erweiterte Suche
Dienstag, 15.05.2018

Der Modellmeister

Die Stadt verleiht wieder ihren Kunstpreis – der Gewinner ist der langjährige Chefplastiker der Manufaktur Jörg Danielczyk.

Von Udo Lemke

Der US-Botschafter beschrieb Jörg Danielczyk, wie dass amerikanische Wappentier – der Weißkopfadler – aussehen sollte: „Stolz und aufmerksam, aber nicht aggressiv und überheblich“ – das war 2007, zehn Jahre vor Trump.
Der US-Botschafter beschrieb Jörg Danielczyk, wie dass amerikanische Wappentier – der Weißkopfadler – aussehen sollte: „Stolz und aufmerksam, aber nicht aggressiv und überheblich“ – das war 2007, zehn Jahre vor Trump.

© Claudia Hübschmann

Meißen. Auf die Frage, was er sich für die Zukunft der Manufaktur wünscht, antwortet Jörg Danielczyk: „Ganz einfach – weitere 300 Jahre.“ Fast ein Sechstel dieser Zeit, nämlich 48 Jahre, hat er die Geschicke des Traditionsunternehmens mitgestaltet. 1969 nahm er eine Ausbildung auf als Bossierer – lernte es, vorgeformte und frei geformte Einzelteile zu Figuren zusammen zu fügen. Und die Figur sollte seinen Werdegang bei der Manufaktur bestimmen. Nach Hochschulabschlüssen als Plastiker und Diplom-Designer leitete er ab 1994 die Künstlerische Abteilung der Manufaktur, 2011 wurde er Chefplastiker. Was Jörg Danielczyk auszeichnet, formuliert sein von ihm verehrter Lehrer, Peter Strang, so: „Jörg Danielczyk ist ein hervorragender Modellmeister und ein würdiger Nachfolger der Großmeister wie Kaendler, Kirchner oder Leuteritz.“

Nun würdigt die Stadt Meißen das Lebenswerk von Jörg Danielczyk, indem sie ihm ihren Kunstpreis 2018 verleiht. „Er ist ein Porzelliner durch und durch“, sagte Oberbürgermeister Olaf Raschke am Dienstag im Haus der Manufaktur bei der Bekanntgabe des Gewinners, den eine Jury aus fünf Kandidaten ausgewählt hatte. Die Bekanntgabe fand an der „Saxonia“ von Jörg Danielczyk statt, der mit 1,80 Metern größten frei stehenden Figur, die jemals aus Meissener Porzellan gefertigt worden ist.

Nicht zuletzt mit dieser 2014 geschaffenen Monumentalplastik stellt sich Jörg Danielczyk in die Reihe der großen Meister, die Peter Strang genannt hat. Aber es ist nicht die pure Größe, dieser Plastik aus Porzellan, es ist ein kleines Detail, das dafür steht. Wird die „Saxonia“, die anlässlich des 25. Jahrestages der deutschen Wiedervereinigung entstand, doch von 8 000 handgeformten Schneeballblüten geziert. „Geschaffen und erstmals eingesetzt wurden diese Blütenverzierungen 1739 von Johann Joachim Kaendler, der sie im Auftrag der sächsischen Kurfürstin auf Servicegefäßen anbrachte.“ Über die Figur, die in Anlehnung an das große Vorbild als sächsische Freiheitsstatue bezeichnet worden ist, hat Jörg Danielczyk gesagt, er wolle ein Gesicht voller Stolz und Güte.

Als Jörg Danielczyk 1979 die Stute „Halla“ modelliert hatte – eine mehrfache Goldmedaillengewinnerin bei Olympischen Spiele – war das der Beginn einer Reihe von Tiergroßplastiken. „So gelang es ihm, endlich den besonders anspruchsvollen Schwan hinzuzufügen“ und damit Kaendlers Vermächtnis fortzuführen. 2015 ist unter seiner Regie der Kaendlersche Kasuar auf den Brunnen an der Altstadtbrücke zurückgekehrt und heißt dort die Gäste Meißens willkommen.

Porzellan sei ein Werkstoff, der keinen Fehler verzeiht, zitiert Jörg Danielczyk den Bildhauer Gerhard Marcks. Das kann man vor Ort miterleben. An einem der großen Brennöfen wird den Gästen der Preisbekanntgabe einer der Weißkopfadler gezeigt, die Jörg Danielczyk vor zehn Jahren für die neue amerikanische Botschaft in Berlin geschaffen hat. Rund zwanzig Stunden ist die Plastik gebrannt worden, nun muss sie sieben Tage lang auskühlen, damit sich keine Risse bilden.

Für Jörg Danielczyk ging es immer darum, das Wesen dessen zu erfassen, was er modellierte, sei es nun ein Porträtkopf oder eine Hundeplastik. „Natürlich kann man heute alles scannen und ausdrucken, es sieht ganz echt aus – aber es ist seelenlos.“

Der Kunstpreis der Stadt Meißen wird am 6. September im Haus Meissen überreicht. Dazu gehört auch eine Porzellanplastik. Bisher hat Jörg Danielczyk diese für die vorangegangenen Preisträger immer modelliert. Man darf gespannt sein, wer es für ihn tut und was es sein wird.