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Mittwoch, 11.08.2004 Protest

„Der weiß, was das Volk will“

Von Christine Böhringer

Zum ersten Mal in seinem Leben hat Andreas Ehrholdt so richtig Erfolg. Er steht auf einer Betonmauer, umzingelt von Mikrofonen und tausenden von Menschen. Sie wollen einen seiner Sätze erhaschen, bei denen es um die Arbeitsmarktreform Hartz IV geht und bei denen jedes Wort ins Herz trifft. Sie wollen ihn anfassen, ihm die Hand schütteln, ihm sagen, dass sie ihm dankbar sind. Für viele ist er ein Held. Andreas Ehrholdt könnte ein Politiker sein, ein populärer. Doch er ist ein Mann aus dem Volk. Einer, der schon zu lange arbeitslos ist und alleine lebt. Einer, der nichts mehr zu verlieren hat und deshalb gewinnen will.

Es ist Montagsdemonstration in Magdeburg, die dritte in diesem Sommer. Andreas Ehrholdt hat sie organisiert, wie die beiden anderen auch. Hier in der Landeshauptstadt von Sachsen-Anhalt hat Ende Juli alles angefangen, ganz harmlos mit 200 Zetteln, auf denen „Gegen Hartz IV“ stand und zum Protest aufgerufen wurde. Ausgedruckt von Ehrholdt in seinem Arbeitszimmer in Woltersdorf, einem 400-Einwohner-Ort bei Magdeburg. Aufgehängt an Laternenpfählen und Bushaltestellen. Angenommen von zunächst 600 Menschen, dann von 6 000 – jetzt marschierten 12 000 in Magdeburg mit. Und in vielen anderen Städten im Osten gehen sie nun auch auf die Straße. „Irgendwann mussten wir uns anfangen zu wehren“, sagt Ehrholdt, „das Volk ist wach geworden, jetzt versammelt es sich gegen diesen Irrsinn.“ Er will so lange auf die Straße gehen, „bis Hartz IV weg ist“.

Ein Teddybär-Typ gibt den Ton an

Wie ein Revolutionär sieht die aktuelle Symbolfigur der politischen Unzufriedenheit in Deutschland nicht aus. Ehrholdt ist 42 Jahre alt, ein Teddybär-Typ mit Behäbigkeit im Gang und Milde im Blick. Seine Haare kringeln sich an den Spitzen, wenn er anfängt zu schwitzen. Und wenn er sich beschreiben soll, dann sagt er: „Einszweiundachtzig groß, hundertzehn Kilo, wie der Helmut, nur jünger.“ Helmut Kohl ist schon lange weg von der politischen Bühne, dafür sind jetzt Gerhard Schröder und Wolfgang Clement da, Ehrholdt mag sie und die anderen Politiker nicht. Weil sie ignorant und arrogant seien. Weil sie zu viel verdienten – und weil sie keine Arbeitsplätze schaffen würden. Das sei der Knackpunkt, sagt Ehrholdt: „Wenn genug Arbeitsplätze vorhanden sind, dann können Hartz IV und Hartz V und Hartz VI kommen, das ist dann egal.“

Der ehemalige Transportarbeiter bei der Reichsbahn war seit der Wende immer wieder arbeitslos, war Pizzabäcker, Wachmann, hat dann auf Bürokaufmann umgeschult, aber nie in diesem Beruf gearbeitet. In fünf Jahren Arbeitslosigkeit habe ihm das Arbeitsamt nur eine Stelle angeboten. Bei Media Markt in München. Die wollten ihn aber nicht. Ein typischer Lebenslauf, wie man ihn hier auf den Straßen von Magdeburg immer wieder hört.

Da ist Sandra, Mitte 20. Sie hat nach ihrem Schulabschluss zwei Berufe erlernt – keine Arbeit. Oder ihr Vormund Renate, 58, Hotelfachfrau – keine Arbeit. Oder Hella Klauditz, sie ist 49, ehemalige Fachkraft in einer Wäscherei – keine Arbeit, seit über zehn Jahren. Wer keine Arbeit hat, viel sucht, aber nichts findet, der macht sich Gedanken. Er schimpft auf Wirtschaftsbosse mit Millionengehältern, Politiker mit gesicherter Rente, arbeitende Ausländer und Wessis, die mehr bekommen. Und dann heißt es plötzlich, dass sich der Staat die Datsche krallen könne, man irgendwann mal für zwei Euro die Stunde Hilfsjobs machen solle und nun auch die Goldkette von Oma und vor allem das Sparbuch der Kinder für die neue Sozialreform geopfert werden müssen.

Wie Dampf in einem Druckkessel hat sich viel Frust in Ostdeutschland angesammelt, nun hat Andreas Ehrholdt das Überdruckventil geöffnet. Jetzt werden gemütliche Teddybär-Typen zu ungemütlichen Tonangebern, und Menschen wie Sandra und Renate haben wieder eine Aufgabe und ein Ziel vor Augen. Sie kaufen Papier oder nehmen alte Tischdecken, und dichten Parolen wie: „Nach Hartz IV hat jedes andere Lebewesen mehr Rechte als wir“. Sie stellen sich an den Anfang des Demonstrationszuges und diktieren Journalisten Sätze in die Blöcke wie: „Schröder lässt uns ausbluten! Er nimmt uns das letzte bisschen Würde!“ Sie schreien: „Nieder mit Hartz vier, das Volk sind wir!“

Lothar Hentschel schreit mit. Er kennt sich aus mit Demonstration und Revolution gegen die da oben in Politik und Wirtschaft. 20 Schilder aus 15 Jahren Protest lagern bei ihm im Keller. An seiner Kappe hängt ein Anstecker: „Wir bleiben das Volk“, steht da. „Vor 15 Jahren war ich auch bei einer Montagsdemo dabei“, sagt der 62-jährige Bergmann aus dem Mansfelder Land. Leipzig 1989, von dort stammt der Anstecker. „Zuerst hieß es, ‚Wir sind das Volk‘, dann ‚Wir sind ein Volk‘, und jetzt sind wir das bekloppte Volk.“ Die Stimmung sei heute aufgeheizter als ‘89. Sagt Hentschel und schreit. Sein Bauch wölbt sich unter einem verwaschenen T-Shirt; Hentschel hat es getragen, als er 1993 mit den Kumpels in Bischofferode gegen die Treuhand streikte. Drei Tage habe er für die Sache gehungert. Früher saß er in Streikkomitees und im Betriebsrat, heute sitzt er in der Warteschlange beim Arbeitsamt und für die PDS im Stadtrat von Hettstedt. Sein Blick geht nach links: Da ist einer mit Springerstiefeln. „Elende Nazi schweine. Schlimm“, knurrt Hentschel. Die Polizei hält zwar beim Dom 50 NPD-Anhänger in Schach, einige konnten sich dennoch unter die Demonstranten mischen. Auch andere Gruppen nutzen die Gelegenheit, sich der Menge zu präsentieren: Die PDS verteilt Handzettel und stellt Plakate, die IG-Metall den Lautsprecherwagen, Leute von der Marxistisch-Leninistischen Partei Deutschlands verkaufen Informationsmaterial und Johannisbeersaft.

Rechts von Hentschel schiebt sich Andreas Ehrholdt vorbei, sein Haar hat sich schon arg gekringelt. Heute läuft er nicht an der Spitze, ein Megafon schnappt er sich trotzdem und brüllt gegen die Häuserfronten: „Ihr, die ihr hinter den Fenstern seid, und auf ‚Gute Zeiten, Schlechte Zeiten‘ wartet, denkt dran, dass ihr ab dem 1. Januar die Hauptrollen spielt.“ Solche Sätze kommen gut an bei den Menschen. „Super, auf den hamma gewartet“, sagt eine 60-Jährige. „Wir waren alle zu feige, auf die Straße zu gehen. Der weiß, was das Volk will.“ Deshalb muss auch Lothar Hentschel wie einem alten Freund Ehrholdt auf die Schulter klopfen. „Glückwunsch“, sagt er mit Bewunderung in der Stimme.

Und dann erzählt er Ehrholdt, dass er seit fünf Jahren arbeitslos ist und den Funken der Magdeburger Demonstration ins Mansfelder Land überspringen lassen will. Hartz IV gehört für ihn sowieso auf den Scheiterhaufen der Nation. Überhaupt, die Reform mache die Arbeitsplätze kaputt. „Wenn die unten nicht mehr wollen, und die oben nicht mehr können, dann kommt es zu einer Revolution“, erregt sich Hentschel. Nein, für einen Regierungswechsel ist er nicht, den Schröder will er nicht weghaben, der soll einfach nur andere Politik machen.

Rechtsextremisten werden nicht geduldet

Ehrholdt schwitzt und schweigt. Der Bergmann weiß nicht, dass Ehrholdt zwei Jahre CDU-Mitglied war und 1998 für den Landtag in Sachsen-Anhalt kandidiert hat – auf der Liste der Deutschen Mittelstandspartei, die sich dann der Schill-Partei anschloss. Was passiert eigentlich mit Ehrholdt, wenn Hartz IV kommt? „Ja, dann hätte ich 331 Euro bekommen“, sagt er. Hätte bekommen. Die Zukunft als Vergangenheit. Ehrholdt ist sich sicher, er und das Volk werden gewinnen, Hartz IV kippen. Er hofft, dass er schnell gewinnt. Die Politiker bittet er: „Kommen Sie zur Vernunft, damit ich endlich wieder meine Ruhe habe.“ Am kommenden Montag soll erneut demonstriert werden, Ehrholdt rechnet mit mindestens 20 000 Teilnehmern.