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Donnerstag, 23.02.2017

Die deutsche Koreanerin

Aileen Frisch hat wieder Spaß am Rodeln. Die Altenbergerin wurde dafür aber eine Nicht-EU-Ausländerin.

Von Jochen Mayer

Die Sponsoren sind fast die gleichen wie bei den Deutschen. Doch Aileen Frisch trägt an der vertrauten Altenberger Kunsteispiste den Auswahlanzug der Koreaner. Sie kommt als Nicht-EU-Ausländerin in ihre Heimat zurück.
Die Sponsoren sind fast die gleichen wie bei den Deutschen. Doch Aileen Frisch trägt an der vertrauten Altenberger Kunsteispiste den Auswahlanzug der Koreaner. Sie kommt als Nicht-EU-Ausländerin in ihre Heimat zurück.

© Robert Michael

Neuerdings muss Aileen Frisch ihren Namen buchstabieren. Lim ist nun ihr Nachname, der kommt aber zuerst, Ilwi als neuer Vorname folgt. Das klingt ungewöhnlich – und ist es auch. Im vergangenen Dezember schaffte die 25-Jährige den Einbürgerungstest für Südkorea, bei dem sie auch die Hymne singen musste – koreanisch. Die Altenbergerin, Junioren-Weltmeisterin im Rodeln von 2012, hat bei den kommenden Olympischen Winterspielen in Pyeongchang Heimvorteil. Dafür gab sie auch ihren deutschen Pass ab.

Warum sie diesen ungewöhnlichen Weg ging, erklärt die 24-Jährige am Mittwoch an der Altenberger Kunsteisbahn. Das große deutsche Rodeltalent machte im November 2015 plötzlich Schluss mit einer Karriere, bevor die richtig in Fahrt gekommen war. „Es hatte mir keinen Spaß mehr gemacht“, beschreibt Aileen Frisch ihre Motive. „Wenn man keine Freude an einer Sache hat, kann man nicht wirklich richtig gut werden. Das zeigte sich auch in meinen Leistungen. Sowohl athletisch als auch beim Rodeln wurde ich immer schlechter.“ Sie verpasste die Spiele in Sotschi, hatte scheinbar eine unüberwindbare Weltklasse-Übermacht im eigenen Land vor sich.

„Komische und seltsame“ Anfrage

Nachdem Sachsens große Rodel-Hoffnung entnervt einen Schlussstrich gezogen hatte, klopfte Südkoreas Verband an. Das klang für sie „komisch und seltsam“. Deshalb stieß die Offerte erst mal auf Ablehnung. Doch die Saat war gelegt in einer Phase des Abtrainierens, in der sie zunehmend das Rodeln vermisste, das gut ein Jahrzehnt lang ihr Leben bestimmt hatte.

Auf eine zweite Anfrage aus Korea vor einem Jahr ließ sich Aileen Frisch dann ein, mit allen Konsequenzen. Für den Antrag auf doppelte Staatsbürgerschaft reichte die Zeit nicht, so musste sie ihren deutschen Pass abgeben, reist nun als Nicht-EU-Bürger in Deutschland ein. So kann sie dann 90 Tage bleiben. Den neuen Familiennamen übertrug ihr praktisch ein Verbandsoffizieller. Koreanische Journalisten klärten die Neu-Asiatin über die Bedeutung ihres Namens auf: „Gewinnt den ersten Preis.“

Das sieht Aileen Frisch realistisch. Bei der Rückkehr auf die einst so heimische Altenberger Bahn war sie nah am Sturz. Und sie beklagt, dass sie nicht auf Geschwindigkeit kommt, was auch an mangelnder Athletik liegt. Das fehlende Trainingsjahr ist spürbar. Am Freitag will sie dennoch im Nationencup die Qualifikation für das Weltcupfinale am Wochenende schaffen.

Nicht alle sahen den Nationenwechsel locker. Trainer vermuteten, dass sie nur aufgehört habe, um für Südkorea starten zu können. Das verneint Aileen Frisch energisch. Sie hat zwar wieder Spaß am Rodeln wie im Junioren-Alter. Aber sie zahlt ihren Preis dafür: Noch fühlt sie sich wie ein Amateur, es gibt keinen Vertrag, sie lebt vom Ersparten und durch die Unterstützung der Eltern. „Ich werde in einen koreanischen Verein eintreten, dann ändert sich einiges, wurde mir versprochen“, sagt sie. Ihr Trainer Steffen Sartor, Ehemann der Altenberger Skeleton-Exweltmeisterin Diana Sartor, und ein deutscher Techniker treiben Koreas Olympiaprogramm auf den Schlitten voran. Dafür haben sie im Sommer auch eine vereiste Startstrecke. Doch wie es nach den Spielen weitergeht, das ist noch unklar.

Trotz der großangelegten Sportoffensive in Korea: Sie werfen dabei nicht mit Geld um sich. Tests im Windkanal wie bei den Deutschen gab es bisher nicht. Selbst der Transport offenbart Klassenunterschiede. Während deutsche Schlitten jetzt gerade vom Olympiatest in Korea gut gebettet in Kisten zum Weltcupfinale flogen, steckten Koreas Renngeräte in Transportsäcken. Die hielten nicht alle Stöße ab. Es gab Schrammen. Dennoch sieht Aileen Frisch eine neue Perspektive und den Heimvorteil auf der Olympiabahn.

Als das Frauen-Team eine Neu-Koreanerin bekam, muss es ein gewisses Fremdeln gegeben haben. „Seltsam“ sei das Miteinander gewesen, sagt Aileen Frisch über die Erstkontakte. Das lag wohl auch an der zurückhaltenden Art der Koreaner. Englisch ist nun die Teamsprache mit einigen Brocken Koreanisch. Die Neue lernt von ihren Kolleginnen die Sprache, im Gegenzug gibt sie Tipps aus der Schlittenwelt weiter – auch an Koreas Männerteam.

In einem Vorort der 10-Millionen-Einwohner-Stadt Seoul liegt Frischs neues Quartier, offiziell. Praktisch ist sie immer unterwegs. Beim exotischen Essen probiert sie sich durch. Inzwischen wissen ihre Teampartner, wenn etwas zu scharf für sie sein könnte. Einziger Kulturschock war bisher ein Octopus, der in eine Suppe geworfen wurde. Lebend. „Mehr als gewöhnungsbedürftig“ sei das gewesen, sagt sie.

Die Ex-Sportsoldatin weiß, dass sie sich im neuen Land anpassen muss – bis hin zu neuen Höflichkeitsformen bei der Anrede, je nach Alter. Aileen Frisch war überrascht von fehlenden Graffiti und den Dimensionen in Seoul. Sie fühlte sich in der Stadt etwas verloren. Und sie kennt nun das Gefühl, zwischen den Welten zu leben. „Hier bin ich nicht mehr ganz die Deutsche“, sagt sie im vertrauten Kohlgrund am Eiskanal. „In Korea ist es genau andersrum. Ich werde sehen, wie ich damit klarkomme.“

Die Erwartungen sind groß, auf beiden Seiten. Wenn Frisch in Korea ist, gibt es keinen Tag, an dem keine Kamera auf sie gerichtet ist. Sie weiß, was an der Hymne noch alles hängt. Aber sie hat auch noch ihr Zimmer bei den Eltern in Schellerhau.