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Donnerstag, 16.10.2003 Film

Die Braut trägt Gelb

Von Thomas Klein

Er war mal ein Star, aber irgendwie ist die Karriere vorbei: Quentin Tarantino mutierte in den Neunzigern vom Schmuddel-Kind zum Wunderkind, aber seit seinem letzten Film, „Jackie Brown“ (1997) ist es erschreckend still geworden. Der Fluch des Erfolgs? Irgendwo zwischen dem immensen Erwartungsdruck, ein weiteres Meilensteinchen vorzulegen, und der Flut von mehr oder weniger gelungenen tarantinoesken Streifen, ist dem Filmemacher offenbar etwas abhanden gekommen: die Lust, der Drang oder vielleicht die Inspiration.

Mittendrin kommt „Fortsetzung folgt“

Umso erwartungsvoller fiel das Interesse an seinem neuesten Film aus. Und machen wir uns nichts vor – unabhängig von jeder Kritik ist „Kill Bill“ genauso ein Ereignisfilm wie „Matrix Reloaded“, ein Streifen, den man wohl sehen muss, um mitreden zu können. Das ist zwar nur die Schnittmenge aus dem Ruhm vergangener Tage – aber so oder so werden die Besucherzahlen stimmen. Zumindest in den ersten Wochen. Der kommerzielle Erfolg sei Tarantino durchaus gegönnt, immerhin verdankt man ihm drei schöne Filme, und sein Name hat noch genug Zugkraft, um so ziemlich jeden Blödsinn zu verkaufen. Und genau das ist „Kill Bill, Teil 1“. Schon die Darreichungsform – auch das ist eine „Matrix Reloaded“-Parallele – ist hochgradig ärgerlich. Denn da der fertige „Kill Bill“ wohl über drei Stunden lang geworden ist, erhält man hier nur die erste Hälfte einer Geschichte, die dann auch zum denkbar unsinnigsten Moment mit einem „Fortsetzung folgt“ abschließt. Naivere Kinogänger seien an dieser Stelle daran erinnert, dass sie hier für eine halbe Sache voll bezahlen müssen. Dieses Ärgernis hätte ein gelungener Film wett gemacht, doch „Kill Bill“ ist alles andere gelungen. Einmal mehr hat Tarantino, der wohl berühmteste ehemalige Videothekenmitarbeiter der Welt, Ideen und Motive zusammengeklaut.

Das ist nicht schlimm und ist bei dem Regisseur fast schon ein Markenzeichen: Schon Tarantinos Erstling „Reservoir Dogs“ (1992) war eine überdeutliche Kopie von Ringo Lams Hongkong-Reisser „City on Fire“ (1987), und sowohl „Pulp Fiction“ (1994) als auch „Jackie Brown“ beriefen sich überdeutlich auf das amerikanische Trash- und Trivial-Kino der 60er und 70er oder auch französische Gangsterfilme. Aber diesmal ist der Ideen-Raub wenig subtil und die kreative Eigenleistung denkbar gering.

Die Grundidee stammt von Francois Truffauts „Die Braut trug Schwarz“, in dem sich 1968 die junge Jeanne Moreau an den Mördern ihres Bräutigams rächte. Bei Tarantino wird die Braut von Uma Thurman gegeben: Am Tag ihrer Hochzeit hatten die ehemaligen kriminellen Mitstreiter des „Deadly Viper Assassination Squads“ nicht nur die Hochzeitsgesellschaft und ihren Zukünftigen abgeschlachtet, sondern die hochschwangere Frau vermeintlich tot zurückgelassen. Nach vier Jahren im Koma erwacht die Braut, schwört Rache und beginnt, ihre Feinde nach und nach von ihrem Einkaufszettel des Todes abzustreichen. Chef Bill (David Carradine) soll den Abschluss bilden. Da „Kill Bill“ als asiatische Geschichte angelegt ist (der Film wurde weitgehend in China gedreht) und den Filmreihen um Zatoichi oder Lady Snowblood folgt, erledigt der wieder erwachte Racheengel seine Arbeit mit Klinge statt Kugel und jenem Schwertkampf- wie Kung-Fu-Einsatz, der momentan schwer in Mode ist.

Das ist ein Grundproblem des Films: Tarantino biedert sich mit „Kill Bill“ einem dubiosen Zeitgeist an, ist aber doch nur noch Nachzügler. Da wurde der Kampfsport- und Drahtseil-Artistik-Ausbilder Yuen Woo-Ping aus Hongkong angeheuert, aber seit seiner Arbeit an den Matrix-Filmen oder auch „Tiger & Dragon“ mag man das fast nicht mehr sehen. Und auch die Talente der anderen asiatischen Kino-Größe, dem japanischen Schauspieler und Schwertkampf-Experten Sonny Chiba, werden verschwendet. Denn wo Tarantino inszenatorisch nicht mehr weiter weiß, erhöht er nur stumpf die Dosierung: Statt eines packenden Duells mit japanischen Säbeln lässt der Regisseur die Braut in einem endlosen, albernen Gemetzel 88 maskierte Yakuza-Kämpfer niedermachen.

Einst Wunderkind, nun Dilettant

Für Details und Eleganz bleibt da kein Platz. Wenn eine der Episoden des Films, mit denen „Kill Bill“ verzweifelt dramaturgische Gewieftheit suggerieren will, als japanisches Anime daherkommt oder schon zu Beginn der Vorspann der Hongkong-Legenden Shaw Brothers einem Star-Trek-Zitat weicht, ist das eher peinlich. Mindestens so peinlich wie die klappernden Dialoge, die an schlechte Synchron-Fassungen aus den 70ern erinnern (sollen?) oder ein Seifenopern-Finale. Das Wunderkind als Dilettant, sein neuer Film ein hoch blutiges, unzusammenhängendes, unbefriedigendes Desaster.