erweiterte Suche
Samstag, 30.09.2006

Die Asche in der Isar

Nürnberg. Vor 60 Jahren wurden die Nazi-Größen zum Tode verurteilt.

Von Karl-Heinz Gräfe

Handwerker zimmerten im Nürnberger Gefängnis bereits drei Galgen, als am 30. September und 1. Oktober 1946 der Internationale Militärgerichtshof seine Urteile verkündete: Zwölf der 22 angeklagten Hauptkriegsverbrecher des Deutschen Reiches wurden zum Tod verurteilt. Drei erhielten lebenslänglich, die anderen kamen mit langjährigen Haftstrafen, drei mit Freisprüchen davon.

Hitler wie auch sein Propagandaminister Joseph Goebbels hatten sich in Berlin selbst umgebracht. Auch SS-Reichsführer Heinrich Himmler, Chef der Nazi-Konzentrationslager, entzog sich in Lüneburg durch Selbstmord den Richtern. Das Urteil gilt als unanfechtbares, epochales Ereignis.

Vollstreckt im Morgengrauen

„Durch den Prozess wurde zum ersten Mal das menschenverachtende NS-System vor der Weltöffentlichkeit bloß gelegt“, bilanzierte der Historiker Rolf Steininger. So trugen das Urteil und auch die Nachfolgeprozesse entscheidend dazu bei, dass die Nazi-Verbrechen mehr und mehr Eingang in das öffentliche Bewusstsein fanden. Die verpflichtende Erinnerung an sie wurde zum Grundkonsens in der Bundesrepub lik – auch wenn die Zeit der Hitler-Diktatur bis heute ab und an Versuchen einer Neubewertung, Relativierung und geschichtspolitischen Akzentverschiebung ausgesetzt ist.

Zwei Wochen nach dem Urteil, in den Morgenstunden des 16. Oktober, wurden die Todesstrafen vollstreckt. Unter den Gehenkten waren die Generäle Wilhelm Keitel, Chef des Oberkommandos der Wehrmacht, und Alfred Jodl, Chef des Wehrmachtsführungsstabes. Reichsmarschall Hermann Göring, einer der Hauptverantwortlichen für den Judenmord, gelang es wenige Stunden zuvor, sich mit einer Giftampulle selbst zu töten. Der in Abwesenheit zum Tode verurteilte „Sekretär des Führers“, Martin Bormann, hatte – wie sich erst später herausstellte – fast zeitgleich mit Hitler Selbstmord begangen.

Die Leichen der Nazis wurden im Krematorium des Ostfriedhofs von München verbrannt. US-Soldaten kippten die Asche in die Isar. (ddp)