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Mittwoch, 14.02.2018

Des Veteranen letzter Kampf

Viktor Maximow hat gegen das Vergessen gekämpft und für die Aussöhnung zwischen Deutschen und Russen. Nun ist er selbst Teil der Geschichte. Ein Nachruf.

Von Tobias Wolf

Der letzte Wunsch von Viktor Maximow blieb bislang unerfüllt: eine Welt ohne Atomraketen. Seine letzte Ruhe soll er auf dem Soldatenfriedhof von Jekaterinburg finden, den er einst selbst begründete.
Der letzte Wunsch von Viktor Maximow blieb bislang unerfüllt: eine Welt ohne Atomraketen. Seine letzte Ruhe soll er auf dem Soldatenfriedhof von Jekaterinburg finden, den er einst selbst begründete.

© Thomas Kretschel/kairospress

Es waren die unersprießlichen Seiten des Alters, mit denen Viktor Maximow am Ende seines Lebens am meisten zu kämpfen hatte. Zugegeben hätte das der Weltkriegsveteran freilich nie. Auch nicht bei seinem letzten Termin mit der Sächsischen Zeitung im Oktober, als er über sein Lebenswerk sprach: Den Kampf gegen das Vergessen und die Aussöhnung zwischen Deutschen und Russen. Abseits aller politischen Großwetterlagen und Streitigkeiten.

Nun ist Viktor Maximow selbst Teil der Geschichte geworden. Den letzten Kampf seines Lebens, jenen gegen seine schwere Blutkrankheit, konnte er nicht mehr gewinnen. Am 8. Februar ist Maximow im Alter von 91 Jahren gestorben. „Er hat seinen Frieden gefunden“, sagt seine Freundin Hannelore Danders. „Ich bin dankbar, dass ich ihn auf diesem letzten Weg begleiten durfte.“ Viktor, wie er genannt werden wollte, und Hannelore Danders haben eine bemerkenswerte Beziehung geführt, bei der es um mehr als Zuneigung ging. Der Ex-Sowjetsoldat und die Ex-Russischlehrerin hatten sich 1992 in Dresden kennengelernt – beim Abzug der Roten Armee.

Maximow kümmerte sich schon damals um Veteranenhospitäler im Ural, um vergessene Helden des Zweiten Weltkriegs, die im heutigen Russland oft ein Dasein am Rande der Gesellschaft fristen.

Dabei frönte er nie einem unkritischen Patriotismus. Den russischen Präsidenten Wladimir Putin machte er mitverantwortlich für die schlechten Lebensbedingungen der Kriegsgeneration. Für die bittere Armut auf der einen Seite und den Protz der Oligarchen auf der anderen.

Mit Hannelore Danders hatte er den Dresdner Verein „Gesellschaft zur Hilfe für Kriegsveteranen in Russland“ gegründet, der Hilfslieferungen per Bahncontainer nach Russland organisierte und bis heute Spendenpakete verschickt. Eine Mission, geprägt durch die Erfahrungen des Ex-Soldaten. Genauso wie der Austausch mit den früheren russischen Kinderhäftlingen, die in deutschen Konzentrationslagern eingesperrt waren und den Krieg überlebten. Der Verein lud sie nach Dresden ein.

Viktor Maximow hatte die Todesfelder im Osten gesehen. Mit 17 von der Roten Armee als Artillerieschütze rekrutiert, war er zeitlebens froh, nie gesehen zu haben, ob die Granaten, die er abschoss, deutsche Soldaten trafen. Er erlitt Schusswunden, lag monatelang in einem ukrainischen Lazarett. Er hätte viele Male tot sein können, sagte er oft über sich. Vielleicht war das der Grund, warum die Leidenschaft für seine Mission ihn bis zum Schluss antrieb, das Wissen darum, wie viel ein einziger Mensch bewegen kann, wenn er nur will.

Die deutschen Soldaten waren irgendwann nicht mehr seine Feinde, sondern Kameraden, denen im Tod Respekt gebührt. Als Viktor Maximow erfuhr, dass in der Nähe seiner Heimat im Ural noch Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg die Gebeine deutscher Frontsoldaten in Massengräbern gefunden wurden, begründete er in Jekaterinburg einen Soldatenfriedhof für sie. Den Gedenkstein stiftete er selbst.

Im Herbst seines Lebens träumte er von einer Welt ohne Atomraketen, überbrachte der Uno in New York einen Aufruf für eine „Welt ohne Waffen“. Nun sollen seine sterblichen Überreste auf dem Soldatenfriedhof von Jekaterinburg bestattet werden. Es ist sein letztes Zeichen der Aussöhnung zwischen Russen und Deutschen.