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Mittwoch, 15.11.2017

Die lange Nacht der Bombe

4 700 Heidenauer fanden Montagabend keinen Schlaf. Sie mussten für viele Stunden ihr Zuhause verlassen.

Von Heike Sabel

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Dass sie noch mal die Schulbank drücken würden, und das auch noch mitten in der Nacht, hätten diese Heidenauer sicher nicht gedacht. Rund 600 Menschen waren nach der Evakuierung ihrer Wohnungen in der Grundschule Heidenau-Mügeln untergekommen.
Dass sie noch mal die Schulbank drücken würden, und das auch noch mitten in der Nacht, hätten diese Heidenauer sicher nicht gedacht. Rund 600 Menschen waren nach der Evakuierung ihrer Wohnungen in der Grundschule Heidenau-Mügeln untergekommen.

© Marko Förster

  • Dass sie noch mal die Schulbank drücken würden, und das auch noch mitten in der Nacht, hätten diese Heidenauer sicher nicht gedacht. Rund 600 Menschen waren nach der Evakuierung ihrer Wohnungen in der Grundschule Heidenau-Mügeln untergekommen.
    Dass sie noch mal die Schulbank drücken würden, und das auch noch mitten in der Nacht, hätten diese Heidenauer sicher nicht gedacht. Rund 600 Menschen waren nach der Evakuierung ihrer Wohnungen in der Grundschule Heidenau-Mügeln untergekommen.
  • Helfer der Johanniter unterstützten die Evakuierung. Fotos:
    Helfer der Johanniter unterstützten die Evakuierung. Fotos:
  • Seine Nummer 219: Sprengmeister Holger Klemig mit der Bombe.
    Seine Nummer 219: Sprengmeister Holger Klemig mit der Bombe.

Heidenau. Als Holger Klemig am Montag, 16 Uhr, einen Anruf bekommt, dämmert Heidenau langsam in den Feierabend. Nur Klemig ahnt, dass es eine ungewöhnliche und lange Nacht werden wird. Auf der Mühlenstraße war ein Kleinbaggerfahrer bei Kanalbauarbeiten auf eine Bombe aus dem Zweiten Weltkrieg gestoßen. Der Mann ist der erste von vielen, der besonnen handelt. Intern läuft die Maschinerie an. Als gegen 18.30 Uhr das Blaulicht der Feuerwehren, Polizei- und Rettungsautos das Dunkel erhellt, ist es mit der Ruhe vorbei.

4 700 Heidenauer im Umkreis von 650 Metern um den Fundort sollen ihre Wohnungen verlassen. Das sind mehr Menschen als beim Hochwasser 2002 und 2013. 300 Häuser sind betroffen, darunter das Pflegeheim auf der Engels- und das Betreute Wohnen an der Dresdner Straße. Im Pflegeheim sitzen 35 der 74 Bewohner schon gegen 20 Uhr in ihren Rollstühlen am Eingang. Vier müssen liegend transportiert werden. Eine Frau sagt: „Früher haben wir viel Schlimmeres erlebt.“ Eine andere ruft immer wieder nach der Schwester. Sie will zurück ins Bett. Die Schwester überzeugt sie, „wir machen heute eine Nachtwanderung.“ Die wird anders als gedacht.

Die Polizei fährt durch die Straßen. Erste Durchsagen verwirren zum Teil. Es kommen Busse, heißt es. Die Schulen in Mügeln und Dohna stehen für Evakuierte offen. Die Leute gehen auf die Straße, suchen die Busse. Weil sie keine sehen, kehren sie zurück in ihre Wohnungen und halten alles für einen Scherz. Was viele zunächst nicht wissen: Die Busse stehen am Rathaus und an der Star-Tankstelle, von dort fahren sie zu den Schulen. Eine ältere Frau irrt allein an der Tankstelle herum. „Ich habe Angst“, sagt sie und weint. Sie wird getröstet, setzt sich in den Bus. Später bekommt sie in der Schule einen Tee. Aber manche wollen gar nicht erst aus ihren Wohnungen.

Einige brüsten sich, bis zuletzt geblieben zu sein. Damit haben sie die Geduld der anderen strapaziert. Immer wieder wird die Evakuierungszeit verlängert. Gegen 1.30 Uhr kommen die Letzten in die Mügelner Grundschule. Hier sind inzwischen auch 100 Feldbetten aufgestellt. Noch immer weiß keiner, wie lange es dauern wird. In den Hort- und Klassenzimmern und auf den Gängen wird es leiser.

Die Heidenauer sind ruhig, gefasst, geduldig. Es gibt Tee, Kaffee und Wasser, später auch trockene Brötchen für die Kinder. Ein Mann vom Kriseninterventionsteam muss Jugendlichen erklären, dass sie das Knurren im Magen aushalten müssen. Drei kleine Mädchen toben durchs Schulhaus. Sie suchen den Schulgeist. An die Erwachsenen, die am Dienstag arbeiten müssen, werden Zettel für die Chefs verteilt.

Ein 87-Jähriger von der Dohnaer Straße erzählt von den Bomben auf Dresden im Februar 1945. Eine Frau erinnert sich an einen Bombeneinschlag auf der Sporbitzer Straße. Alle hoffen, dass sie bald nach Hause können. Die Liegen im Musikzimmer sind belegt, zwei junge Leute haben im Kunstzimmer ein ruhiges Plätzchen gefunden, manche lehnen in Ecken. An Schlafen ist in der Mügelner Schule trotzdem kaum zu denken. Etwa 600 Menschen sind hier, 50 in der Dohnaer. Die meisten Evakuierten sind privat untergekommen, Wohnzimmer wurden zu Bettenburgen. In den Nachtstunden verzögert sich die Entschärfung der Bombe immer wieder. Es heißt, die Evakuierung des Pflegeheimes ist noch nicht beendet. Der Katastrophenschutz ist auf das Evakuieren so vieler Menschen in Rollstühlen offenbar nicht eingestellt.

Am Bombenfundort in der Mühlenstraße ist es dunkel, kalt und weit ringsum ist niemand mehr. Die Sprengmeister Holger Klemig und Peter Schmidt blenden das aus. Sie konzentrieren sich auf die 250 Kilogramm vor ihnen. 100 Kilogramm Eisen, 150 Kilogramm Sprengstoff. Es ist Klemigs 219. Bombe und die zweite in diesem Jahr. Jede ist besonders, sagt er. Die Besonderheit der Heidenauer ist, dass es eine deutsche mit russischem Zünder ist. Die Russen haben die Bombe wahrscheinlich irgendwo erbeutet, ohne Zünder. Den haben sie dann „abenteuerlich reingebaut“, sagt Klemig. Und zwar so fest, dass er kurz davor ist, aufzugeben und eine Sprengung der Bombe anzuordnen. Das hätte Schäden vor Ort bedeutet und passiert bei etwa jeder 20. Bombe. Tendenz aufgrund des zunehmenden Alters der Funde steigend. Mitunter ist auch ein Weitertransport möglich.

Von all diesen Varianten bleibt Heidenau verschont. 3.24 Uhr gibt Holger Klemig Entwarnung. Die Heidenauer atmen auf, danken den Sprengmeistern und allen Helfern, Rettern, Einsatzkräften. Die Bombe wird nun in der zentralen Sammelstelle in Zeithain in Scheiben zersägt und der Sprengstoff unschädlich gemacht. Kurz danach fahren Busse auf zwei Routen die Heidenauer wieder nach Hause. Viele sind zu Fuß oder mit dem Pkw gekommen. „Wir hau’n jetzt auch ab“, sagt Klemig gegen 4  Uhr. Eine Stunde später verlässt der letzte Evakuierte die Mügelner Schule. 6 Uhr kommt die Reinigungstruppe, 7 Uhr öffnet die Schule. 35 der 270 Mügelner Schüler bleiben am Dienstag zu Hause, Schlaf nachholen. Die anderen haben viel zu erzählen.