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Montag, 14.05.2018

Die Autobahn durchs Dorf

Als die A 20 in Mecklenburg-Vorpommern im vorigen Jahr plötzlich ins Moor absackte, war es mit der Ruhe im beschaulichen Langsdorf plötzlich vorbei.

Von Andreas Frost

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Großstadtverkehr im kleinen Langsdorf. Mindestens diesen Sommer müssen die Bewohner das Verkehrschaos vor der Tür noch aushalten.
Großstadtverkehr im kleinen Langsdorf. Mindestens diesen Sommer müssen die Bewohner das Verkehrschaos vor der Tür noch aushalten.

© Andreas Frost

  • Großstadtverkehr im kleinen Langsdorf. Mindestens diesen Sommer müssen die Bewohner das Verkehrschaos vor der Tür noch aushalten.
    Großstadtverkehr im kleinen Langsdorf. Mindestens diesen Sommer müssen die Bewohner das Verkehrschaos vor der Tür noch aushalten.
  • Bagger arbeiten am Rückbau des zerstörten Teilstücks der A20 bei Tribsees.
    Bagger arbeiten am Rückbau des zerstörten Teilstücks der A 20 bei Tribsees.

Jens Urlaub hat sich Schallschutzfenster einsetzen lassen. Anders sei der Lärm nachts nicht zu ertragen. „Manche Nachbarn haben ihr Schlafzimmer verlegt. Die schlafen jetzt nach hinten raus. Das ging bei mir nicht“, erzählt Urlaub.

Rund 400 Meter entfernt von Urlaubs Vorgarten wurde im Oktober vergangenen Jahres die Ostsee-Autobahn gesperrt. Sie schien zwölf Jahre nach der Eröffnung regelrecht im Moor zu versinken. „Seitdem haben wir Mecklenburg-Vorpommerns wichtigste Verkehrsader direkt vor der Tür“, resümiert Urlaub recht gelassen.

Stoßstange an Stoßstange rollen Laster, Campingmobile, Sprinter und ganz normale Pkws an seinem Gartenzaun in Langsdorf vorbei. Jeden Tag passieren etwa 17 000 Fahrzeuge die Umleitungsstrecke. Wenn freitags und sonntags die Berufspendler aus Vorpommern unterwegs sind, ist es besonders voll in dem langgezogenen Straßendorf. Bei Windstille stinkt es heftig. „Die Lust, im Garten zu sitzen, ist gering“, sagt Urlaub. Nachts ist die Straße nicht so voll. Dann stören die Raser. Knapp 3 000 wurden von den neu installierten Blitzersäulen in einem Monat erwischt.

Um den Verkehr in die richtigen Bahnen zu lenken, wurden Einbahnstraßen und Abbiegeverbote eingerichtet. Und in Richtung Osten führt eine andere Ausweichstrecke als in Richtung Westen. Das zwingt die Langsdorfer zu Umwegen. „23 Kilometer muss ich im Kreis fahren, wenn ich auf der falschen Straßenseite wohne“, berichtet Urlaub. Einige Kinder müssen länger in der Kita bleiben, weil ihre Mütter es nach der Arbeit nicht rechtzeitig schaffen, sie abzuholen. Manche Bauern kommen kaum zu ihren Feldern.

Urlaubs Schwägerin Gisela nebenan ergeht es ähnlich wie den beiden Gastwirten im Dorf. Im vergangenen Sommer standen die Leute aus der Region Schlange nach ihrem Softeis. „Jetzt ist hier überall Halteverbot“, berichtet sie. Von den Durchreisenden scheren nur wenige aus der Blechschlange aus, um sich bei ihr eine Erfrischung zu holen.

Tief frisst sich die mächtige Schaufel in die braune Erde, bevor der Baggerführer ihren langen Arm nach oben führt. Der Bagger dreht sich und leert die Schaufel über der Ladefläche eines Lkw. Sechs Schaufeln füllen den Laster, bevor er über die staubige Trasse davonfährt. Die nächsten vier Laster warten längst. Es dauert nur zehn Minuten, bis die nächste Portion des eingebrochenen Damms der A 20 weggeschafft wird. Rund 40 000 Kubikmeter Erde und Sand sollen bis Ende Mai auf diese Weise in einer Kiesgrube in der Nähe landen. Das lange Asphaltband, das im Spätsommer 2017 immer mehr Wellen bekam, am Rand wegsackte und auf 100 Metern einbrach, ist zerfräst und abgetragen worden.

800 Meter weit stieg der Damm an bis zur Brücke über die Trebel, die durchs Grenzlandmoor mäandert. Er wurde auf einer Torflinse gebaut. Um die Strömung des Fließmoors nicht zu stören, wurde der Untergrund nicht verdichtet. Stattdessen wurden 80 000 neuartige Trockenmörtelsäulen bis zu 20 Meter tief ins Moor getrieben. Auf ihnen wurde der Damm aufgeschüttet. Warum diese Gründung nicht hielt, steht noch nicht fest.

Ronald Normann, zuständiger Abteilungsleiter beim Landesamt für Straßenbau und Verkehr, bleibt diplomatisch. Es sei eine „innovative Bauweise“ gewesen. Künftig soll eine konventionelle Brücke mit zwei getrennten Fahrbahnen den Damm ersetzen. Die bestehende Brücke über die Trebel wird quasi verlängert. Wenn alles glattläuft, ist sie 2021 fertig. Die Kosten von bis zu 150 Millionen Euro zahlt der Bund.

Bereits Ende dieses Sommers soll eine Behelfsbrücke den Verkehr – einspurig in jeder Richtung – auf die A-20-Trasse zurückholen. In ganz Europa hat das Landesverkehrsministerium herumtelefoniert, um genügend Behelfsbrückenelemente anmieten zu können. Sobald der alte Damm abgetragen ist, werden mächtige 24 Meter lange Stahlrohre durchs Moor in den Untergrund getrieben und mit Beton ausgefüllt. Auf ihnen sollen erst die Pfeiler der Behelfsbrücke und später jene der neuen Brücke ruhen.

Hartmut Kolschewski sieht keinen Grund, an den Plänen der Straßenbauer zu zweifeln. Seit 24 Jahren ist er Langdorfs Bürgermeister. „Anfangs gab es Reibereien. Inzwischen werde ich umfassend informiert“, berichtet er. „Das ist wichtig, damit sich keine Gerüchte breitmachen.“ So wie in den ersten Wochen, als Landesverkehrsminister Christian Pegel und Landrat Ralf Drescher die Umleitung durch das Dorf legten, ohne Kolschewski zu fragen. Als ihnen niemand sagte, wie es weitergehen soll. Kolschewski war kurz davor, einen langsam fahrenden Treckerkorso zu organisieren. „Dann wäre hier Stillstand gewesen“, sagt er verschmitzt. Der Ärger mit der Autobahn hat die gut 600 Einwohner der umliegenden Dörfer zusammengeschweißt.

Rund 40 Fernsehteams und noch mehr Journalisten hat der freundliche ehemalige Mathematik- und Physiklehrer mit Erfahrungen im Bauwesen schon durchs Dorf geführt. Ein britisches TV-Team zum Beispiel sei gekommen, um für eine Serie über die größten Pleiten bei Bauprojekten weltweit zu drehen. Während das Ministerium in Schwerin noch keine Ursachen für das Riesenloch benennen kann, stellt Kolschewski die eine oder andere Vermutung in den Raum. Vielleicht waren die Trockenmörtelsäulen nicht so dick, wie sie hätten sein sollen. Vielleicht hat die moortypische Huminsäure den Mörtel angegriffen. Vielleicht wurden die Säulen nicht tief genug in den Untergrund getrieben. Vielleicht waren die Säulen von vornherein zu dünn und zu instabil konzipiert, um dem seitlichen Druck des Moores standzuhalten. „Sie müssen sich das so vorstellen“, erläutert Kolschewski, „als ob 50 Zentimeter lange Salzstangen in Wackelpudding stehen.“

Die CDU-Landtagsabgeordnete Beate Schlupp malte unterdessen einen eher eigenwilligen Schildbürgerstreich aus. Sie vermutete, die Wiedervernässung des Moores habe die Stabilität des Dammes beeinflusst. Das Moorschutzprojekt an der Trebel lief – vom Land finanziert – fast gleichzeitig mit dem Bau des Autobahnabschnittes. „Das ist eine ziemlich hanebüchene These“, wiegelt Ronald Normann ab. Die Straßenbauer hätten davon gewusst und es bei der Planung berücksichtigt.

Bevor die Behelfsbrücke steht, müssen die Langsdorfer einen verkehrsreichen Sommer überstehen. Bürgermeister Kolschewski hofft, dass die Touristen sich an die ausgeschilderten Wege halten. „Wer es über Schleichwege versucht, landet doch wieder in Langsdorf. Die nächsten Trebel-Brücken sind viel zu weit weg.“

Straßenplaner Normann will den Urlaubern eine Alternative über die B 110 in Richtung Usedom ausweisen. Dafür müssen sie, auch wenn das Navi anderes ansagt, zwei Abfahrten vor Langsdorf abfahren „und etwas Zeit mitbringen“. Wer aus dem Südosten kommt, sollte bereits Berlin im Osten umfahren und über die A 11 zur Ostsee-Autobahn gelangen. Dann wäre es ein bisschen ruhiger in Langsdorf. Und Jens Urlaub hätte in diesem Sommer vielleicht noch etwas von seinem Garten.

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