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Donnerstag, 24.04.2014

Der Restaurant-Planer vom Fernsehturm

In 150 Metern Höhe kam Klaus Martin mit wenig Platz klar. Ein Bau am Fuß des Turms wurde jedoch gestoppt.

Versteckt in einem Wald am Fuße des Fernsehturms stehen noch die alten Mauern: Klaus Martin plante hier im Auftrag des HO-Gaststättenbetriebs ein Restaurant mit 250 Plätzen. Wegen eines Millionenprojektes in Altenberg wurde der Bau aber vor fast 50 Jahren gestoppt.
Versteckt in einem Wald am Fuße des Fernsehturms stehen noch die alten Mauern: Klaus Martin plante hier im Auftrag des HO-Gaststättenbetriebs ein Restaurant mit 250 Plätzen. Wegen eines Millionenprojektes in Altenberg wurde der Bau aber vor fast 50 Jahren gestoppt.

© André Wirsig

Wie baut man einen Herd in einen runden Raum? Wie können 150 Besucher satt werden, wenn für die Küche nur halb so viel Platz ist wie normal? Und wie viele Gäste braucht es, damit das Restaurant im Fernsehturm keine Verluste macht? Es war im Herbst 1967 als Klaus Martin, damals frischer Absolvent der Fachschule für Gaststätten- und Hotelwesen in Leipzig, eine Antwort auf diese Fragen finden musste. Fast 50 Jahre später blickt der damalige Chefplaner des Fernsehturm-Restaurants zur Spitze des seit Langem geschlossenen Aussichtspunkts und wird ein bisschen wehmütig. „Es würde mich schon interessieren, noch einmal hochzufahren“, sagt der 71-Jährige.

Ruine des Restaurants am Fernsehturm

Als Wirtschafter der Gastronomie war er Mitte der 60er-Jahre zum Gaststättenbetrieb der Handelsorganisation (HO) gekommen. Kurze Zeit später wechselte er in das Ingenieurbüro für Rationalisierung der HO-Bezirksdirektion und sollte sich dort um die Planung der Restaurants in dem gewaltigen Staatsbetrieb kümmern – „bis zum letzten Weinglas“, wie Martin erklärt. Dass sein erstes Projekt gleich das Fernsehturm-Restaurant wird, war Zufall. „Ich war einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort.“ Martin bezog ein Büro im fernmeldetechnischen Zentralamt in der Dostojewskistraße. Vom Elbhang blickte er auf die Stadt. „Das war mein schönster Arbeitsplatz“, sagt der Rentner. Bis zur Eröffnung des Fernsehturms im Herbst 1969 plante er zusammen mit dem Architekten Johannes Braune die Kücheneinrichtung und das Turmcafé in 150 Metern Höhe.

„Das war nicht einfach wegen der beengten Platzverhältnisse.“ Arbeitsfläche, Herd, Anrichte und Spüle mussten in einem runden Raum von 40 Quadratmetern untergebracht werden. Unter normalen Umständen wäre mehr als das doppelte der Fläche nötig gewesen, um die bis zu 150 Gäste im Restaurant satt zu kriegen. „Jede Lücke musste genutzt werden.“ Martin kreierte deshalb mit einem Küchenausstatter maßangefertigte Küchenmöbel. In der starren Planwirtschaft ging das nur, weil der Dresdner Fernsehturm damals zu den Prestigebauten der DDR-Regierung gehört. „Das war ein Objekt, an dem alle Lust und Liebe hatten.“ So wurden schließlich Mini-Herde und abgerundete Küchenschränke eingebaut.

Bobbahn statt zweites Restaurant

Mit 200.000 Gästen pro Jahr kalkulierte Martin damals. Damit er den Genossen nachweisen konnte, dass das Turm-Restaurant kein Minus-Geschäft wird, machte er sogar eine Marktanalyse mit allen umliegenden Lokalen. Ein Problem konnte er jedoch nicht lösen: Das Schwanken des Turmes im Wind. „Der Fernsehturm bewegte sich bis zu 1,60 Meter hin und her“, erzählt Martin. „Da funktionierten die Küchenwaagen natürlich nicht richtig.“ Bis zu 30 Gramm Differenz habe das ausgemacht, die der Koch mit viel Erfahrung berücksichtigen musste.

Was heute kaum noch einer weiß: Martin plante damals nicht nur das Restaurant in der Höhe, sondern auch ein Lokal für 250 Gäste am Boden, direkt am Fuß des Fernsehturms. „Das war alles schon fertig projektiert“, sagt er. Das Modellfoto von damals, das Martin aufbewahrt hat, zeigt einen Flachbau. „Die Grundmauern standen schon.“ Er sei aber aus Kostengründen nicht weitergebaut worden.

Der 71-Jährige erinnert sich, dass das Projekt wegen der Bobbahn in Altenberg beendet wurde. Auch eine Seilbahn, die von der anderen Elbseite bis hoch nach Pappritz führen sollte, ging nie in Betrieb. „Dabei war die Seilbahn sogar schon gekauft“, sagt Martin. „Die fährt heute aber in Thale.“ Nach der Eröffnung des Fernsehturms zog es den Gastronomie-Wirtschafter zu den nächsten Projekten. „Man hat mich sogar gefragt, ob ich Restaurantleiter werden will.“ Martin lehnte jedoch dankend ab. Ihm machte das Planen mehr Spaß. In den nächsten Jahren konzipierte er unter anderem die Restaurants im Hotel Bellevue und im Dresdner Hof, dem späteren Hilton. Bis 2010 leitete er 15 Jahre lang das Fischhaus am Alberthafen. Den Fernsehturm jedoch vergaß er nie – auch wenn Küche und Restaurant in den 90ern ausgeräumt und entkernt wurden.

Martin schätzt, dass er zu DDR-Zeiten etwa 20-mal oben gewesen ist für solche Raritäten, wie ein Radeberger Export und eine Ananasscheibe mit Schlagsahne, oder einfach nur für die grandiose Aussicht auf Dresden und ins Umland. „Der Dresdner Fernsehturm war international sehr angesehen wegen seiner Architektur“, sagt Martin, der dessen Form mit der eines schmalen Sektglases vergleicht.

Nun will der ehemalige Geschäftsmann mithelfen, dass die Wiedereröffnung nicht nur ein Traum bleibt. „Wichtig ist, dass es einen Enthusiasmus gibt für den Fernsehturm“, sagt er. Martin glaubt, dass für die Einrichtung der Küche und des Restaurants rund 1,5 Millionen Euro nötig wären. Die immer wieder genannten acht bis zehn Millionen Euro für die Sanierung der Fahrstühle und des Brandschutzes hält er für zu hoch gegriffen. „Belegen kann ich das natürlich nicht.“ Aber allein durch den Betreiber des Restaurants könne diese Summe nicht gestemmt werden.

Martin will deswegen Geldgeber aus seinem Bekanntenkreis für das Projekt begeistern. „Die Frauenkirche rechnet sich wirtschaftlich auch nicht“, sagt er. „Sie wurde trotzdem wieder aufgebaut.“