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Samstag, 06.08.2011

Die Jagd nach dem Phantom

Mit 200.000 Dollar Lösegeld sprang Dan Cooper 1971 aus einer entführten Boeing. Erst jetzt hat das FBI eine heiße Spur.

Von Dietrich Nixdorf

Es ist ein regnerischer, dunkler Spätnachmittag am 24. November 1971. Die Boeing 727-051 der Northwest Orient Airlines ist noch nicht lange in der Luft. Sie ist auf dem Weg von Portland, Oregon, nach Seattle im Staat Washington.

Florence Schaffner, 23, begleitet den Flug als Stewardess. Sie ist es gewohnt, dass männliche Fluggäste ihr manchmal Avancen machen. Normalerweise schenkt sie dem wenig Beachtung. An diesem Frühabend geht sie um halb fünf zu dem Gast auf Sitz 18 C, um ihm einen Bourbon zu bringen. Der Mann reist unter dem Namen Dan Cooper, sein Ticket hat 20 Dollar gekostet. Cooper, dessen Alter sie auf Mitte 40 schätzt, ist eine gepflegte Erscheinung. Schwarzer Anzug, weißes Hemd, schmale, schwarze Krawatte. Dazu Trenchcoat und Sonnenbrille. Er raucht Zigaretten der Marke Raleigh. Florence Schaffner gibt das Wechselgeld heraus, als der Mann ihr einen Zettel zusteckt. Eine Telefonnummer, denkt sie. Leicht genervt will sie den Zettel verschwinden lassen, als der Passagier sich ruhig vorbeugt und etwas ungeheuerliches sagt. „Miss, besser Sie lesen, was da steht. Ich habe eine Bombe.“ Es ist der Beginn der einzigen Flugzeugentführung in Amerika, die bis heute nicht aufgeklärt ist.

Sprung in die Dunkelheit

Cooper zeigt der Stewardess an jenem Abend vor Thanksgiving ein Gewirr aus roten Stangen und Drähten in seiner Tasche und lässt die Maschine nach Seattle fliegen. Seine Forderung: 200000 Dollar in 20-Dollar-Noten und vier Fallschirme. Das FBI stellt alles in einer Blitzaktion bereit und lässt Scharfschützen in Stellung gehen.

Doch niemand stirbt, niemand wird verletzt. Nach der Ankunft lässt Cooper die 36 Passagiere frei. Kurz vor 20 Uhr hebt die Boeing mit ihm und der Besatzung an Bord wieder ab. Diesmal in Richtung Mexiko. Als das fast leere Flugzeug wie vom Entführer gefordert in gut 3000 Meter Höhe durch die Dunkelheit gleitet, werden Windgeschwindigkeiten von mehr als 320 Kilometer pro Stunde gemessen. Eisiger Regen peitscht die Luft.

Im Inneren der Maschine, bereitet sich Cooper auf den Moment vor, der aus einem Verbrecher einen Mythos machen wird: seinen Sprung ins Nichts. Es ist 20.11 Uhr als die Warnleuchte im Cockpit die geöffnete Tür an der Hecktreppe signalisiert. „Ist alles in Ordnung?“, fragt der Pilot über den Sprechfunk. „Nein“, kommt als Antwort. Es sind die letzten Worte, die von Cooper gesichert sind, dann ist es still. Weit unten in der tosenden Dunkelheit zieht sich die Kaskaden-Gebirgskette hin, Wildnis.

Als die Maschine wie vereinbart in Reno, Nevada zum Tanken landet, fehlen von Cooper und dem zehn Kilogramm schweren Geld-Rucksack jede Spur. Auch die Piloten zweier Kampfjets, die die Boeing begleiteten, haben nichts bemerkt. Eine sofort eingeleitete Großfahndung bringt ebenso wenig wie der 18 Tage lange Einsatz von Hunderten Soldaten, die die Absprunggegend durchkämmen.

Seither ist Dan Cooper ein Phantom. Mehr noch: Für nicht wenige Menschen ist er zum Kult geworden. Seit eine Falschmeldung aus dem Namen Dan Cooper „D. B. Cooper“ machte, geistert dieser durch Filme und Fernsehserien. Es gibt ein gutes Dutzend Bücher. Jedes Jahr pilgern Tausende Fans in die Kleinstadt Ariel im Staat Washington in der Nähe der vermuteten Absprungstelle. „Cooperland“ nennen viele heute die Gegend. Sie hat ihre eigenen Gesetzmäßigkeiten. „In Cooperland muss man sehr vorsichtig sein“, sagte vor Kurzem der Journalist Geoffrey Gray der „New York Times“. Gray hat ein Buch über den Fall geschrieben. Es sei ein Mysterium – so mächtig, dass Spuren die Tendenz hätten, sich zu verselbstständigen.

Hinweise auf Gestorbene

Für die Bundespolizei FBI ist das Ganze keine Ruhmesgeschichte. Bis heute hat man dort mehr als tausend Hinweise verfolgt. Die Aktenschlange, die die Ermittler zusammengetragen haben, zieht sich über mehr als 40 Meter hin. Immer mal wieder war von Verdächtigen die Rede. Immer mal wieder tauchten Spuren auf. 1980 etwa fand ein Junge bei einem Familienausflug bündelweise verrottete Banknoten am Columbia-River. Die 5800 Dollar ließen sich über die Seriennummern zweifelsfrei dem Lösegeld zuordnen. Dann aber folgte lange nichts. Erst Anfang Januar 2008 meldete die „New York Times“, das FBI habe – auch aufgrund neuer Technologien – aus den ruhenden Ermittlungen wieder einen „heißen Fall“ gemacht.

Jetzt, weitere drei Jahre später, elektrisiert die Akte „D. B. Cooper“ wieder Teile der amerikanischen Öffentlichkeit. Es gibt neue Spuren. Am Montag zitierte die „New York Times“ den FBI-Mann Fred Gutt aus Seattle. Die Hinweise führten zu einem Mann, der bereits vor zehn Jahren gestorben ist, sagte Gutt der Zeitung. Ein pensionierter Polizeibeamter habe sich auf einen Zeugen berufen, der mit dem Verdächtigen bekannt gewesen sein will. Man habe einen Gitarrengurt des Toten untersucht, allerdings kaum verwertbare Hinweise gefunden. Beim FBI hält man trotzdem viel von den Aussagen des Zeugen.

Möglicherweise lässt sich diese Spur mit einem weiteren Hinweis zusammenführen, den am Mittwoch die „ABC“ veröffentlichte. Der Fernsehsender berichtete von einer Frau, die ihren 1999 gestorbenen Onkel Lynn Doyle Cooper, einen Koreakrieg-Veteranen, beschuldigt, hinter dem Pseudonym D. B. Cooper zu stecken. Auch sie spricht in dem Interview davon, dass sie den Beamten einen Gitarrengurt übergeben habe, dazu ein Foto ihres Onkels. Er habe Ledererzeugnisse hergestellt – etwa jenen Gitarrengurt. Ob all das zum selben Mann führt, ist jedoch offen. Zumindest Marla Cooper hat an ihrem Verdacht keinen Zweifel: „Ich bin mir sicher, dass es mein Onkel war.“ Sie könne sich an ein Gespräch zwischen ihm und einem anderen Onkel erinnern, dass sie als achtjähriges Mädchen am Tag vor dem Verbrechen belauscht habe. Dabei seien ihr teure Funkgeräte aufgefallen. „Meine beiden Onkel, die ich nur in den Ferien gesehen habe, haben etwas sehr Bösartiges geplant.“

Am Tag nach der Entführung sei Lynn Doyle Cooper dann blutig, verletzt und unordentlich zu Thanksgiving erschienen. Er habe von einem Autounfall erzählt. Später sei aber auch von einer Flugzeugentführung die Rede gewesen – und von gelösten Geldproblemen. Nach jenen Tagen im Haus ihrer Großmutter nahe der Absprungstelle habe sie ihren Onkel allerdings niemals wiedergesehen.

„Der Regierung eins ausgewischt“

Beim FBI hofft man nun auf weitere Hinterlassenschaften und auf Ergebnisse aus den Laboren der Behörde in Quantico, Virginia.

Im „Cooperland“ dürften allerdings selbst positive Untersuchungsergebnisse kaum etwas ändern. Auch im kommenden November werden sie wohl wieder in Ariel zusammenkommen, um den Mann zu feiern, der dann möglicherweise kein Phantom mehr ist. „Sie feiern noch immer“, sagte der Besitzer der „Ariel Store and Taverne“ in dieser Woche der „New York Times“: „Weil jemand der Regierung eins ausgewischt hat und niemand verletzt wurde.“