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Samstag, 12.03.2011

Der Tag, an dem die Welt ins Wanken kam

Städte liegen in Schutt und Asche, ganze Regionen versinken in den tödlichen Wassermassen eines gigantischen Tsunamis,ungezählte Menschen sterben, die Regierung löst Atomalarm aus: Japan erlebt das schlimmste Erdbeben seiner Geschichte.

Anna Andreva hat Glück im Unglück: Sie sitzt gerade im Hochgeschwindigkeitszug nach Kyoto, als die Welt zu wackeln beginnt. Sie spürt einen kräftigen Erdstoß, der Zug ruckelt heftig und wird automatisch gestoppt. „Ich habe mich wie in einem Flugzeug gefühlt“, sagt sie. Der Erdstoß habe langsam begonnen und sei dann stärker geworden, außerdem habe es plötzlich kräftigen Wind gegeben. Der Lokführer macht eine Durchsage, die Fahrgäste werden unruhig, aber nicht panisch, viele versuchen über ihr Handy, Angehörige zu erreichen. Nach einer halben Stunde fährt der Zug schließlich weiter. „Ich habe großes Glück gehabt, mich hat das Ganze ja im Grunde nur am Rande betroffen“, sagt Anna Andreva.

Die junge Wissenschaftlerin aus Heidelberg ist an diesem Freitagmorgen gerade erst in Tokio angekommen und direkt in den Zug eingestiegen. Sie war schon häufiger im Land und spricht fließend Japanisch. Anna Andreva weiß, dass man in Japan normalerweise gut vorbereitet ist auf Erdbeben, dass die Menschen stets mit einem solchen Vorfall rechnen, dass es Frühwarnsysteme und alle nur erdenklichen Vorkehrungen gibt. Das Land hat zwar ein fast lückenloses Mess- und Vorwarnsystem für Erdbeben und Flutwellen. Verlässliche Prognosen gibt es aber nicht. Und eine solche verheerende Naturkatastrophe wie an diesem 11. März hat auch das erdbebengewöhnte Japan noch nicht erlebt.

Der Geologische Dienst der USA gibt die Stärke mit 8,9 an. Es ist damit wohl das schwerste Beben in Japan seit Beginn der Aufzeichnungen Ende des 19. Jahrhunderts. Weltweit ist es das fünftstärkste, das jemals gemessen wurde – achttausendmal stärker als das Erdbeben im vergangenen Monat in Neuseeland. Die dem Beben folgende Flutwelle erreicht eine Höhe von sieben Metern und reißt Schiffe, Autos, ganze Gebäude und tonnenweise Schutt und Geröll mit sich. Es folgen mehr als 50 zum Teil heftige Nachbeben. Das Wasser dringt mehrere Kilometer ins Landesinnere vor

Mitten am Nachmittag – in Deutschland ist es 6.45 Uhr in der Früh – bricht der Albtraum über das in Wohlstand lebende Inselreich herein. Plötzlich fängt der Boden an zu beben. Die Erschütterungen sind heftig, wollen nicht enden. In der besonders betroffenen Präfektur Miyagi trifft eine zehn Meter hohe Wasserwand auf die Küste. Häuser, Autos, Menschen werden fortgerissen. Die örtlichen Behörden seien zum Teil nicht in der Lage, den Menschen zur Hilfe zu kommen, Rettungsdienste seien zusammengebrochen, heißt es.

In den Straßen versperren Berge von zertrümmerten Häusern, Autos und Containern die Straßen und Häfen. Viele Schiffe werden von den Fluten landeinwärts getragen, krachen gegen Brücken und reißen Oberleitungen mit sich. Schiffe, die vor der Küste ankern, werden gegeneinander geschlagen. In den Fluten treiben Häuser, gekenterte Boote und Autos. Schiffe werden an die Kaimauern geschleudert. In Schulen und Sporthallen werden Notlager eingerichtet. Als die Dunkelheit einsetzt, hocken alte Frauen, Männer und Kinder frierend in der Finsternis, da überall der Strom ausgefallen ist.

„Es ist grauenhaft, grauenhaft“, sagt eine Frau. „Ich mache mir Sorgen, dass mein Haus eingestürzt ist“, sagt eine andere. „Wir haben keine Informationen“, klagt eine dritte. Viele der Opfer sind alte Menschen, in den Notlagern trösten Angehörige ihre Großmütter und Großväter, wickeln sie in Decken, kauern an Ölöfen. Es ist bitterkalt, in einigen Gebieten fällt Schnee. Die unermüdlichen Einsatzkräfte versuchen, so schnell wie möglich Wasser, Nahrung und Medikamente herbeizuschaffen.

Auch in der Millionen-Hauptstadt Tokio stürzen die Regale in Geschäften ein, an einzelnen Stellen brechen Feuer aus. Überall fällt der Strom aus, Ampeln werden dunkel, schnell bilden sich endlose Staus. „So etwas habe ich noch nie in meinem Leben gesehen: kein Zug, kein Gas, kein Telefon, kein Taxi, keine Lebensmittel in den Supermärkten“, schildert eine 35-jährige Hausfrau. „Jeder hier in Tokio ist seit der ersten Erschütterung auf die Straße raus, sie gehen alle zu Fuß nach Hause.“ Auf dem Kopf tragen viele weiße Helme aus Furcht vor herabfallenden Trümmern.

Es sind Szenen wie nach einem Krieg. Vielerorts steigen dichte Rauchwolken in den Himmel. In Chiba bei Tokio gerät eine Ölraffinerie in Brand. Nach einem Erdrutsch in der Präfektur Fukushima werden viele Menschen vermisst. Riesige Brände brechen in der Stadt Kesennuma aus. Hubschrauber-Bilder des japanischen Militärs zeigen am späten Abend Feuer in weiten Teilen der Stadt. Die ganze Stadt scheint in Flammen zu stehen.

Im AKW ist der Akku leer

Das Epizentrum des Bebens liegt 130 Kilometer östlich der Küstenstadt Sendai, in der etwa eine Million Menschen leben. Der Hafen wird dort ebenso überflutet wie viele Fischerdörfer der Umgebung. In Luftaufnahmen ist zu sehen, wie die Flutwelle Schiffe, Lastwagen, Autos und Trümmer vor sich her in die Stadt schiebt. Flüsse treten durch das einströmende Meerwasser über die Ufer. Ein Schiff mit rund 100 Menschen an Bord wird fortgespült. Die Behörden rufen die Küstenbewohner auf, sich in höher gelegene Gebiete oder in obere Stockwerke zu begeben.

Die Zahl der Toten steigt überall rasant, unzählige Menschen werden vermisst. Während starke Nachbeben an den Nerven der Japaner zehren und die örtlichen Behörden weiter vor meterhohen Flutwellen warnen, schlägt die Regierung am späten Abend plötzlich Atomalarm – das erste Mal in der Geschichte des Landes, in dem es besonders viele Kernkraftwerke gibt. Zwar haben die Atomanlagen so reagiert, wie sie sollten – mit automatischer Schnellabschaltung. Dennoch treten in zwei Anlagen Störfälle auf. Im Atomkraftwerk Onagawa bricht ein Feuer in einem Turbinengebäude aus. Der Brand kann jedoch bald gelöscht werden. Im Umkreis von drei Kilometern am Kernkraftwerk Fukushima werden indes Tausende Anwohner evakuiert, um sie vor möglichen radioaktiven Lecks in Sicherheit zu bringen. In einem Gebiet bis zu zehn Kilometern Entfernung von dem Meiler sollen die Menschen in ihren Häusern bleiben. Militär wird in die Region geschickt.

Es seien jedoch keine radioaktiven Lecks in oder in der Nähe von Atomkraftwerken festgestellt und in keinem Fall radioaktive Strahlung freigesetzt worden, versichert Japans Regierungschef Naoto Kan. Die Regierung habe den Atomnotfall ausgerufen, damit die Behörden leicht Notfallmaßnahmen ergreifen können. Doch das Notkühlsystem des Atomkraftwerks Fukushima läuft nur noch mit Batterien, die nur Energie für wenige Stunden liefern. Notaggregate müssen rangeschafft werden. „Im allerschlimmsten Fall droht eine Kernschmelze“, sagt ein Sprecher der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit in Köln. Auch nach der Abschaltung von Reaktoren bestehe aufgrund der nicht steuerbaren Nachwärme eine Gefahr, erklärte Greenpeace-Reaktorexperte Heinz Smital. „Selbst ein abgeschaltetes Atomkraftwerk kann noch zum Supergau führen.“ Nach Informationen von Greenpeace versuchen die Betreiber, mehr Wasser in das Kühlsystem zu pumpen. Angeblich würden Brennstäbe bereits zwei Meter aus dem Wasser ragen.

Tokio liegt knapp 400 Kilometer vom Epizentrum des Bebens entfernt, doch die Erschütterungen sind auch dort den Menschen ins Mark gefahren. Die Telefonnetze sind überlastet, Menschen können ihre Angehörigen nicht erreichen. Mehr als vier Millionen Haushalte sind ohne Strom. Die U-Bahn ist geschlossen, genauso wie Flughäfen, auch der Zugverkehr ist größtenteils eingestellt. Auf den Straßen bilden sich lange Staus, an den Bahnhöfen stranden massenweise Pendler.

Wie ein Dampfer im Sturm

„Es war wie auf einem großen Dampfer mitten im Sturm“, sagt der aus der Schweiz stammende Designer Oliver Reichenstein. „Es dauert nur kurz, aber es kommt einem ewig vor, wie eine Stunde.“ Reichenstein ist seit acht Jahren regelmäßig in Japan und daher Erdbeben gewöhnt: „Wir haben jeden Monat ein oder zwei.“ Er habe aber schnell gespürt, dass die Schockwellen dieses Mal stärker seien als sonst. Diese Dimension habe er noch nicht erlebt. „Wenn man das dreizehnte, vierzehnte und fünfzehnte Mal durchgerüttelt wird, ist man schon zittrig.“„

Im Büro seiner Firma Information Architects, die in Zürich und Tokio ansässig ist, sei ein großer Drucker auf Rollen „plötzlich von der Wand weg in die Raummitte gerumpelt“ – „da wird einem schon komisch ums Herz.“ Reichenstein und seine Mitarbeiter verlassen das Gebäude und suchen in einem Park in der Nähe Sicherheit. Nach dem Hauptbeben traut er sich dann nach Hause.

Auch die IT-Infrastruktur des Landes ist betroffen. Rechenzentren und Cloud-Computing-Dienst fallen aus, weil die Gebäuden, in denen die Server stehen, beschädigt werden. Andere Server werden vorsorglich abgeschaltet, weil nicht sicher ist, ob die Gebäude, in denen sie sich befinden, eventuellen Nachbeben standhalten werden.

Wenn nicht mehr viel funktioniert, hilft Twitter. Weil das Telefonnetz zusammengebrochen ist, informieren viele Bewohner Freunde und Familie über den Kurzmeldungsdienst. Für Millionen schockierte Beobachter in aller Welt wird das Netz zum schnellsten Informationskanal. „Das Einzige, was zu funktionieren scheint, ist Twitter“, schreibt ein Blogger. Auch zahlreiche Internetseiten helfen, das Chaos zu bewältigen: Wo sind Notunterkünfte für die Gestrandeten in der Innenstadt von Tokio? Wann erreicht der Tsunami die Küste von Hawaii? Google richtet eine Personensuche ein. Nutzer können dort auf Japanisch und Englisch Suchanzeigen aufgeben oder Informationen über sich selbst hinterlassen, um besorgte Verwandte oder Freunde zu informieren.

Japan, die Hightech-Nation, muss der Natur Tribut zollen an diesem Tag. Ein Beben der Stärke 7,2 hatte in Kobe 1995 mehr als 6.400 Menschen das Leben gekostet. Und wie damals fragen sich die Japaner auch diesmal wieder: Wie kann man sich auf Erdbeben einstellen, wie sich besser vor der Naturgewalt schützen? Letztlich bleibt ihnen nur die Erkenntnis, dass sich abgesehen von Auswanderung nichts anderes tun lässt, als sich mit der Tatsache abzufinden, auf einem Pulverfass zu leben. (SZ, dpa, dapd)