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Mittwoch, 11.04.2018

Die Bratsche mit dem Wappenkopf

Steffen Friedel erhält für eine Design-Viola den Deutschen Musikinstrumentenpreis. Er baut auch Reise- und stille Cellos.

Streichinstrumentenbauer Steffen Friedel in seinem Atelier.
Streichinstrumentenbauer Steffen Friedel in seinem Atelier.

© Ronald Bonss

Es braucht nicht den zweiten Blick. Schon auf den ersten fällt die extravagante Gestaltung der Bratsche vom Dresdner Instrumentenbauer Steffen Friedel auf. Die f-förmigen Öffnungen in der Decke enden nicht mit einem üblichen Loch, sondern laufen elegant geschwungen aus. Jenen Schwung erkennt man im Kopfstück wieder, das die Kontur eines Wappens hat. „Die Öffnungen und das Kopfstück korrespondieren in der Winkel- und Linienführung miteinander“, sagt Friedel über die von ihm geschaffene Bratsche. Dieses Wappendesign sei in Anlehnung an bereits bestehende Formen entstanden, etwa an den Kopf der Dancing Masters Violine „Gillott“ von Antonio Stradivari.

In der Werkstatt von Steffen Friedel

Diese Wappenbratsche erhält in diesen Tagen besondere Aufmerksamkeit. Sie wird auf der diesjährigen Musikmesse in Frankfurt am Main mit dem Deutschen Musikinstrumentenpreis ausgezeichnet. Die undotierte Ehrung des Arbeits- und Wirtschaftsministeriums, die jedes Jahr für andere Instrumente ausgeschrieben wird, soll belegen, dass trotz Digitalisierung der Mensch das Maß der Dinge bleibt. Neben dem Dresdner erhält die Markneukirchener Traditionsfirma Gebrüder Mönnig für eine sillikonbeschichtete, teilweise mit Teflon gebaute Oboe diesen Preis.

Geigenbau als Midlife-Chance

Die entscheidenden Kriterien für diese Bewertung waren die fertigungstechnischen Analysen durch Experten und Testspiele durch – im Falle der Bratsche – fünf Konzertmeister führender Orchester. Diese lobten den „offenen Klang, das Klangvolumen und die Variabilität“, nannten die Wappenbratsche „innovativ und gefällig“. Die Jury hob zudem hervor, dass der „Instrumentenbauer mit Mut und Innovationswillen positive Signale setzen“ würde.

Und tatsächlich ist Steffen Friedels Weg ein ungewöhnlicher. Der heute 51-jährige, gebürtiger Döbelner, arbeitete bis 1991 als Flugzeugmechaniker sowie bis 2009 als Geologietechniker für Hydrogeologie. Dann wagte er eine Neuorientierung, kündigte in Leipzig und lernte neu, „weil mich Instrumentenbau schon immer interessiert hat“. Gern wird bei Männern Mitte des Lebens von einer Midlife-Crisis geredet, dass es für viele eine Midlife-Chance ist, übersieht man.

44-jährig fertigte er in der Eifel bei einem Geigenbauer sein erstes Instrument, studierte dann in Markneukirchen und hat seit diesem Jahr den Meisterbrief. Selbstständig ist er seit 2010, repariert und baut neue Geigen, Bratschen und Celli in traditioneller italienischer Weise: nach eigenen oder Modellen von Stradivari, Guarneri und Amati. Eine Violine gibt es ab 3 000 Euro, eine Viola ab 4 000 und ein Violoncello ab 7 000 Euro. Bis zu 250 Stunden sitzt er an einem Instrument. Er verbaut hochwertige Tiroler Fichte für die Decke und bosnischen Ahorn für Boden, Zargen und Hals entsprechen dem klassischen Geigenbau.

Zu seinen Kunden gehören Schüler ebenso wie Liebhaber und Profis. Interessanterweise kommen Orchestermusiker eher aus Berlin und Wien zu ihm als aus Dresden. Und es werden die herkömmlichen Streichinstrumente bevorzugt gewählt, nicht die innovativen und designten. „Orchestermusiker sind konservativ“, sagt Friedel. Dabei hat beispielsweise seine Wappenbratsche noch mehr ästhetisch ansprechende und klanglich überzeugende Details. Das Instrument ist relativ breit und die Decken- und Bodenwölbung entsprechend angepasst, was der Klangentfaltung zugutekommt. „Um diese noch zu optimieren, habe ich das gebräuchliche Besaitungskonzept geändert und besonders lange und abgestimmte Saiten verwendet.“ Eine Bratschistin des Hessischen Rundfunkorchesters hat das Instrument seit zwei Wochen, um sich einzuspielen. Sie wird es bei der Verleihung des Deutschen Musikinstrumentenpreises am 13. April in der Rotunde der Festhalle Frankfurt spielen.

Die Werkstatt in einem alten Industriebau in Dresden-Gruna ist nicht riesig, aber offenbar inspirierend. Denn hier entstehen in Kleinstserien auch „bedarfsgerechte unkonventionelle Streichinstrumente“ wie ein Reise-Cello. Denn, was macht der Cellist, der nicht unbedingt mit großem Instrument verreisen möchte oder kann? Friedel bietet ihm ein einzigartiges zerlegbares Violoncello an. „Es entspricht hinsichtlich Handhabbarkeit und Spielbarkeit einem klassischen Violoncello, ohne Kompromisse eingehen zu müssen.“ Das neu entwickelte Konzept sieht einen schmalen Korpus und einen abnehmbaren Hals für einen platzsparenden Transport vor. Per neuartigem Schnellverschluss können die Spielsaiten fix und bequem in ihre Spiel- oder Transportposition gebracht werden.

Oder es gibt das innovative e-Cello, entwickelt speziell für Bandmusiker. Dieses, je nach Wunsch der Musiker persönlich zu gestaltende elektronische Cello, hat einen entscheidenden Vorteil: „Es eignet sich hervorragend als stilles Instrument zum leisen Üben mittels Kopfhörer.“ Wer einen Cellisten als Nachbarn hat, dürfte diesen auf diesen Artikel hinweisen.

Und der Dresdner ist einer von ganz wenigen Geigenbauern in Europa, die Herzenswünsche erfüllen. Zumindest für jene, die ein eigenes Instrument fertigen wollten. Unter Anleitung können Interessierte in zwei bis drei Wochen gut die Hälfte der Arbeiten durchführen und bei den anderen mithelfen. Anschließend kann jeder das Instrument mit nach Hause nehmen. Es stehen zwei Qualitätskategorien zur Wahl. Die Standardvariante führt laut dem Werkstattchef zu sehr guten Instrumenten für um die 2 000 Euro für eine Geige und 4 000 Euro für ein Cello. Doppelt so viel ist für die Profivariante zu berappen. Die Mehrkosten entstünden durch optimierten Materialeinsatz, zusätzliche Feinabstimmungen sowie durch individuelle Wünsche etwa zur Lackierung oder Besaitung.

Die Geige klingt wie ihr Erbauer

Ein Berliner Orchestermusiker beschrieb den Geigenbau-Workshop so: „Steffen Friedel führt einen mit einer Mischung aus Geduld, Ermutigung, Kritik, Anleitung und Hilfestellung über die zahlreichen Klippen beim Geigenbau. Es ist kaum zu glauben, dass man nach nur zwei Wochen ein nach den Regeln der Kunst gebautes Instrument in den Händen hält.“

Der Gelobte lächelt und gibt das Lob zugleich zurück: „Diese selbst gefertigten Instrumente passen erstaunlicherweise in ihrem Klang immer idealtypisch zu ihrem Erbauer.“ Eine Erklärung hat Friedel nicht. „Ein paar letzte Geheimnisse gibt es im Instrumentenbau seit jeher.“