erweiterte Suche
Donnerstag, 07.06.2018

Deutschlands Oberhandwerker plädiert für den Beruf mit Abi

ZDH-Präsident Hans Peter Wollseifer warnt Eltern vor einer voreiligen akademischen Laufbahn ihrer Kinder – und vor einer Landflucht.

1

ZDH-Präsident Hans Peter Wollseifer wollte Architekt werden. Heute beschäftigt er welche: in einem Maler- und Lackiererbetrieb mit sechs Leuten in Hürth bei Köln. Nach dem Tod seines Vaters übernahm er dessen Firma. Der 62-Jährige ist verheiratet, hat zwei erwachsene Kinder, die nichts mit Handwerk am Hut haben. Er ist seit 2014 oberster Repräsentant des deutschen Handwerks.
ZDH-Präsident Hans Peter Wollseifer wollte Architekt werden. Heute beschäftigt er welche: in einem Maler- und Lackiererbetrieb mit sechs Leuten in Hürth bei Köln. Nach dem Tod seines Vaters übernahm er dessen Firma. Der 62-Jährige ist verheiratet, hat zwei erwachsene Kinder, die nichts mit Handwerk am Hut haben. Er ist seit 2014 oberster Repräsentant des deutschen Handwerks.

© Ronald Bonß

Herr Wollseifer, Sie sind oft in Ostdeutschland unterwegs. Sprechen Sie dort andere Dinge an als im Westen? Ticken zum Beispiel die Sachsen anders?

Das Thema Sicherheit ist gerade in Sachsen als grenznaher Region sehr relevant. Es kann nicht sein, dass unsere Betriebe in ihrem Wachstum gehemmt oder gar in ihrer Existenz bedroht sind, wenn teils ganze Betriebe leergeklaut werden. Die Betroffenen können zwar Alarmsysteme einbauen, aber selbst wenig tun, um für ein grundsätzlich sicheres Lebensumfeld zu sorgen. Da stehen der Bund, das Land und die Kommunen in der Pflicht. Ansonsten wird das Vertrauen der Bevölkerung und der Wirtschaft erschüttert, und das gefährdet den Zusammenhalt der Gesellschaft.

Es gibt hierzulande mitunter Vorwürfe, Bundesverbände würden die Spezifik und Probleme des Ostens nicht sehen.

Wo denn?

Etwa am Bau, wo die jüngste Tarifrunde erst in der Schlichtung beendet wurde und die Sachsen den Verhandlern auch schon mal das Mandat entzogen hatten.

Gerade die ostdeutschen Länder haben in den Tarifrunden am Bau eine starke Stimme. Das ist gut so. Wir müssen die Möglichkeiten der Betriebe und deren regionale Besonderheiten berücksichtigen, und wir müssen darauf achten, was für sie leistbar ist. Mich bedrücken Stimmen, die zwischen Ost und West polarisieren. Wir haben kein Ost-West-Gefälle in Deutschland. Wir haben – wenn überhaupt – ein Nord-Süd-Gefälle und ein Gefälle zwischen großen und kleinen Firmen sowie zwischen Stadt und Land. Wir müssen das Lebensgefühl der Menschen stärken und ihnen vor Augen führen, in was für einem guten Land wir wohnen. Wie wir heute in Ost und West leben, so gut ist es uns noch nie gegangen.

Die Handwerksdichte in Sachsen ist mit 14 Betrieben auf 1 000 Einwohner viel höher als das deutsche Mittel mit zwölf. Spricht das für eine gute Versorgung oder doch eher für Überkapazitäten?

Das ist eine Frage der Sichtweise. Für die Bürger ist das sicher gut. Das Problem ist die Diskrepanz zwischen Stadt und Land. In manchen Regionen müssen wir aufpassen, dass die Betriebe nicht verschwinden. Das ist eine Gemeinschaftsaufgabe von Bund, Ländern und Kommunen. Das Handwerk sieht ländliche Gebiete als Zukunfts- und nicht als Resträume. Aber dafür müssen die Rahmenbedingungen stimmen.

Einen Breitbandanschluss zum Beispiel.

Genau. Es darf nicht sein, dass man nicht mal mobil telefonieren kann. Die Anschlüsse müssen in jedes Dorf und in jede Schule. Internet gehört heute zur Grundversorgung und ist so wichtig wie Strom und Wasser. Die Orte müssen auch bei der analogen Infrastruktur gut angebunden sein, und der Nahverkehr muss funktionieren. Da braucht es sicher auch neue Mobilitätskonzepte und -ideen. Es gibt schon jetzt gute Hilfsangebote, wenn eine Kommune überfordert ist, etwa Bürgerbusse, die Senioren gegen kleines Geld oder kostenlos zum Arzt oder Einkaufen fahren.

Damit hält man noch nicht die Jugend.

Solche Angebote braucht es auch für Azubis. Wenn es im ländlichen Raum weniger Lehrlinge gibt und die Klassen immer kleiner werden – dann besteht die Gefahr, dass das Land die Berufsschule schließt. Wir stehen für ortsnahe Schulen. Man kann Jugendlichen nicht zumuten, dass sie 50 Kilometer und zu unmöglichen Zeiten fahren müssen. Das ist wohl kaum Werbung dafür, im ländlichen Raum eine Ausbildung zu beginnen. Wo es gar nicht anders möglich ist, muss es zumindest Azubi-Tickets geben – wie schon für Studenten. Der Erhalt von Mobilität und Infrastruktur auf dem Land ist lebenswichtig.

Bäcker- und Fleischersterben sind also keine notwendige Marktbereinigung?

Wir haben sehr leistungsfähige Unternehmen auf dem Land. Das sind zum Teil mittelgroße Firmen. Sie können Mehrwert generieren und sind nicht nur wirtschaftlich von Wert für die Kommunen. Handwerker engagieren sich auch in Vereinen, in der Kirche, bei der Feuerwehr und in Gemeinderäten. Wir verstehen uns nicht nur als Wirtschafts-, sondern auch als Gesellschaftsbereich. Dresden und Leipzig sind zwar tolle Metropolen, und sie wachsen, aber eine anhaltende Landflucht können wir uns nicht leisten.

Viele Leute rennen lieber zu billigen Discountern oder Mister Minute, um ein paar Cent zu sparen. Ist Handwerk heute weniger wert als früher?

Das sehe ich nicht so. Ich spüre eher, dass das Handwerk wieder wächst und etwas zu sagen hat. Die Politik hört uns zu, lässt sich auch von uns beraten. Und wir finden unsere Position auch hier und da wieder. Wenn der Bundespräsident in der „Woche der beruflichen Bildung“ 16 Termine wahrnimmt und er und seine Frau sich für dieses Thema starkmachen, dann ist das Ausdruck von Wertschätzung.

Ihre Imagekampagne läuft jetzt neun Jahre. Zahlen sich die Millionen aus?

Ja, wir lassen das jedes Jahr neutral überprüfen. Das Handwerk liegt in Umfragen nach den vertrauenswürdigsten Berufsgruppen schon fast gleichauf mit der Feuerwehr, gut 80 Prozent vertrauen uns. Trotzdem wollen leider immer noch zu wenige Handwerker werden.

Weil man in der Industrie im Schnitt 3,50 Euro pro Stunde mehr verdient, wie die Böckler-Stiftung analysierte?

In der Industrie liegt der Lohnkostenanteil zwischen 10 und 20 Prozent, im Handwerk sind es 70 bis 80 Prozent. Jeder Euro mehr tut weh. Der Handwerker muss seine Kalkulation ändern und schauen, ob er höhere Preise durchsetzen kann. Wenn einer sagt, Friseure verdienten zu wenig, dann sollte er auch bereit sein, statt acht Euro pro Schnitt 18 Euro zu bezahlen. Das gilt für viele Bereiche. Die Betriebe wollen die Mitarbeiter langfristig halten und zahlen, was sie können. Jedoch wirbt die Industrie viele Leute ab, die wir teuer ausgebildet haben. Selbst Feuerwehrleute und Polizisten im mittleren Dienst sind bei uns in die Lehre gegangen. Wir erbringen also eine große solidarische Leistung für die Gesellschaft.

Dennoch herrscht unter Eltern eine regelrechte Hysterie, ihre Kinder aufs Gymnasium schicken zu müssen.

Und müssen sich später eingestehen, dass die Entscheidung für die Akademiker-Laufbahn nur die zweitbeste Lösung war. Man kann auch im Handwerk Karriere machen und gutes Geld verdienen. Der Drang zu Abi und Studium entzieht uns Lehrlinge.

Immerhin: Bei der Kammer Dresden wachsen die Zahlen seit fünf Jahren.

Das ist gut, aber die Talsohle davor macht sich immer noch bemerkbar. Es hat sich aufgestaut, dass jahrelang 15 000 bis 20 000 Ausbildungsplätze offen blieben. Auch gab es 120 000 Schulabgänger weniger im Zeitraum 2006 bis 2016. Und alle Wirtschaftsgruppen kämpfen um diese weniger werdenden Talente. Wir brauchen überall Fachpersonal.

Jeder Vierte schmeißt die Lehre hin und sogar jeder Dritte sein Studium.

Die Zahl stimmt so nicht. Da mögen die Gewerkschaften das noch so oft jedes Jahr vor dem Sommerloch behaupten. Es werden Vertragsauflösungen mit einem Abbruch gleichgesetzt, das ist unseriös. Bei gut der Hälfte der Abbrecher wird der Ausbildungsvertrag gelöst, um in einen anderen Betrieb oder Beruf zu wechseln. Die gehen der Ausbildung also nicht verloren. Die reale Abbruchquote liegt bei 13 Prozent – deutlich weniger als bei Studenten. Aber keine Frage: Jeder Abbruch ist einer zu viel.

Also keine Größenordnung, bei

der Alarmglocken läuten?

Wir sind der Wirtschaftsbereich, der zu 43 Prozent junge Leute ausbildet, die von der Hauptschule kommen. Und auch solche ganz ohne Schulabschluss, in Deutschland immerhin jährlich fast 50 000. Wir können sie nicht hängen lassen, die Gesellschaft braucht sie. Wir bemühen uns auch um Migranten. Und wir bilden die Hälfte aller Azubi-Flüchtlinge aus. Dass es auch zu Abbrüchen kommt, verwundert wohl kaum.

Mancher hatte geglaubt, die Flüchtlinge könnten die deutsche Personalnot beseitigen. Waren sie zu optimistisch?

Wir waren von Anfang an Realisten und haben schon im Herbst 2014 gesagt, dass das allenfalls ein kleiner Mosaikstein bei der Bewältigung des Fachkräfteproblems sein kann. Derzeit sind rund 11 000 Flüchtlinge in der Ausbildung. Das ist bei rund 360 000 Lehrlingen immer noch nicht allzu viel. Ich selbst habe einen iranischen Flüchtling im Betrieb, mit dem ich sehr zufrieden bin. Aber ich kenne auch alle Schwierigkeiten: mit der Sprache, der Kultur, den Behörden.

Hierzulande werden Rufe nach dem Beruf mit Abitur und Patenbrigaden laut, wie man es zu DDR-Zeiten kannte.

Diese Art der Kombination aus Abi und kompletter Ausbildung finden der Zentralverband und ich persönlich sehr gut. Deshalb haben wir ein solches „Berufsabi“ 2014 mit der Kultusministerkonferenz auf den Weg gebracht. In Österreich, der Schweiz und Dänemark gibt es das bereits erfolgreich. Mittlerweile laufen in sechs Bundesländern Pilotprojekte, drei weitere stehen an. Abi und Gesellenbrief, also zwei in einem, das ist das Beste, was man machen kann.

Ausbildung setzt den Meisterbrief voraus. Es gibt Bestrebungen, Fliesenleger und andere Gewerke wieder zulassungspflichtig zu machen. Welche Aussichten hat diese Rolle rückwärts?

Es gibt tolle Gewerke, die sich – auch digital – weiterentwickelt haben. Dem muss man Rechnung tragen. Und wenn sich Fehler der damaligen Reform mit Blick auf Gefahren, Verbraucherschutz oder Ausbildungsleistung zeigen, muss es möglich sein, sie zu korrigieren. Im Koalitionsvertrag steht zu Recht, dass der Meister gestärkt werden soll.

Muss neu katalogisiert werden, oder geht es nur um eine Handvoll Berufe?

Es werden wahrscheinlich nicht die 53 sein, die dereguliert wurden. Aber es werden einige sein, da bin ich zuversichtlich. Ganz sicher ist das kein Projekt nur eines Jahres, aber wir bleiben am Ball.

Apropos Ball: War es für Sie als Randkölner schwerer, den Abstieg des FC in die 2. Liga zu verkraften, oder dass die FDP, die Sie in die Bundesversammlung delegiert hatte, Jamaika platzen ließ?

Beides ist eine Katastrophe. Aber für Kölner Fans fast noch schlimmer zu verkraften ist, dass Fortuna Düsseldorf aufgestiegen ist.

Alle Welt – außer den Verbrauchern – klagt über den EU-Datenschutz.

Diese Grundverordnung ist ein Beispiel für weiteren Bürokratieaufbau. Es muss mehr als vorher dokumentiert werden – mit entsprechender Zusatzarbeit. Die Verordnung trifft zudem die Falschen. Die Facebooks und Amazons dieser Welt werden sich herausgoogeln, aber die kleinen Betriebe und Vereine haben die Arbeit. Wir helfen ihnen, wo wir können, mit Leitfäden, Beratungen, Checklisten und Beispielformularen. In der Realität ist dann der Mehraufwand nicht ganz so groß, wie er in manchen Szenarien an die Wand gemalt wird.

Die Politik hat zwei Bürokratieentlastungsgesetze verabschiedet. Warum spürt die Basis davon so wenig?

Das ist wie im richtigen Leben: Verbesserungen nimmt man mit, über Verschlechterungen aber spricht man intensiv. Ein Beispiel: Wir haben es geschafft, den steuerlich sofort absetzbaren Betrag für geringfügige Wirtschaftsgüter von zuvor 410 Euro nahezu zu verdoppeln. Das macht die Buchführung für die Betriebe deutlich einfacher und weniger arbeitsaufwendig.

Zu Recht?

Nein, man muss die Politik auch mal loben, wenn sie Bürokratie abbaut. Allerdings braucht es weitere Schritte – beispielsweise bei der Vorfälligkeit der Sozialbeiträge.

Sie jammern auf hohem Niveau. Macht es die boomende Konjunktur schwerer, solche Forderungen durchzusetzen?

Wir hoffen, dass es nicht so ist.

Das Gespräch führte Michael Rothe.

Der Zentralverband des deutschen Handwerks (ZDH) vereint 53 Handwerkskammern, 48 Fachverbände und weitere Einrichtungen des Handwerks in Deutschland. Er vertritt die Interessen von einer Million Betrieben mit mehr als 5,4 Millionen Beschäftigten, 360 000 Auszubildenden und einem Jahresumsatz von über 560 Milliarden Euro.

Leser-Kommentare

Insgesamt 1 Kommentar

Alle Kommentare anzeigen

  1. Manfred Hengst

    Es muss also nicht alles schlecht gewesen sein im DDR-Bildungssystem, denn Abi mit Beruf hatten wir schon.

Alle Kommentare anzeigen

Ihr Kommentar zum Artikel

Bitte füllen Sie alle Felder aus.

Verbleibende Zeichen: 1000
Text Bitte geben Sie die abgebildete Zeichenfolge ein
Bitte beachten Sie unsere Hinweise zum Datenschutz.