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Freitag, 14.09.2018

Der Neuling mit Erfahrung

Als Spieler ist Jochen Molling in Dresden einst durchgefallen, jetzt sind die Eislöwen seine erste Station als Cheftrainer.

Von Alexander Hiller

Jochen Molling ist zum ersten Mal Cheftrainer – und hat plötzlich mehr Freizeit als bisher.
Jochen Molling ist zum ersten Mal Cheftrainer – und hat plötzlich mehr Freizeit als bisher.

© Robert Michael

Da muss Jochen Molling lange überlegen. Was bringt ihn so richtig aus der Fassung? „Hm“, brummt der 45-Jährige verlegen. „Ich glaube schon, dass ich ruhig und gefasst bin. Ich war auch als Spieler eine ruhige konstante Person. Aber natürlich bin ich auch emotional.“ Das ist zwar keine Antwort auf die Frage, charakterisiert den neuen Cheftrainer des Eishockey-Zweitligisten Dresdner Eislöwen aber sehr gut. Denn der gebürtige West-Berliner ist keiner, der in die Öffentlichkeit drängt.

An die erhöhte Aufmerksamkeit wird sich Molling wohl gewöhnen müssen, verbiegen lassen wird er sich deshalb aber wohl nicht. Obwohl er in Dresden erstmals in seiner knapp zehnjährigen Trainerlaufbahn den Chefposten bei einem Profiteam übernimmt und die Nachfolge von Franz Steer antritt. Der Bayer war trotz bis 2019 laufenden Vertrages weggeschickt worden. „Es wäre eine Lüge, wenn ich sagen würde: Das ist alles ganz normal für mich, sondern das wird eine große Herausforderung“, betont Molling. „Nichtsdestotrotz ist das meine zehnte Saison, in der ich als Trainer arbeite. Ich hatte immer das Ziel, dass ich mal eine Profimannschaft trainieren werde. Dementsprechend habe ich die vergangenen Jahre darauf hingearbeitet.“

Der neue Kapitän ist der alte

Der Cheftrainer-Novize muss sich wahrscheinlich vieles aus der am Freitag anlaufenden Saison heraus erarbeiten. Wie man eine sportliche Krise bewältigt zum Beispiel. Dass die auch in Dresden auf ihn zukommen kann, weiß Molling nur zu gut. Er hat hier zwei Jahre lang parallel als Nachwuchscoach und als Co-Trainer an der Seite von Bill Stewart und Steer gearbeitet.

Jetzt ist der Vater einer 18-jährigen Tochter freilich dafür verantwortlich, dass die Krisen bewältigt werden oder gar nicht erst entstehen. „Wir sind zufrieden mit dem Leistungsstand, haben in fünf Wochen der Vorbereitung 29 Einheiten auf dem Eis und fast ebensoviele ohne Eis absolviert. Die Mannschaft findet sich, ist homogen und versteht sich gut. Der komplette Kader ist fit und die Spielsysteme funktionieren schon“, erklärt Molling vor dem Auftakt am Freitag in Ravensburg und zu Hause gegen Heilbronn am Sonntag.

Ein Freund umwälzender Veränderungen ist der 135-fache frühere Nationalspieler aber offensichtlich nicht, was sich in der ersten wichtigen Personalentscheidung widerspiegelt. René Kramer, der Kapitän der vorigen Saison, ist auch der neue Anführer. Assistiert von Alexander Höller und Thomas Pielmeier – wie gehabt. „Sie sind anerkannte Führungspersönlichkeiten, halten die Jungs in der Kabine und auf dem Eis zusammen“, begründet Molling seine Entscheidung. Auch die Spielidee der Eislöwen sollte nicht nur Insidern bekannt vorkommen. „Wir wollen so schnell wie möglich die Scheibe gewinnen und dann schnell nach vorn spielen“, sagt Molling. Das Zitat könnte auch von einigen seiner Zweitliga-Kollegen stammen.

Was aber letztlich keine Rolle spielt. Wichtig ist nur, wie fit und variabel der im Berliner Stadtteil Steglitz aufgewachsene Trainer sein Team aufs Eis bekommt, wie nah er an die Spieler herankommt und wie einfallsreich er kritische Situationen zu managen versteht. Über einen reichen Erfahrungsschatz verfügt Molling. Mehr als 600 Erst- und 140 Zweitligaspiele hat er bestritten. Er sah unzählige Trainer kommen und gehen und saugte von jedem die positiven Aspekte auf. Eine eindrucksvolle Narbe an der linken Augenbraue zeichnet seine Nehmerfähigkeiten nach. Wie er dazu gekommen ist, weiß er nicht mehr so genau. Oder will nicht darüber sprechen.

Dagegen verrät er, was er von seiner Mannschaft verlangt. „Wichtig ist, dass wir als Team auftreten, dass es auch für die Leute draußen so rüberkommt, dass da einer für den anderen einsteht. Auch wenn es mal nicht so läuft“, sagt Molling. „Die Saison ist kein Sprint, sondern ein Marathon. Wenn wir unsere Leistung konstant bringen, kommen wir in die Play-offs. Das ist unser Ziel“, betont der ehemalige Verteidiger, der für Deutschland bei acht Weltmeisterschaften und bei Olympia 1998 auflief.

In Dresden ist der Preuße eher zufällig gestrandet. 2016 wurde er vom damaligen DEL-Klub Hamburg Freezers als Nachwuchsleiter verpflichtet. Wenig später gaben die Norddeutschen jedoch bekannt, dass sie keine neue DEL-Lizenz beantragen werden. „Da musste ich mich halt umhören und hatte gleich ein gutes Gespräch in Dresden“, erinnert sich der Ex-Profi.

Dabei hatte sich Molling 2009 einen Korb von den Eislöwen eingeholt, konnte er zum Ende seiner aktiven Karriere als Probespieler in einer Trainingswoche nicht überzeugen. Jetzt kann er darüber schmunzeln. „Es hat eben damals nicht mehr gereicht. Das war auch nicht schlimm.“ Er kehrte zu seinem Heimatverein Preussen Berlin zurück, agierte beim Regionalligisten als Spielertrainer und Jugendcoach.

Seine Lehrjahre hat Molling nun abgeschlossen – und schon eine positive Seite an seiner neuen Rolle erkannt. „Ich habe jetzt tatsächlich mehr Freizeit“, stellt er lächelnd fest. „Bisher stand ich ja bei zwei Teams mit auf dem Eis“. Die gewonnenen Stunden nutzt der Eislöwen-Cheftrainer für normale Dinge: Für seine Lebensgefährtin, um Bücher und Zeitungen zu lesen, ins Fitnessstudio zu gehen oder einfach mal die Beine auf die Couch zu legen. „Ich bin kein Zampano“, hat er mal über sich gesagt. Eine treffende Selbsteinschätzung.