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Montag, 30.04.2018

„Die Bibliothek darf nicht untergehen“

Der Schauspieler und frühere Tatort-Kommissar Peter Sodann kämpft um sein Lebenswerk. Er hat eine Idee, es zu erhalten.

Von Jürgen Müller

Bücher, wohin das Auge reicht. Rund eine halbe Million aus DDR-Zeiten sind in der Bibliothek von Peter Sodann in Staucha vorhanden. Doch das Lebenswerk des Schauspielers und ehemaligen „Tatort“-Kommissars ist bedroht.
Bücher, wohin das Auge reicht. Rund eine halbe Million aus DDR-Zeiten sind in der Bibliothek von Peter Sodann in Staucha vorhanden. Doch das Lebenswerk des Schauspielers und ehemaligen „Tatort“-Kommissars ist bedroht.

© Steffen Füssel

Stauchitz. In sechs Wochen feiert er seinen 82. Geburtstag, doch von seinem Tatendrang hat Peter Sodann nichts eingebüßt. Er ist überall und nirgends an diesem Donnerstagvormittag in seiner Bibliothek in Staucha. Er lässt sich auf einen Stuhl fallen, atmet tief durch, schenkt sich erst mal einen starken Kaffee ein, drückt das Kreuz durch. „Eigentlich dürfte ich nicht schwer heben, sagt mein Arzt. Ich mache es trotzdem, es geht ja nicht anders“, sagt er. Peter Sodann hat in Staucha sein Lebenswerk aufgebaut, eine Bibliothek im ehemaligen Rittergut. Rund eine halbe Million Bücher, die von 1945 bis 1989 in der DDR oder für die DDR gedruckt wurden, lagern hier und sind archiviert. Wie viele es insgesamt sind, weiß er nicht. Eine Halle in Oschatz ist vollgestopft mit 200 Paletten. Auf jeder befinden sich 35 Bananenkisten mit Büchern. Fast täglich kommen neue hinzu. „Die Leute werfen ihre Vergangenheit weg“, sagt er.

Seit 1989 fühlt er sich berufen, das DDR-Kulturerbe zu retten. „Ich habe miterlebt, wie das Proletariat die Bücher auf einen Lkw warf. Wenn du nicht weggehst, werfen wir dich mit drauf“, haben sie mir gedroht. „Ich bin nicht verbittert, aber tieftraurig, wie ein Volk in kürzester Zeit so verflucht gleichgültig werden kann“, sagt der 81-Jährige. Es empört ihn, der zu DDR-Zeiten im Gefängnis saß, weil das Programm seines Studentenkabaretts als konterrevolutionär eingestuft wurde, dass die DDR von vielen auf Mauer und Stasi reduziert wird. Und dass das Wissen eines ganzen Landes weggeschmissen wurde. Er zitiert Erich Kästner: „Wer das, was schön war, vergisst, wird böse. Wer das, was schlimm war, vergisst, wird dumm.“

Doch der Betrieb der Bibliothek kostet Geld, viel Geld. Zwar hat er Einnahmen aus dem Verkauf von Büchern, die mehrfach vorhanden sind oder die nicht zum Sammlungsgebiet gehören, also vor 1945 oder nach 1990 erschienen sind, und aus Eintrittsgeldern von den Führungen, doch das reicht bei Weitem nicht. Die Gemeinde Stauchitz zahlt 5 000 Euro Betriebskosten. Um den Zuschuss, der ursprünglich auf drei Jahre begrenzt war, gibt es derzeit wieder Diskussionen. „Was ich mache, finde ich sehr ehrenwert. Was man mit mir macht, ist eine Schande“, sagt der frühere Intendant des Theaters Halle, der in Meißen geboren wurde und in Weinböhla aufwuchs. Für den Erhalt der Bibliothek hat er sogar sein Elternhaus in Weinböhla verkauft.

Peter Sodann macht sich Gedanken, wie es mit der Bibliothek weitergehen soll. „Die Bibliothek darf nicht untergehen“, sagt er fast beschwörend. Deshalb hat er jetzt eine Idee. Er will eine Genossenschaft gründen. „Es muss doch möglich sein, beispielsweise 100 Leute zu finden, die Anteile – sagen wir jeweils 1 000 Euro – in die Genossenschaft einbringen“, sagt er. Ursprünglich habe er einen „volkseigenen Betrieb“ gründen wollen. „Das war im Scherz gemeint. Wir wissen ja, dass so etwas schon mal gründlich schiefgegangen ist. Man darf den Leuten nichts schenken. Denn alle Eigenschaften des Menschen sind dem Geld unterworfen. Wenn sie etwas bezahlen müssen, setzen sie sich auch dafür ein“, sagt er. Andere Leute haben ihm geraten, eine Stiftung zu gründen. „Ich wollte aber kein Modell aus dem Westen. Eine Stiftung ist doch nur der verlängerte Arm des Finanzamtes“, sagt er.

Bis zu einem 85. Geburtstag soll die Genossenschaft entstanden sein, will er die Bibliothek in andere Hände legen.