erweiterte Suche
Samstag, 28.10.2017

Detmolder Studenten untersuchen Brockwitz

Das Flutschutzprojekt Haushebung geht in die nächste Runde. Angehende Architekten sehen sich den Ortsteil an.

Von Ines Scholze-Luft

Unterwegs in Sachen Flutschutz. Ordnungsamtschef Olaf Lier (r. vorn) erklärt den Studentinnen und Studenten der Hochschule Ostwestfalen-Lippe auf der Niederseite die Besonderheiten des Coswiger Ortsteils Brockwitz . Übernachtet haben die insgesamt 64 jungen Leute und ihre Begleiter auf der Bosel. Am Freitag ging es schon wieder zurück in die Heimat.
Unterwegs in Sachen Flutschutz. Ordnungsamtschef Olaf Lier (r. vorn) erklärt den Studentinnen und Studenten der Hochschule Ostwestfalen-Lippe auf der Niederseite die Besonderheiten des Coswiger Ortsteils Brockwitz . Übernachtet haben die insgesamt 64 jungen Leute und ihre Begleiter auf der Bosel. Am Freitag ging es schon wieder zurück in die Heimat.

© Arvid Müller

Coswig. Da schauen nicht nur die Brockwitzer gleich zweimal hin. Auf die vielen unbekannten jungen Leute, die gerade durch ihren Ort laufen, über die Niederseite, in Gruppen zusammenstehen, reden, die Häuser rundum genau in den Blick nehmen, Fotos schießen.

Kevin Deventer gehört dazu. Seine Kamera hält er dicht vor eine Steinmauer nahe dem Pfarrhaus. Filmt konzentriert Details, schwenkt zur Straße. Auch die Gebäude müssen mit drauf, die Blumen, die Straße. Der 25-Jährige ist einer der 64 Architekturstudenten der Hochschule Ostwestfalen-Lippe, die am Donnerstag und Freitag im Coswiger Ortsteil Brockwitz Bestandsaufnahme machen. Für das Forschungsprojekt Hochwasserschutz durch Haushebung, das bis März 2019 läuft.

Die meisten sind erstmals in Sachsen, haben eine fast 500-Kilometer-Fahrt aus Detmold hinter sich. Völlig fremd ist ihnen das Dorf an der Elbe allerdings nicht, haben sie sich doch daheim akribisch auf Brockwitz vorbereitet. Die kurze Zeit vor Ort will optimal genutzt sein. Je mehr Fakten die Analyse stützen, umso besser lassen sich in ihrem Fachbereich Lösungsansätze fürs Hausheben, die favorisierte präventive Flutschutzvariante, finden.

Alle sind mit einem speziellen Thema unterwegs. Blickbeziehungen lautet das von Kevin Deventer. Weil zum Hausheben mehr als Hochheben gehört, wenn das Ortsbild bestehen bleiben soll, erklärt der junge Mann, der alles hier eng und heimelig findet. Zwei von vielen Fragen: Wie wirkt der Kirchturm von hier aus? Was kann ich von der Terrasse des Restaurants erkennen? Auch das Baumaterial interessiert ihn. Ob die Mauersteine aus der Umgebung sind? Das wäre beim Unterbau der Hebehäuser zu beachten.

Die Typologie der Gebäude beschäftigt die Drittsemester Manuel (21), Christoph (21) und Stefan (22). Altbau, Neubau, sanierter Altbau? 25 Häuser auf der Niederseite sind anzuschauen, nach Etagenzahl, Baumaterial, Lage des Eingangs. Die Drei sind sich einig: Das ist spannender, als auf der grünen Wiese zu planen. Und wenn dann daraus noch ein Flutschutz-Musterprogramm für ganz Deutschland wird, vielleicht gar für Europa? Na super.

Auch Coswigs Ordnungsamtschef Olaf Lier schwebt eine breite Beispielwirkung vor. Zuerst aber macht er die Detmolder etwas vertrauter mit ihrem Untersuchungsobjekt. Von den ersten Besiedlungen zur Jungsteinzeit bis zur ersatzbrückenbauenden Sowjetarmee. Und natürlich mit dem Wichtigsten: Die Haushebung als Alternative zum Deich, der momentan in keinem Programm steht.

Für das Projekt hat Coswig neben Fördermitteln so gut wie alles zusammengebracht, was sich an Sachverstand auf dem Gebiet auftreiben lässt. Darunter Hydrologen und Denkmalpfleger von der TU Dresden, Wasserbauer von der TH Nürnberg, das Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung. Und eben Architekten und Studenten der Hochschule Ostwestfalen-Lippe, die sich mit Orts- und Freiraumplanung beschäftigen. Insgesamt 75 Detmolder Studenten sind bei dem Pilotprojekt dabei. Ein dreimal drei Meter großes Modell vom Untersuchungsgebiet soll entstehen. In 150 Parzellen aufgeteilt. Dazu 46 kleinere Modelle, mit denen die Studenten Lösungen vorstellen für bestehende Gebäude und Neubauten im Hochwassergebiet. Immer unter den Gesichtspunkt: Alles muss wirtschaftlich, bezahlbar sein.

Das beschäftigt auch Niederseite-Anwohner Günter Wünsche. Er hat die jungen Frauen vor seinem Haus gleich mal zum Gespräch in den Garten gebeten. Zeigt ein Foto des überschwemmten Grundstücks.

Die Studentinnen wollen nicht nur wissen, wie er die Hochwasserkatastrophen erlebt hat. Michelle (19) kümmert sich ums Thema Sport, Freizeit, Kultur, fragt, was er sich neben dem Flutschutz noch für Brockwitz wünscht, wie er das kulturelle Angebot im Ort einschätzt. Maren (19) dagegen ist den Geräuschen auf der Spur, achtet darauf, wie sich was wo anhört, auch der Sperlingsschwarm nebenan.

Günter Wünsche ist vom Detmolder Einsatz sehr angetan. Alles, was uns hilft, ist zu begrüßen, sagt er. Und sieht das Hausheben durchaus als Chance. Nur – wer bezahlt das?, würde er gern wissen.

Für die Studenten von Anfang an eine ganz entscheidende Frage. Beim Auswerten am Donnerstag – auch Vertreter der Bürgerinitiative Brockwitz-Niederseite sind dabei – kommt die noch nicht geklärte Finanzierung wieder auf den Tisch. Vorschlag einer Studentin: Man könnte doch Spenden einwerben. Eine gute Idee, sagt Olaf Lier. Er freut sich darüber ebenso wie über die Tatsache, dass jetzt erste Teilergebnisse des Projekts vorliegen, von TU Dresden und Leibniz-Institut, wie auf der Projekttagung am Freitag bekannt wurde.