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Donnerstag, 13.09.2018

Die Hungersteine von Leckwitz

Eine Forschergruppe hat die Steine an der Elbe dokumentiert – ein Dutzend allein bei Nünchritz.

Von Antje Steglich

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Die sogenannten Hungersteine von Leckwitz sind bei dem derzeitigen Niedrigwasser gut an der Elbe zu sehen.
Die sogenannten Hungersteine von Leckwitz sind bei dem derzeitigen Niedrigwasser gut an der Elbe zu sehen.

© Lutz Weidler

  • Die sogenannten Hungersteine von Leckwitz sind bei dem derzeitigen Niedrigwasser gut an der Elbe zu sehen.
    Die sogenannten Hungersteine von Leckwitz sind bei dem derzeitigen Niedrigwasser gut an der Elbe zu sehen.
  • Eine Forschergruppe unter Leitung des Senckenberg-Instituts hat die Gesteinsbrocken jetzt kartiert.
    Eine Forschergruppe unter Leitung des Senckenberg-Instituts hat die Gesteinsbrocken jetzt kartiert.
  • Die älteste Markierung aus dem Jahr 1417 fanden sie in Decin.
    Die älteste Markierung aus dem Jahr 1417 fanden sie in Decin.

Nünchritz. Sie sind ein Phänomen, das nur bei Niedrigwasser zutage tritt: die Hungersteine entlang der Elbe. Eine Gruppe Forscher von der Landes- hochwasserzentrale, der Archäologischen Gesellschaft in Sachsen und den Senckenberg Naturhistorischen Sammlungen Dresden sind deshalb in den vergangenen Wochen mit Bürsten und Zollstock losgezogen, um die Steine zwischen Decin und Magdeburg zu dokumentieren. 2015 hat man bereits erstmals einige Hungersteine erfasst, nun sollte die Liste weiter vervollständigt werden, sagt Jan-Michael Lange vom Senckenberg-Institut. Stück für Stück sei man dafür die Elbe abgelaufen und habe die alten Jahreszahlen freigeschrubbt.

Fündig wurde das Team vor allem auch in Leckwitz bei Nünchritz. Etwa ein Dutzend Hungersteine wurden dort erstmals dokumentiert, die etwa vom Ende des 19. Jahrhunderts bis heute datiert sind, erklärt der Geologe. Ein Brocken trägt beispielsweise die Jahreszahl 2015, ein anderer 1897. Wer die Jahreszahlen in die Steine gemeißelt hat, ist unklar – normalerweise sind es Anwohner, weiß Jan-Michael Lange. So initiierte erst Ende August die Freie Wählergemeinschaft Strehla, dass der Nixstein eine neue Hungermarke bekommt. Anfang September wurde zudem ein Brocken unterhalb der Knorre in Meißen markiert.

„Es kommen natürlich immer wieder neue Hungersteine dazu“, sagt der Wissenschaftler, der sich im Senckenberg-Institut mit der Entwicklungsgeschichte der Elbe, zuletzt aber auch mit Grabmalen oder Gesteinen beschäftigte, die durch Meteoriteneinschläge entstanden. Die Liste mit aktuell weit über hundert Hungersteinen zwischen der Böhmischen Schweiz und Sachsen-Anhalt könne deshalb sicher nie vollständig sein. Trotzdem lohne sich die wissenschaftliche Arbeit – denn die Hungersteine erzählen viel über das Leben der Menschen, sagt Jan-Michael Lange.

Seit 2003 beschäftigt er sich mit dem Thema und findet, dass der vielleicht schönste Hungerstein in Oberposta bei Pirna liegt. Er sei sehr groß und trage viele Jahreszahlen. Der älteste Eintrag – die Jahreszahl 1416 – allerdings wurde in Decin gefunden, neben Sprüchen wie „Wenn du mich siehst, dann weine“ aus dem 19. Jahrhundert und „Mädchen, weine und klage nicht, wenn es trocken ist, spritze das Feld“ aus dem 20. Jahrhundert. Diese Steine bestehen übrigens vorwiegend aus Sandstein, die Leckwitzer Hungersteine dagegen aus Gneis. Sprüche wurden auf den Leckwitzer Steinen bislang nicht gefunden. Es sei aber nicht ausgeschlossen, dass es welche gibt, so Jan-Michael Lange. Eine weitere Suche wird es durch die Forschergruppe aber trotzdem erst einmal nicht geben, sagt der Geologe.

„Das war eine schöne Beschäftigung. Aber das Projekt ist soweit abgeschlossen. Die Hungersteine wurden nun erstmals kartiert, da sind wir stolz darauf.“ In den nächsten Wochen und Monaten sollen die Daten ausgewertet werden und wird es auch eine Veröffentlichung geben. Ungeachtet dessen könne sich jeder selbst ein Bild von den Hungersteinen machen, die übrigens nicht unter Denkmalschutz stehen. Ab einem Elbepegel in Dresden von 70 Zentimeter lohnt sich ein Spaziergang.

Neben Meißen, Leckwitz und Strehla gab es übrigens auch bei Lorenzkirch einmal einen Hungerstein – in der Nähe der alten Fähre. Heute ist er laut Senckenberg-Institut allerdings nur noch auf Karten und Stichen des 19. Jahrhunderts zu sehen. Beim Anlegen des toten Elbarmes 1932 wurde er entfernt.