erweiterte Suche
Mittwoch, 21.05.2008

Die Augen der Nation

Seit 38 Jahren starrt er sonntags durch den Fernseher. Horst Lettenmayer bekam einst 400 Mark als Darsteller im „Tatort“-Vorspann.

Von Georg Ismar

Jeder kennt seine Augen, aber keiner kennt Horst Lettenmayer. „Blau sind sie, graublau“, sagt das „Auge der Nation“. Seit fast 38Jahren starrt Lettenmayer sonntags um 20.15 Uhr durch einen Schlitz in die deutschen Wohnzimmer, ein weißes Fadenkreuz umschließt seine linke Iris, bevor die dramatische Musik von Klaus Doldinger erklingt. Dafür, dass er bisher in jeder Tatort-Folge dabei war, bekam Lettenmayer einmalig 400D-Mark. „Eine Unverschämtheit“, sagt der Mann mit den blauen Augen.

Jahrelang spielte er mit dem Gedanken, die ARD zu verklagen. Jetzt hat er sich seinem Schicksal endgültig ergeben. „Es wird nicht geklagt“, sagt der 66-Jährige pünktlich zur 700. Tatort-Folge, die an diesem Sonntag ausgestrahlt wird.

Rückblick 1970: Der Norddeutsche Rundfunk produziert den ersten „Tatort“ mit dem Titel „Taxi nach Leipzig“. Da die Krimi-Reihe das Werk aller ARD-Sender werden soll, kümmert sich der Bayerische Rundfunk um den Vorspann. Lettenmayer schlägt sich in München mehr schlecht als recht als Schauspieler durch. Eine Produktionsfirma spricht ihn an: „Wir machen da so einen Pilot-Teil, hast du Lust mitzumachen?“ Er sagt zu, seine Augen werden abgefilmt, er läuft flüchtend vor der Kamera weg. Schon ist der Tagesjob im Studio und auf dem Flughafen München erledigt. „Es gab keinen Vertrag, nichts“, sagt Lettenmayer. Er bekam 400 Mark für die filmische Verarbeitung seiner Augen und Füße. „Die Augen eines erfolglosen Schauspielers wurden unsterblich“, zitiert Lettenmayer eine Würdigung über ihn. Lettenmayer sei ein Meilenstein für das deutsche Fernsehwunder „Tatort“, schrieb jüngst „Der Spiegel“. Mit dem Vorspann habe ihn der „Schein unsterblichen Ruhms“ getroffen. Der so Geadelte sagt, nicht nur er sei der Gelackmeierte gewesen, sondern auch die Firma, die den Vorspann produzierte. „Kein Mensch dachte damals, dass das Ding 38 Jahre lang unverändert läuft.“

Tod in der Lore

Er durfte zum Trost später wenigstens in einem „Tatort“ mitspielen. 1989 mimte er in der Schimanski-Folge „Der Pott“ einen Gewerkschaftsfunktionär, der die Kasse unterschlug. Sein Gastspiel war kurz, er endete tot in einer Lore.

Aus seiner Stimme klingt heute etwas Enttäuschung darüber, dass die ARD sich so lange nicht mehr gemeldet hat. Dort heißt es, man habe den Kontakt verloren und hätte Lettenmayer gerne bei den Feierlichkeiten zum 700. Tatort dabei gehabt. Beim Jubiläum der 300. Folge war Lettenmayer noch anwesend, WDR-Intendant Friedrich Nowottny gab zu, dass man ein schlechtes Gewissen habe. Da müsse etwas passieren, sagte er. Kurz darauf wurde Nowottny pensioniert.

„Mir ging es nie um die Gage, sondern um Gerechtigkeit“, sagt er. 2007 überlegte er noch einmal, eine Entschädigung für den steten Einsatz seiner Augen vor Gericht zu erstreiten. Doch die Chancen wären gering, da die Augen nicht eindeutig ihm zuzuordnen sind und er deshalb nicht auf das Recht am eigenen Bild pochen kann. Nun gibt er sich altersmilde: „Ich bin darüber hinweg.“ Ohnehin ist er heute erfolgreicher Leuchtenhersteller in Bayern mit 20 Mitarbeitern. Was ihm aber übel aufstößt: Dass man damals wie heute jungen Schauspielern kaum eine Chance gibt. „Sie werden ausgebeutet.“ Seine eigene Naivität kostete ihn viel Geld, hochgerechnet bekam er bisher pro „Tatort“-Folge 29 Cent Tantiemen. Mehr Glück als Horst Lettenmayer hatte Klaus Doldinger: Er kassiert mit seiner Titelmusik bei jeder ausgestrahlten „Tatort“-Folge. (dpa)