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Dienstag, 29.06.2010

Die aussichtslose Trotzkandidatin

Luc Jochimsen hat keine Chance aufs Präsidentenamt. Die Linke hat sie nominiert, weil die Partei Joachim Gauck nicht wählen kann.

Von Peter Heimann, Berlin

Das Bundespräsidialamt funktioniert trotz aller Turbulenzen der letzten Wochen bestens: Gerade hat ein Beamter bei der Linken angerufen, um die Formalitäten für den Fall zu erklären, dass die Bundesversammlung am Mittwoch ihre Kandidatin Luc Jochimsen zur Bundespräsidentin wählen sollte. Der Anruf war freundlich, der guten Ordnung halber sicher auch notwendig, praktische Bedeutung hatte er nicht – Frau Jochimsen hat keine Chance. Allenfalls bekommt sie die 124 Stimmen der Wahlfrauen und -männer, die die Linke entsendet.

Doch der 74-jährigen linken Bundestagabgeordneten macht das nicht allzu viel aus. Chancenlosigkeit, sagt Jochimsen, habe sie noch nie abgeschreckt. Und das Wort „Zählkandidatin“ passt einfach nicht in ihre Vorstellung von einer Bundespräsidentenwahl. „Das ist ein Begriff, den ich zutiefst undemokratisch finde“, sagt die linke Kandidatin: „Zur Wahl gehört, dass die Entscheidung zwischen mehreren Kandidaten fällt.“ Ihrer Partei wäre es allerdings viel lieber gewesen, wenn sie gar keinen eigenen Bewerber hätte aufstellen müssen.

Die studierte Soziologin und langjährige Chefredakteurin des Hessischen Rundfunks kandidiert nur deshalb für das höchste Amt im Staat, weil große Teile ihrer Partei Joachim Gauck, den Kandidaten der anderen beiden Oppositionsparteien SPD und Grüne, nicht mittragen können oder wollen.

Überschaubare Anforderungen

„Wenn wir Gauck mitwählen würden, würde das unsere Partei stark durcheinander wirbeln“, fürchteten führende Genossen unter der Hand gleich nach dessen Aufstellung. Noch mehr allerdings, dass ein beachtlicher Teil der Wählerschaft im Osten bei einer Gauck-Wahl von der Stange gehen würde: „Der polarisiert in den neuen Ländern so sehr, dass wir das unseren Leuten nicht hätten erklären können. Wenn SPD und Grüne wirklich einen gemeinsamen Oppositionskandidaten gewollt hätten, wäre es nicht Gauck geworden.“

Selbst Jüngere, wie die Dresdnerin Katja Kipping, bezeichneten Gauck schnell als Mann der Vergangenheit. Damit meint Kipping nicht so sehr das, was in Kurzform häufig Aufarbeitung der DDR-Geschichte genannt wird. „Dass sich Herr Gauck für die Aufarbeitung von Stasi-Unrecht eingesetzt hat, spricht eher für und nicht gegen ihn“, sagte Kipping der SZ. „Mich stört seine Gleichsetzung von links und rechts, von Hitler-Faschismus und DDR. Das verharmlost den Faschismus.“ Gauck sei auch deshalb ein Mann von gestern, weil der keine Vorschläge für die Probleme des 21.Jahrhunderts habe, findet Frau Kipping. „Als Bundespräsident würde er die Gesellschaft nicht versöhnen, sondern spalten. Wir haben unsere eigene Kandidatin.“

Deren Anforderungsprofil war überschaubar: Es sollte eine respektable Frau sein, große Lebensweisheit ausstrahlen, aus dem Westen stammen und tauglich sein als eine Art soziales Gewissen. Zudem durfte die linke Bewerberin nicht völlig unbekannt sein, weil die Zeit für eine PR-Kampagne fehlt.

Also wurde als aussichtslose Trotz-Kandidatin die Bundestagsabgeordnete Lukrezia (kurz: Luc) Jochimsen präsentiert. Bis 2001 war sie Fernseh-Chefredakteurin. Die Journalistin arbeitete zehn Jahre lang beim Polit-Magazin „Panorama“ in Hamburg und berichtete als Korrespondentin aus London.

Mit 65 ging Jochimsen, stets elegant gekleidet und erkennbar an ihren hochtoupierten Haaren, in die Politik. Eine erste Kandidatur für die PDS in Hessen scheiterte 2002. Drei Jahre später zog Jochimsen über die Thüringer PDS-Landesliste in den Bundestag ein. Im Kulturausschuss setzte sie sich für den 8.Mai als Nationalfeiertag und gegen den Bau der Dresdner Waldschlößchenbrücke ein.

Mehr als die linken Stimmen wird Jochimsen kaum bekommen. Mit denen rechnet die resolute Frau aber auch für einen möglichen dritten Wahlgang, jedenfalls weit überwiegend: „Die Linke darf sich nicht zur Nutte der Politik machen.“

Problem mit vielen Flaggen

Der Berliner „Tagesspiegel“ notierte jetzt die Antwort der linken Bewerberin auf die Frage eines Journalisten beim Wahlkampf in Thüringen, was sie von den vielen Deutschlandflaggen in den WM-Wochen halte: „Mich befremdet das nach wie vor.“ Da hat sie Glück, nicht ins Schloss Bellevue einziehen zu müssen.

Heute kommt übrigens der Kandidat Gauck zur Vorstellung in die Linksfraktion. Er wird die Genossen nicht überzeugen können. Für den Auftritt sind einschließlich Fragerunde 45 Minuten vorgesehen.