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Freitag, 13.07.2018

Der ruhende Ball

Bei dieser WM fällt jeder siebente Treffer per Elfmeter. Überhaupt liegen Standardtore voll im Trend.

Von Frank Hellmann, St. Petersburg

Es ist der einzige Lichtblick für die deutsche Nationalelf vor dem Ausscheiden: Nachdem Marco Reus den Ball beim Freistoß angetippt hat, zirkelt ihn Toni Kroos über alle Verteidiger und den schwedischen Torwart Robin Olsen hinweg zum 2:1-Siegtreffer ins lange Eck. Standardtore sind bei der WM Standard.
Es ist der einzige Lichtblick für die deutsche Nationalelf vor dem Ausscheiden: Nachdem Marco Reus den Ball beim Freistoß angetippt hat, zirkelt ihn Toni Kroos über alle Verteidiger und den schwedischen Torwart Robin Olsen hinweg zum 2:1-Siegtreffer ins lange Eck. Standardtore sind bei der WM Standard.

© Contrastphoto/Behrendt

Den Spruch vom Bolzplatz kennt jeder: drei Ecken, ein Elfer. Wenn kein Tor gelingen wollte, konnte immer noch der Alternativplan greifen. Gegenspieler anschießen, Ball ins Aus holpern lassen – und nach drei Ecken den Strafstoß verwandeln. Wer die WM 2018 beobachtet, fühlt die Kindheit zwischen Hinterhof und Wäschestangen aufleben. Nur dass es in Russland heißt: Ecke, Freistoß, Elfmeter. Von den 161 WM-Treffern vor dem großen und kleinen Finale resultierten bislang weit mehr als ein Drittel aus ruhenden Bällen. Vor vier Jahren in Brasilien waren es nur 38 von 171 Treffern, eine Quote von 22 Prozent.

Eine exakte Zahl konnte und wollte die Fifa allerdings nicht nennen, als die Studiengruppe am Donnerstag in Moskau ihre Erkenntnisse zum Turnier vorstellte. Die hohe Zahl an Treffern nach Standardsituationen sei auf die große „Detailversessenheit“ zurückzuführen, hieß es. Zudem ist die Zahl der Elfmetertore (von 12 auf 21) signifikant gestiegen. Jedes siebente Tor kam vom Punkt zustande, weil aus dem Kontrollraum in Moskau gleich vier Videoassistenten den Strafraum überwachten.

Für ein Standardtor legt die Fifa neuerdings ganz strenge Maßstäbe an: Die vom Belgier Nacer Chadli getretene Ecke, die der Brasilianer Fernandinho mit dem Schädel ins eigene Tor lenkte, taucht in dieser Kategorie ebenso wenig auf wie der von Marco Reus angetippte Freistoß, woraufhin Toni Kroos die Kugel ins Netz der Schweden hämmerte. Was der schottische Experte Andy Roxburgh verraten konnte: Jede 30. Ecke wurde bei der WM zu einem Tor verwertet. In der Champions League sei es nur jede 45.

Bereits 2014 hatte die Studiengruppe konstatiert: „Die Bedeutung der Standards hat sich unglaublich vergrößert, und jedes Team nutzt sie als wertvolles Angriffstool.“ Wie sagte Kroatiens Nationaltrainer Zlatko Dalic in der Vorrunde: „Es ist egal, wie du triffst. Was zählt, ist, dass du triffst.“ Der WM-Finalist hatte gerade Nigeria mit 2:0 bezwungen: durch ein Eigentor nach einer Ecke und einen Foulelfmeter. Es war die erste Gruppenphase, in der jedes zweite Tor nach einem ruhenden Ball fiel. Danach flaute der Trend ein wenig ab, aber an Belegen für die Bedeutung fehlte es nie.

Der kolumbianische Recke Yerry Mina avancierte mit seinen Kopfballtoren nach Ecken zum Spezialisten. Russland erzwang auf diesem Weg im Viertelfinale gegen Kroatien durch Mario Fernandes erst das Elfmeterschießen. Harry Maguire ebnete England gegen Schweden den Weg in die Runde der besten acht. Titelanwärter Frankreich bejubelte in Viertel- und Halbfinale die siegbringenden Kopfstöße von Raphael Varane und Samuel Umtiti jeweils nach einer Ecke.

Dass es aufgerückte Verteidiger waren, die solche Abnutzungskämpfe entschieden, machte Mats Hummels fast wehmütig. „Das Schlimmste ist gerade, dass alle Innenverteidiger jetzt treffen“, schrieb der Münchner Nationalspieler. Der 29-Jährige erzielte 2014 im Viertelfinale gegen Frankreich das 1:0 per Kopf – eines von drei deutschen Standardtoren, die Assistenzcoach Hansi Flick mit seinem Schwerpunkttraining einstudiert hatte. Bundestrainer Joachim Löw behandelte dieses Stilmittel 2018 eher geringschätzig.

Andere Kollegen verschlossen sich solchen Entwicklungen nicht. England gewinnt immerhin den inoffiziellen Titel als Standard-Weltmeister. Chefcoach Gareth Southgate reiste in die USA, um sich im American Football und Basketball mit einstudierten Laufwegen vertraut zu machen. Denn: „Wir haben Standards als Schlüssel für dieses Turnier identifiziert.“ Den „Three Lions“ gelangen neun von zwölf Toren auf diesem Weg – Rekord: vier nach Ecken, drei nach Elfmeter, zwei nach Freistößen. Die Läufe, die Blocks, die Details paukten die Akteure akribisch.

Heutzutage kann beinahe jedes Team die Defensive so miteinander verzahnen, dass selbst den besten Virtuosen in der Offensive kein öffnender Pass gelingt. So wird vielleicht wieder diskutiert über größere Tore, eine Abschaffung von Abseits oder eine Reduzierung der Spielerzahl, um den Schöngeistern wieder mehr Luft zum Atmen zu geben. Vorerst aber helfen auf höchstem Niveau vermehrt Ecke, Freistoß und Elfmeter – fast wie auf dem Bolzplatz.

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