erweiterte Suche
Montag, 04.07.2005

Die Gefahr Deutschland

Von Katarzyna Stoklosa

Als kürzlich in Polens Hauptstadt Warschau die „Parade der Normalität“ stattfand, ergriff auch Roman Giertych das Wort. Der Vorsitzende der „Liga der Polnischen Familien“ sagte: „Man kann sich nicht damit einverstanden erklären, dass das Unnormale propagiert wird. Denn Polen, das ist eine Verpflichtung, Polen das ist das Erbe und die Tradition.“

Unter „unnormal“ verstehen Giertych und die übrigen Paradeteilnehmer – darunter viele junge Menschen und Familien mit Kindern – zum Beispiel EU-Befürworter und Homosexuelle. Sie schwenkten polnische Fahnen und skandierten Parolen wie „Gott, Ehre, Vaterland“, „Großes Polen – katholisch“, „Schwule – Enthusiasten der EU“ und ihr Credo „Liebe ist hetero“.

Die „Parade der Normalität“ ist leider kein Ausnahmefall. Rechtsnationale Kräfte sind in Polen auf dem Vormarsch und finden in höchsten Kreisen Unterstützung. So musste die für Toleranz eintretende liberale „Parade der Gleichheit“ eine Woche zuvor illegal durchgeführt werden; Stadtpräsident Lech Kaczynski hatte sie verboten. Die „Parade der Normalität“ dagegen erfreute sich höchster Protektion, auch seiner. Was kaum verwundert, ist Kaczynski doch Spitzenpolitiker der populistischen Partei „Recht und Gerechtigkeit“. Trotz oder vielmehr wegen seiner nationalistischen Attitüden hat der Warschauer Stadtpräsident gegenwärtig die größten Chancen auf den Posten des Staatspräsidenten.

An der Spitze Akademiker

Initiator der „Parade der Normalität“ war die „Allpolnische Jugend“. Dieser nationalistische Verein knüpft an die Werte von Roman Dmowski an, dem Führer des nationalen und antisemitischen Lagers im Polen der 1930er Jahre. Wie damals spricht sich die „Allpolnische Jugend“ für einen einheitlichen nationalen und rein katholischen Staat aus und verkündet den Kampf gegen den liberalen, pluralen Verfassungsstaat westlicher Prägung.

Zum Vereinsvorstand gehören viele akademisch gebildete junge Menschen, zum Beispiel Studenten und Absolventen der Fachrichtungen Politik und Jura an den besten Universitäten des Landes. Finanzielle Unterstützung erhalten die Allpolnischen vor allem von Roman Giertych und seiner rechten „Liga der Polnischen Familien“.

Mit Hilfe des Geldes kann die Allpolnische Jugend sich einen beachtlichen Apparat leisten. Ihre Funktionäre dienen als politische Berater für polnische nationalistische Politiker, auch im Europaparlament. Sie organisieren indoktrinierende Treffen mit Jugendlichen, sogar in den Schulen, Kundgebungen und verschiedene öffentliche Veranstaltungen ähnlich der „Parade der Normalität“.

Die Kontakte zur katholischen Kirche sind rege. Für Veranstaltungen der „Allpolnischen Jugend“ stellen kirchliche Organisationen gerne Räume bereit. Schließlich will der Verein die traditionell enge Verbindung zwischen polnischem Nationalismus und Katholizismus wiederbeleben. Auf seinen Internetseiten präsentiert er immer wieder das Bild des verstorbenen polnischen Papstes und meint, sich auf dessen Ideale berufen zu können.

Demokratische Politiker sehen in den Aktivitäten der „Allpolnischen Jugend“ eine Gefahr. Nicht nur für die aktuelle polnische Innenpolitik, sondern für die Bildung einer offenen pluralen Gesellschaft insgesamt. Sie fürchten, dass die rechtspopulistische Bewegung auch die deutsch-polnische Nachbarschaft beschädigen könne. Denn die „Allpolnischen“ vermitteln ein sehr negatives Bild von Deutschland und den Deutschen. Im Kommuniqué des Vereins wird das Nachbarland als Hauptgegner des Polentums dargestellt: „Wir wenden uns gegen die dauernd gegenwärtige und immer aktuelle Gefahr, die Deutschland darstellt.“ Damit wird heute nicht nur die alte Furcht vor der militärischen Übermacht des Nachbarn beschworen, sondern paradoxerweise auch seine angeblich „dekadente“ westliche Kultur.

Sehr aktiv in Grenznähe

Außer in Warschau ist der Verein besonders aktiv in Städten, die nicht weit von der deutsch-polnischen Grenze liegen wie Breslau, Liegnitz oder Waldenburg. Die Agitation der „Allpolnischen Jugend“ fällt in ihrer Altersgruppe auf durchaus fruchtbaren Boden: Umfragen zufolge beurteilt die junge Generation auf der polnischen Seite der Grenzregion Deutschland sehr viel negativer als ältere Menschen. Das könnte erst der Anfang einer äußerst fragwürdigen und das deutsch-polnische Verhältnis sehr belastenden Entwicklung sein.