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Samstag, 02.06.2018

Die junge Frau und das Tiroler Meer

Von Andreas Pfitzner

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Links das Rofan-, rechts das Karwendelgebirge, dazwischen der Achensee. Tolle Aussichten begleiten den Wanderer von Achenkirch nach Pertisau über Seekar- und Seebergspitze.
Links das Rofan-, rechts das Karwendelgebirge, dazwischen der Achensee. Tolle Aussichten begleiten den Wanderer von Achenkirch nach Pertisau über Seekar- und Seebergspitze.
  • Links das Rofan-, rechts das Karwendelgebirge, dazwischen der Achensee. Tolle Aussichten begleiten den Wanderer von Achenkirch nach Pertisau über Seekar- und Seebergspitze.
    Links das Rofan-, rechts das Karwendelgebirge, dazwischen der Achensee. Tolle Aussichten begleiten den Wanderer von Achenkirch nach Pertisau über Seekar- und Seebergspitze.
  • Der sprechende Wegweiser: Naturparkführerin Marina Hausberger. Fotos: Andreas Pfitzner (4)
    Der sprechende Wegweiser: Naturparkführerin Marina Hausberger. Fotos: Andreas Pfitzner (4)
  • Einfach nur schön: der Sonnenaufgang hinterm Kaisergebirge.
    Einfach nur schön: der Sonnenaufgang hinterm Kaisergebirge.

Das kann ja heiter werden. Da habe ich vier Stunden Marsch und mehr als tausend Höhenmeter in den Waden, und nun dieser Wegweiser: Alpine Erfahrung sei nötig, um von einem auf den anderen Berg zu gelangen.

Ganz so gefährlich wird es dann doch nicht. Klar, trittsicher sollte man schon sein auf dem schmalen Pfad, der Seekar- und Seebergspitze verbindet und dabei die 2 000-Meter-Höhenlinie knapp überschreitet. Immer wieder sind kleine Klettereinlagen nötig, manchmal geht es nur noch auf allen Vieren vorwärts. Doch dann, ganz ohne Haken und Ösen, ist es geschafft. Das Gipfelkreuz!

Mächtig gewaltig ist der Blick ins Tal. Türkisblaues Wasser liegt dem Wanderer zu Füßen. Neun Kilometer lang, bis zu 133 Meter tief – der Achensee, eingebettet zwischen Karwendel- und Rofangebirge. In diesem Moment sind alle Mühen seit dem Start in Achenkirch verflogen. Hier, wo man die Sonne spürt und den sanften Wind der Höhe, ist man weit weg von allem, was da unten ist. Berge sind immer wieder eine Sucht – eine Sehnsucht. „Der Zauber des Sees und des Gebirges hat es mir angetan“, schrieb schon Adolf Pichler im 19. Jahrhundert. Der Literat gilt als einer der größten Wegbereiter des Tourismus am Achensee.

Nun warten noch einmal rund tausend Höhenmeter auf mich. Aber diesmal bergab – Gruß an die Gelenke. Das Ziel ist Pertisau, der zweite der fünf Orte rings um den See. Dessen günstige Windverhältnisse begeistern immer wieder Segler und Surfer. Badelustige sind vom rundum frei zugänglichen Ufer angetan. Hier erwärmt sich das Wasser im Sommer schon mal auf über 20 Grad.

„Tiroler Meer“ wird der größte See der Region auch genannt. An dessen Westufer beginnt der Naturpark Karwendel, der sich mit mehr als 720 Quadratkilometern bis nach Bayern erstreckt. Naturpark-Ranger wie Marina Hausberger zeigen Besuchern die Flora und Fauna. Die Frau hat Geografie studiert und ist als Bergwanderführerin unterwegs. „Der Achensee erinnert mich immer ein bisschen an die norwegischen Fjorde“, schwärmt sie. „Die atemberaubenden Berge mit dem schönen See im Tal, das ist schon eine ganz besondere Landschaft.“ Zu jeder Jahreszeit könne man sich hier, fern von großem Trubel, erholen und sportlich betätigen. Am liebsten, erzählt die 32-Jährige, denke sie an ihre Kindheit zurück: „Da war der See im Winter zugefroren, und wir sind ihn stundenlang mit unseren Eislaufschuhen abgefahren.“

Auf einer Entdeckungsreise zu Fuß in die Tier- und Pflanzenwelt erklärt Marina Hausberger den Touristen auch die Besonderheiten von Kräutern wie Frauenmantel oder Schafgarbe, und warum der Dreizehenspecht die Baumrinde so liebt. Auf jede Frage weiß sie eine Antwort. Wo kann man Steinböcke beobachten? Am besten am Sonnjoch im Karwendelgebirge. Und Steinadler? Ebenfalls im Karwendelgebirge – der Naturpark habe die größte Steinadler-Dichte in den Alpen. 16 Brutpaare gebe es in der Nähe des Achensees. Von Mai bis Juli werden interessierte Besucher in ein Adlerrevier geführt.

Unsere Wandergruppe erreicht schließlich den niedrigsten Aussichtsberg am See, den Feilkopf (1 562 m). Zeit zur Rast und zum Plaudern. Die Rangerin berichtet von einem Ehepaar aus England, mit dem sie mal durch die Gegend gezogen ist. „Die beiden waren einfach nur entzückt, immer wieder versicherten sie sich gegenseitig, was für eine tolle Landschaft dies ist – das finde ich toll.“ Was sie manchmal stört, ist der Müll, der oft in der Landschaft liegenbleibt. „Eine gute Faustregel wäre: Was ich mit auf den Berg bringe, nehme ich auch wieder mit ins Tal.“ Ganz einfach. Eigentlich.

Kurz nach drei Uhr am nächsten Morgen ist mit der lieblichen Weckermelodie die Nacht beendet. Wenig später marschieren ein knappes Dutzend Frühaufsteher im Schein einiger Lämpchen durch den Wald. Immer bergan. 500 Höhenmeter. Nach einem Schauer aus der weit und breit einzigen Wolke ist auch der letzte müde Wanderer wach.

Auch Marina ist wieder dabei. Aller zwei Wochen führt sie in den Sommermonaten Urlauber zur Astenau Alpe. Wenn andere noch in den Träumen liegen, gibt es dort auf der Alm ein zauberhaftes Gipfelfrühstück. Doch der Morgenkaffee ist nicht der eigentliche Grund der Tour. Vorher, und nur einen Katzensprung von der Alm entfernt, gehen unsere Blicke in Richtung Kaisergebirge. Dort, am Horizont, schiebt sich jetzt ganz allmählich die Sonne nach oben und färbt den Himmel in dramatischen Farben. Ein traumhaftes Naturschauspiel. Immer wieder.

Etwas mehr als acht Kilometer sind für den Auf- und Abstieg zu bewältigen. So bleibt noch genügend Zeit für eine Schifffahrt und einen Spaziergang entlang am See. Und für Ideen, die man hier im Urlaub verwirklichen kann. Und woran denkt Marina? Selten an die Zukunft, sagt sie: „Ich lebe im Hier und Jetzt.“ Sie möchte noch viel über Flora und Fauna im Naturpark lernen, dieses Wissen an die Besucher weitergeben und deren Begeisterung für diese Region wecken. Und privat? „Einfach meine Freiheit genießen“, entgegnet sie. „Was sich leichter anhört, als es ist.“