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Samstag, 07.10.2017

Der Trend geht zum Mitfliegen

Die neue Konsumkultur des Teilens funktioniert sogar in der Luft. Mitflugzentralen bringen Piloten und Fluggäste zusammen.

Von Doreen Fiedler

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Pilot Michael Marny (r.) und Fluggast Udo Frey starten vom Flugplatz in Mainz-Finthen mit einem einmotorigen Leichtflugzeug vom Typ Katana. Marny ist einer von rund 3500 Piloten, die über die Online-Plattform Wingly Mitflüge anbieten.
Pilot Michael Marny (r.) und Fluggast Udo Frey starten vom Flugplatz in Mainz-Finthen mit einem einmotorigen Leichtflugzeug vom Typ Katana. Marny ist einer von rund 3 500 Piloten, die über die Online-Plattform Wingly Mitflüge anbieten.

© dpa

Es ist ein sonniger Herbstabend auf dem Flugplatz Mainz-Finthen, es könnte aber auch auf so ziemlich jeder anderen kleinen Piste in Deutschland sein. Vor dem Tower streckt ein Hobby-Pilot seinen Arm zum Gruß einem Mann entgegen, den er im Internet kennengelernt hat. Dann geht alles ganz schnell: Die beiden klettern in ein einmotoriges Flugzeug, ziehen sich Kopfhörer auf, schließen die verglaste Kabine und heben ab.

Pilot Michael Marny braucht Flugstunden. Zwölf muss er pro Jahr absolvieren, damit er im Training bleibt und seinen Schein behalten kann. Das ist teuer – also teilt er sich die Kosten gerne mit Mitfliegern. Fluggast Udo Frey wollte sich einmal Rheinhessen von oben anschauen und kam gerne mit. Die Vermittlung erfolgte über die Online-Plattform Wingly, eine von mehreren jüngst gegründeten Mitflugzentralen. Wie eine Mitfahrzentrale, nur eben in der Luft.

Wer will, kann von Mainz aus auch einen Flug nach Prag buchen. Oder eine Spritztour in einen interessanten Ort und zurück. „In Idar-Oberstein gibt es super Steaks, die man schon aus der Luft ordern kann“, erzählt Pilot Marny. In Koblenz gebe es einen „100-Dollar-Burger“, der so heiße, weil Flugzeug chartern, landen und Burger im Restaurant essen so viel koste. Von Frankfurt aus gibt es zum Beispiel Flüge an Nord- und Ostsee. In Bonn nimmt ein Pilot Gäste mit an die belgische Rennstrecke Spa.

Die deutsch-französische Plattform Wingly hat in anderthalb Jahren mehr als 5 000 Flüge in Deutschland vermittelt. Konkurrent Flyt Club aus Leipzig kommt in einem ähnlichen Zeitraum auf 1 700 Buchungen. Dabei schreiben die Plattformen vor, dass die Piloten nicht kommerziell fliegen dürfen – sie teilen sich die Kosten also mit den Passagieren. An die Vermittler fließen 10 bis 15 Prozent.

Die Piloten starten in Deutschland von Dutzenden Orten – vom bayerischen Fliegerhorst Landsberg am Lech bis zum Flugplatz auf Rügen. „Im Umkreis von 30 Kilometern haben wir immer einen Flugplatz“, sagt Wingly-Mitgründer Lars Klein. Dabei sehen die Vermittlungsplattformen noch viel Potenzial nach oben. Laut Marcus Loffhagen, Mitgründer von Flyt Club, gibt es in Deutschland jedes Jahr schätzungsweise 1,3 Millionen Starts von Privatpiloten.

Doch so zuverlässig wie ein Mitfahren im Auto oder eine Bahnfahrt ist das Fliegen nicht. Die meisten Kleinflugzeuge werden auf Sicht geflogen – das geht bei schlechtem Wetter nicht. „Wingly ist sehr freizeitorientiert. Das ist kein Taxi-Service“, sagt Klein. Die mit Abstand meisten Buchungen seien Rundflüge. Loffhagen fügt hinzu, dass es zwar regelmäßige Streckenflüge gebe, diese aber im Vergleich etwa zur Bahn teuer seien. „Bei uns geht es eher nicht wie auf der Straße darum, dass jemand von A nach B will und fragt: Wer möchte mit? Sondern es geht um das Erlebnis.“

Die Piloten seien zuverlässig, auch wenn sie oft nur eine geringe Zahl an Flugstunden vorweisen könnten, versichert Klein. „Nur einmal musste bei uns bislang ein Pilot notlanden – und zwar, weil dem Passagier schlecht wurde.“ Viele Piloten flögen wahnsinnig gerne und wollten ihre Leidenschaft weitergeben. Das trifft auf Michael Marny aus Mainz auf jeden Fall zu. „Ich kann das Fliegen auch alleine genießen. Aber es ist ein umso größeres Glücksgefühl, weil ich dem Mitflieger in die Augen schaue und dort etwas ganz Besonderes sehe.“(dpa)

Leser-Kommentare

Insgesamt 1 Kommentar

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  1. Luca Bertoncello

    Ein paar kleine Korrekturen: Pflichtstunden sind nicht 12 Flugstunden pro Jahr, sondern 12 Flugstunden alle 24 Monate (also zwei Jahre)! Selbstverständlich ist es verdammt wenig und es wird immer empfohlen, deutlich mehr zu fliegen (es gibt ein schönes Diagramm wo man den Anzahl der Flugstunden und der Landungen in den letzten 6 Monaten einträgt und eine Linie zieht. Je nachdem, im welchen Bereich die Mitte der Linie ist, rot, gelb oder grün, weiß man den eigenen Übungsstand). Übrigens: um die Lizenz zu behalten ist man auch verpflichtet jedes Jahr mindestens eine volle Flugstunde mit einem Lehrer zu absolvieren. Und zum Schluss: wenn dem Passagier schlecht wird, spricht man nicht über Notlandung, sondern nennt man das Sicherheitslandung, bzw. Sicherheitsaußenlandung (wenn außerhalb eines Flugplatzes)... Nur meine 2 Cent vom Fluglehrer... ;)

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