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Freitag, 07.09.2018

„Deutschland lebt quasi im Idealzustand“

Ökonomisch könne es uns kaum besser gehen, sagt DIW-Forscher Claus Michelsen. Woher kommt die Unzufriedenheit?

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Der Wohlstand kommt nicht allen zugute: 20 Prozent der Bevölkerung in Deutschland haben seit der Wende nicht profitiert.
Der Wohlstand kommt nicht allen zugute: 20 Prozent der Bevölkerung in Deutschland haben seit der Wende nicht profitiert.

© dpa/Andres Benedicto

  • Der Wohlstand kommt nicht allen zugute: 20 Prozent der Bevölkerung in Deutschland haben seit der Wende nicht profitiert.
    Der Wohlstand kommt nicht allen zugute: 20 Prozent der Bevölkerung in Deutschland haben seit der Wende nicht profitiert.
  • Claus Michelsen (37) ist neuer Konjunktur-Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin.
    Claus Michelsen (37) ist neuer Konjunktur-Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin.

Herr Michelsen, es gibt kaum noch Arbeitslosigkeit, der Staat erwirtschaftet Überschüsse. Ökonomisch erlebt die Bundesrepublik gerade goldene Zeiten. Oder täuscht der Eindruck?

Wir sind tatsächlich in einer sehr komfortablen Situation. Seit dem Fall der Mauer war die Lage nie so gut wie jetzt. Unseren Prognosen zufolge sinkt die Arbeitslosigkeit 2019 unter fünf Prozent. In diesem und nächstem Jahr erzielt der Staat Überschüsse von jeweils etwa 60 Milliarden Euro. Aber nicht alle Bürger profitieren von der Entwicklung. Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, um Aufgaben anzupacken, die liegen geblieben sind.

Gab es hierzulande schon mal eine ähnliche Wohlstandsphase?

Während des Wirtschaftswunders in den 1950er- bis 1960er-Jahren. Es ist schon erstaunlich, dass wir jetzt einen Aufschwung erleben, der vor acht Jahren begann und noch einige Zeit anhalten dürfte. Stetiges Wachstum ohne größere Schwankungen – das ist quasi der Idealzustand aus konjunkturpolitischer Sicht.

Und wie lange wird das noch so weitergehen?

Bis 2020, nehmen wir an. Danach dürften sich allmählich mehr Probleme bemerkbar machen, die mit dem demografischen Wandel zusammenhängen. Die Arbeitskräfte könnten knapper werden, was das Wachstum einschränkt.

Dennoch herrscht Unruhe im Land. Welche sozialen und ökonomischen Ursachen sehen Sie dafür?

Der Wohlstand kommt nicht allen zugute. Die 20 Prozent der Bevölkerung mit den niedrigsten Einkommen haben seit der Wende nicht profitiert. Sie verdienen heute weniger als damals. Auch ist der Staat seinen Aufgaben nicht so nachgekommen, wie er es hätte tun sollen. Er hat Schulen, Universitäten, Bibliotheken, Freibäder und Straßen vernachlässigt, um nur einige Beispiele zu nennen.

Aber jetzt haben wir das Geld, um Versäumtes aufzuholen und alles wieder in Schuss zu bringen?

Ja. Wir müssen und können die öffentliche Infrastruktur erneuern. Das gilt besonders für die Städte und Gemeinden. Der Bund sollte ihnen mehr Mittel dafür zur Verfügung stellen. Und es ist auch an der Zeit, die unteren Einkommensschichten zu entlasten. Die Mehrwertsteuer um einen Prozentpunkt zu senken, kostet etwa zwölf Milliarden Euro und würde besonders den Bürgern helfen, die knapp bei Kasse sind.

Das Gespräch führte Hannes Koch.

Leser-Kommentare

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Insgesamt 18 Kommentare

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  1. Klaus

    20% der Bevölkerung ist Arm, über die Hälfte der Bevölkerung besitzt kein Wohneigentum - und das soll der Idealzustand sein? Was sind denn dann Norwegen & Co? Noch besser als ideal?

  2. taigawolf

    Idealzustand? Vielleicht gemessen am Ideal neoliberaler Verhältnisse. Unzufriedenheit entsteht nachweislich durch Ungleichheit, unabhängig von der absoluten Höhe des Wohlstands. Außerdem wären da noch: Verunsicherung durch steigende Kriegs- und Terrorgefahr, nicht gelöste Finanzkrise, Glaubwürdigkeitsverlust der politisch-medialen Eliten, Migrations- und Umweltprobleme, sinkendes Vertrauen in Zusammenhalt der Gesellschaft, Gewaltkriminalität, Zerfall der internationalen Ordnung (Trump, Brexit etc. pp). Merkwürdig, dass Politiker und Wissenschaftler glauben, alle Menschen würden immer nur an den Augenblick und an die eigene Brieftasche denken - und alles andere ignorant ihren selbsternannten "Eliten" überlassen. Solche einfältigen, egoistischen Menschen mögen das Ideal neoliberaler Experten und Politiker sein, die sich dann wundern, dass trotz der "Wirtschaftsdaten" die Stimmung im Land trüb ist, weil die "einfachen Leute" doch nicht so merkbefreit sind, wie die Obrigkeit es möchte.

  3. ronny

    Ja-nee, iss klar. Ein Land in dem wir gut und gerne Leben. Taigawolf @2 hat da schon ne recht gute Auflistung gegeben. Da wären noch die ständig steigende Altersarmut, die total freidrehenden Medien, der Kleinkrieg zwischen den Parteien wenn es einer mal wagt, Wahlkampf hin oder her, die tatsächlichen Probleme anzusprechen. Die Finanzblase wächst und wächst und der nächste Crash steht vor der Tür. Und das Geschwurbel vom stetigen Wachstum. Was bitteschön ist so schlimm für die Zukunft der Menschheit wenn es weniger Bevölkerungswachstum gibt, wenn weniger Elektroschrott produziert wird. Irgendwann hat nun mal jeder mindestens ein Smartphone. Da kann ich dem nicht noch ein zweites verkaufen. Weniger Wirtschafts- und Bevölkerungswachstum bedeutet weniger Umweltschädigung, weniger Resourcenverschwendung, weniger Raubbau an der Natur und mehr Zukunftssicherheit. Nur nicht für die Finanzeliten dieser Welt. Für die ist weniger Wachstum das Horrorszenario schlechthin.

  4. Idealzustand...

    ... wenn man durch Erkrankung noch nicht einmal 250 € EU Rente bekommt, trotz dass man fast 3 Jahrzehnte lückenlos in die Sozialsysteme eingezahlt hat? So wage ich mir in diesem Land das nicht Verbrechen zu nennen, weil ich befürchte, dass dieses Deutschland derer, die zu allen Zeiten diejenigen waren, die sich als verdeckte Demokaten und unerkannte Widerstandskämpfer für Wahrheit und Gerechtigkeit in der heimlichen Liebe zum Volk, leider wegen der Umstände aber, selbstverständlich scheinbar nur, missverständlich präsentieren konnten, eventuell, aber ungern, in ihrem Rechtssystem eine passende Fußangel zu Anwendung bringen müssen, die in der Regel nur zufällig bei Untertanen fassen könnte. Das Ehrenwort als Joker gilt im Ausnahmefall nur für ihresgleichen!

  5. Frank S

    Dieser Mann redet ganz schön viel Müll. 20% Prozent der Leute geht es schlechter und er spricht von Idealzustand. Mehrwertsteuersenkung würde armen Menschen helfen. Glaubt er ernsthaft das die Konzerne das an den Verbraucher weitergeben?

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