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Samstag, 15.10.2005

Die Chemie stimmt

Joachim Sauer. Unser Land hat Erfahrungen mit Kanzlergattinnen, ein Kanzlerinnengatte ist ihm fremd: Wer ist der Mann an Angela Merkels Seite?

Von Marcus Jauer

Die Frage ist doch, ob man jemanden beschreiben kann, der nicht mit einem reden will. Joachim Sauer redet nicht mit Journalisten. In den letzten Wochen haben es wieder welche versucht, in den Monaten zuvor auch, eigentlich versuchen sie es seit Jahren, aber alles, was sie bisher von ihm bekommen haben, sind zwei Sätze: „Meine Person steht in keinem Verhältnis zu der politischen Arbeit von Angela Merkel. Deshalb bin ich für die Öffentlichkeit auch nicht interessant.“

Sauer ist Wissenschaftler, Quantenchemiker, einer der besten des Landes. Außerdem ist er Ehemann von Angela Merkel, der Politikerin und bald ersten Bundeskanzlerin des Landes. Joachim Sauer findet, das eine habe nichts mit dem anderen zu tun. Deshalb redet er nicht. Aber versuchen kann man’s ja mal.

Er arbeitet in Adlershof am Institut für Chemie der Humboldt-Universität, weit draußen am Rande Berlins. Auf dem Flur, auf dem sein Büro liegt, gibt es nur Computer, groß wie Schränke, und eine Sekretärin, klein und freundlich. Ihr Gesicht verrät nicht, ob ihr Chef gerade nebenan sitzt. „Er wird sich bei Ihnen melden“, sagt sie.

Bis dahin liest man Dinge, die schon bekannt sind über ihn. Sie sind es vor allem deshalb, weil sie fast alle mit Angela Merkel zu tun haben. In den Biografien über sie, steht, dass Joachim Sauer 1949 in Hoyerswerda geboren wurde, als Sohn eines Konditormeisters. Mit 20 Jahren heiratet er eine Schulfreundin, sie bekommen zwei Jungen, Daniel und Adrian, die bei der Mutter bleiben, als die Ehe später auseinander geht. 1998 heiratet er Angela Merkel. Da ist er 49, sie 44. Es ist für beide die zweite Ehe. Sie schließen sie fast heimlich. Zur Trauung laden sie weder Eltern noch Trauzeugen. Erst Tage darauf steht eine Annonce von der Größe einer Streichholzschachtel in der Zeitung: „Wir haben geheiratet.“

Prima Kerl

In den Interviews, die Angela Merkel zu Beginn ihrer Karriere gegeben hat, findet sich kaum ein Satz über Joachim Sauer. Erst in letzter Zeit erzählt sie, dass sie sein Selbstbewusstsein möge, seine Ruhe und Distanz zu vielen Dingen, und dass er dennoch ein fröhlicher Mensch sei. Ein „prima Kerl“, wie sie sagt. Auf den Fotos, die entstehen, wenn die beiden die Festspiele in Bayreuth besuchen, sieht man einen sportlichen, attraktiven Mann, der sehr angestrengt lächelt. Er mag die Oper, sie auch, aber nicht den Auftritt. Als sie zuletzt in Bayreuth waren, antwortet sie einem Reporter, der sie auf dem roten Teppich fragt, was sie heute Abend denn trage: „Ein Kleid.“ Und er antwortet der Dame, die am Tisch Konversation treiben will und fragt, ob er nun an der Freien oder an der Humboldt-Universität arbeite, nur mit: „Ja.“

Dabei ist seine Arbeit wahrscheinlich die einzige Sache, für die Joachim Sauer auch bekannt wäre, wäre er nicht der Mann von Angela Merkel. Er beschäftigt sich mit Zeolithen, Siliziumoxiden. Der Laie würde sagen Sand. Aber der Laie sieht im Sand auch nur die Körner. Joachim Sauer sieht Moleküle, die sich zu unregelmäßigen Gittern verbunden haben. Es gibt in ihnen Hohlräume wie in einem Schwamm, in die kann man etwas hineinbauen. Einen Katalysator zum Beispiel, der eine chemische Reaktion beschleunigt, die Aufspaltung von Erdöl etwa. Das Problem ist, dass die Hohlräume für die Katalysatoren so klein sind, dass keiner sie sehen kann. Man kann nur versuchen, sie zu berechnen, dann erhält man eine Formel. Die Chemie des Joachim Sauer ist unsichtbar. Sie lebt von der Berechnung, nicht vom Experiment.

Leidenschaftlicher Forscher

Er war erst 28 Jahre, aber bereits promoviert, als er nach Adlershof kam. Damals befand sich hier noch die Akademie der Wissenschaften der DDR. Menschen, die mit ihm in jener Zeit an der Akademie gearbeitet haben, beschreiben ihn als ehrgeizig, zielstrebig und fähig. Einer, der sich vergleichen wollte. Er veröffentlichte die Ergebnisse seiner Forschung auch in Fachzeitschriften im Westen. Doch reisen durfte er dorthin nicht. Er war nicht in der Partei, wollte auch nicht hinein. Andere waren es, die durften.

„Die Schwierigkeit war, sich nicht müde machen zu lassen von den Verhältnissen damals“, sagt Michael Schindhelm, „und da war Sauer eine Urkraft.“ Schindhelm war in den achtziger Jahren an der Akademie. Bis sie ihn müde machte. Heute leitet er in Berlin die Opernstiftung. Ein Foto von 1986 zeigt Sauer und ihn auf der Promotionsfeier einer jungen Doktorandin. Sie sitzt genau zwischen ihnen. Es ist Angela Merkel. „Er war ein distanzierter Mensch, einer, der mit Leidenschaft, fast monomanisch, der Forschung nachgegangen ist“, sagt Schindhelm, „unabhängig, intelligent. Sicher hat sie das angezogen.“

Als das Foto entsteht, kennen Joachim Sauer und Angela Merkel einander bereits länger. Er lebt inzwischen getrennt. Sie sitzt oft in der Kantine mit ihm zusammen. Ein enger Kollege, der für die Stasi spitzelt, gibt das zu den Akten. Sauer erfährt es nach der Wende. Der Mann war einer von denen, die reisen durften. Nun forscht er weiter mit öffentlichem Geld, da setzt sich Sauer hartnäckig dafür ein, dass er das nicht mehr kann.

Wahrscheinlich ist es gar nicht die Frage, ob man jemanden beschreiben kann, der nicht mit einem reden will. Natürlich kann man. Die Frage ist, ob man soll. Das Land bekommt eine Kanzlerin, darum hat es einen Anspruch, etwas über sie zu erfahren. Es wählt nicht den Menschen, der mit ihr verheiratet ist. Darum hat es ihm gegenüber auch keinen Anspruch. Die Bundesrepublik hat Erfahrungen mit Kanzlergattinnen, ein Kanzlerinnengatte ist ihr fremd. Dabei geht es nicht darum, ob Joachim Sauer auf Staatsbesuchen künftig das Damenprogramm absolvieren, ob er seinen Beruf aufgeben und sich um das Gemeinwohl kümmern wird. Er will nicht der Gatte der Kanzlerin werden. Aber er bleibt doch der Mann seiner Frau.

Öffentlicher Mensch

Angela Merkel sagt, die Gespräche mit ihm seien für sie „fast lebenswichtig“. Er sei „ein wirklich guter Ratgeber“. Er las ihre Doktorarbeit über „die Berechnung von Geschwindigkeitskonstanten, von Elementarreaktionen am Beispiel einfacher Kohlenwasserstoffe“ gegen. Im Nachwort dankte sie ihm für die „kritische Durchsicht des Manuskripts“. Er half, als sie die erste wichtige Pressemitteilung formulieren musste. Da war sie Sprecherin des „Demokratischen Aufbruch“, dessen Spitzenkandidat Wolfgang Schnur gerade als Stasi-Spitzel enttarnt worden war, nur wenige Tage vor der Volkskammerwahl. Niemand in der Partei hatte damals einen klaren Kopf, ihr Mann hatte einen. Er schaut heute im Fernsehen manchmal, ob sie bei einer Debatte wieder den Zeigefinger erhebt, und er liest einige ihrer Parteitagsreden, bevor sie sie hält.

Nach dem Ende der DDR hat Joachim Sauer eigentlich nur seine Arbeit fortführen wollen. Doch die Akademie der Wissenschaften wurde aufgelöst, all ihre Forscher mussten gehen. Aber Sauer setzte sich durch. Er wurde Professor. „Mir ist das Beste passiert, das einem Akademieforscher nach der Wende widerfahren konnte“, sagte er einmal. Dazu gehört, dass er morgens in seinen Golf steigen und von der Wohnung, die der Museumsinsel gegenüberliegt, ins Institut fahren kann. Dazu gehört nicht, dass es Gerüchte gibt, er trenne sich von seiner Frau, nur weil mal Kartons im Hausflur stehen. Dazu gehört, dass er für die Studenten, die ihn für seine klaren Vorträge achten, Seminare abhalten kann. Dazu gehört eher nicht, dass in der Fachschaft ein Zeitungsausriss mit seinem Foto hängt und der Schlagzeile: „Wird er Deutschlands erster Kanzlergatte?“ Und dazu gehört schließlich, dass er abends in eine ruhige Wohnung zurückkehrt. Dazu gehört nicht, dass gleich in der Zeitung steht, wenn er sich beim Bezirksamt beschwert hat, weil ihm mal ein nahes Freilufttheater zu laut war. Joachim Sauer möchte die Dinge seines Lebens in der Hand behalten. Aber das ist schwer, sobald sich die Öffentlichkeit für einige davon interessiert.

Kurz vor der Wahl erschien in einer Boulevardzeitung die erste Aufnahme aus dem Privaten, die sie für eine Fotografin inszeniert haben. Es entstand an einem See in der Uckermark, wo Merkel und Sauer ein Grundstück besitzen. Es zeigt sie bei einem Fischer, der stolz einen Karpfen in die Höhe hält. Angela Merkel trägt Turnschuhe und Streifenbluse, Joachim Sauer steht ungelenk neben ihr. Beide sehen aus, als habe man sie gerade überfallen. Eigentlich sollte der Fischer gar nicht mit aufs Bild, nur sein Fisch, aber am Ende war er der Einzige, der in die Kamera schaute.

Mann mit Prinzipien

Einige Tage nach der Anfrage bei seiner Sekretärin antwortet Joachim Sauer mit einer Mail. „Ich habe mich entschlossen, keine Journalistengespräche zu führen, die nicht durch meine Tätigkeit als Hochschullehrer und Forscher, sondern ausschließlich durch die politische Tätigkeit meiner Frau veranlasst sind“, schreibt er. Irgendwie kann man verstehen, dass jemand nicht allein deshalb interessant sein will, weil seine Frau Kanzlerin wird. Sauer scheint ein Mensch mit Prinzipien zu sein. Bald wird er in Situationen kommen, in denen sich diese Prinzipien nur schwer durchhalten lassen. Jemanden, der eine solche Aufgabe zu lösen hat, würde man auch beschreiben wollen, wenn er nicht Ehemann von Angela Merkel wäre.