil Harting auch ungefragt immer etwas zu sagen hatte. In der Vergangenheit stieß er manchen vor den Kopf, bei Funktionären war ihm das recht so. Harting ging es um die Sache, um seinen Sport. Er mokierte sich über korrupte Funktionäre, legte sich mit IOC-Präsident Bach an, gründete eine Lotterie zur Athleten-Unterstützung und setzte durch, dass Dopingsünder in der Leichtathletik nicht mehr zur Wahl als Sportler des Jahres aufgestellt werden.

Natürlich verschwindet so einer auch nach dem Abschied nicht von der Bildfläche. Eine Dokumentation fürs Kino von und über Harting ist schon in Arbeit.

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