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Freitag, 13.07.2018

Der unbekannte Nachbar

Von Ulrike von Leszczynskiund Andreas Rabenstein

Dieser Schlüssel half bei der Suche nach der Identität des Mannes. Foto: dpa
Dieser Schlüssel half bei der Suche nach der Identität des Mannes. Foto: dpa

© dpa

Er war der Mann, den niemand vermisste. Vier Monate lang. Bis am Donnerstag seine beiden Schlüssel endlich die Spur zur Identität des Joggers wiesen, der nach einem unglücklichen Sturz am 13. März in Berlin im Koma liegt: Er ist 74, Deutscher mit iranischen Wurzeln und lebt mitten in Berlin. Nun ist die Freude nach der monatelangen Suchaktion groß – aber es bleiben auch Fragen. Kann eine Großstadt so anonym sein, dass ein Mensch nicht irgendwo fehlt? Monatelang?

Ein Anruf aus Berlin-Wilmersdorf, Donnerstag gegen 11.30 Uhr: Ein 25-jähriger Mann hat auf der Internetseite einer Zeitung die Schlüssel des Joggers wiedererkannt. Seit Wochen sucht die Polizei mithilfe dieser Fotos nach irgendeinem Hinweis auf seinen Besitzer. Der Anrufer sagt, dass er diese Schlüssel auch habe. Ein Nachbar also. Er nennt seine Adresse. Uwe Dziuba, Hauptkommissar in der Vermisstenstelle der Polizei, fährt sofort hin. Ein 1960er-Jahre-Bau, sechs Stockwerke. „Dann bin ich adrenalinmäßig richtig hochgefahren, als sich der Schlüssel unten in der Haustür drehen ließ“, beschreibt er diesen Moment. „Wir sind rein und haben uns erst mal die Briefkästen angeguckt. Drei waren voll und quollen wirklich über“, berichtet Dziuba weiter. „Wir sind zur Dienststelle zurück und haben die Namen der Bewohner recherchiert. Einer passte vom Alter her und gehörte zu einem der vollen Briefkästen.“

Dann erst schloss Dziuba die Wohnung auf und ahnte, dass er richtig ist. „Da standen die Winterschuhe, da hing die Winterjacke.“ Er fand Ausweis und die Krankenkassenkarte. Das Rätsel um die Identität war endlich gelöst. Der 74-Jährige habe offensichtlich ganz alleine in Berlin gelebt, sagt der Hauptkommissar. „Wir haben dann auch Leute im Haus befragt, die kannten ihn aber auch nicht. Es ist wohl eher etwas anonym in dem Haus zugegangen.“

Für die Experten von der Berliner Vermisstenstelle war komplett neu, dass ihn niemand als vermisst gemeldet hatte. Irgendetwas findet sich sonst immer. Die Polizei versuchte, mit Fingerabdrücken und DNA-Proben des Mannes weiterzukommen. Doch wer in Deutschland keine kriminelle Vergangenheit hat, ist bei den Behörden nicht registriert. Selbst die Tatsache, dass der Koma-Patient Diabetes hat, half nicht. Kein Krankenhaus, kein Arzt meldete sich auf die Suchbilder hin zurück.

So blieb es am Schluss bei den zwei Schlüsseln, die der Mann bei sich hatte, um dieses Rätsel zu knacken. Die Vermisstenstelle glich die Schlüssel mit Tausenden Schlüsseln der Stadtreinigung ab, die Zugang zu Häusern in Wilmersdorf hat. Zuletzt probierten Polizeischüler aus, ob ein Schlüssel des Mannes zu Türen von Häusern in der Umgebung des Volksparks passt, wo der Jogger im März zusammenbrach und mit dem Kopf auf einen Stein aufschlug. Zehn Teams waren stundenlang mit Schlüsselkopien im bürgerlichen Altbauviertel unterwegs. Noch einmal müssen sie nun nicht ausschwärmen. (dpa)

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