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Dienstag, 23.09.2014

Der Hecht hat eine literarische Telefonzelle

Am Königsbrücker Platz können Spaziergänger eigene Bücher in eine gelbe Telefonkabine stellen und neue Literatur mitnehmen.

Von Sebastian Kränzle

Maik Schellbach vom Verein Hechtviertel zeigt, wie die Litera-Zelle funktioniert.
Maik Schellbach vom Verein Hechtviertel zeigt, wie die Litera-Zelle funktioniert.

© André Wirsig

Ein Handbuch über Zwergkaninchen lehnt direkt am Karl-May-Klassiker Winnetou III. Im Regal darunter liegt ein düsterer Krimi neben einem Liederbuch zur Weihnachtszeit. Die Auswahl an Literatur in der Bücherzelle im Hechtviertel ist groß.

Seit fast drei Wochen steht das gelbe Telefonhäuschen auf dem Spielplatz an der Schanzenstraße. In der sogenannten Litera-Zelle warten Bücher darauf, mitgenommen zu werden. Interessierte können auch eigene Literatur in die Regale stellen und so anderen eine Freude machen. Doch das Tauschkonzept ist nicht nur auf Gedrucktes beschränkt. „Es haben sich schon eine Videokassette und ein paar CDs in die Regale verirrt“, sagt Maik Schellbach lachend. Der 39-Jährige ist Vorsitzender des Vereins Hechtviertel, der das gelbe Telefonhäuschen aufgestellt hat. Schellbach freut sich, dass auch schon einige Bücher ausgetauscht wurden. Die erste Ladung Literatur kam zwar noch von engagierten Anwohnern, doch der Verein hofft, dass bald auch Spaziergänger eigene Krimis, Romane und Sachbücher in die Zelle stellen. „Damit auch die Kleinen an die Regale kommen, ist das unterste Fach für Kinderbücher reserviert“, erklärt Schellbach, der seit seiner Geburt im Viertel wohnt. Erste Erfolge der Litera-Zelle sind sichtbar: Ein Paar schlendert vorbei und begutachtet das kuriose Bücherregal. „Ein Freund hat mir davon erzählt“, sagt Emma Müller. „Ich finde es toll. So sind die Bücher bei Regen viel besser geschützt als in den Straßenkisten“, erzählt die 25-Jährige.

Die Bücherkabine ist nicht das einzige Projekt des Vereins. Seit der Gründung 2008 veranstalten die Mitglieder jährlich am letzten Augustwochenende das Hechtfest. Über das Jahr verteilt folgen das Drachenfest und eine Faschingsfeier. Zu Weihnachten bieten ansässige Restaurants und Läden beim Hecht-Adventskalender täglich eine Aktion für die Anwohner.

Der Verein ist im Viertel gut vernetzt. Deshalb wandten sich im Frühjahr Anwohner mit der Idee einer Bücherzelle an die Gruppe. Bei der Suche nach einer Telefonzelle für das außergewöhnliche Projekt wurden sie bei der Telekom fündig. Das kostete den Verein mit Transport 600 Euro. Doch damit war es nicht getan. Der Standort auf dem Spielplatz musste erst gefunden und genehmigt werden. Als die Lieferung ankam, wurden in die Zelle Bücherregale aus alten Weinkisten eingebaut. Sogar ein Fundament wurde gegossen – das Telefonhäuschen muss fest im Boden verankert sein. Das war eine Auflage der Stadt.

Die Litera-Zelle ist nicht allein: In ganz Deutschland soll es schon über 500 solcher öffentlicher Bücherregale geben. Bei besonders verrückten Modellen wurden die Regale sogar direkt an Bäumen befestigt. Ungewöhnlich an der Dresdner Version ist der Name. Doch fast wäre die Litera-Zelle anders genannt worden. Bei einer Internetumfrage hatte sich um ein Haar „Bert Hecht“ – in Anspielung auf den berühmten Dramatiker Bertolt Brecht – durchgesetzt.

Wenn der Büchertausch gut angenommen wird, plant der Hechtverein, die gelbe Zelle auszubauen. Es kam die Idee auf, eine Kurbellampe zu installieren. Die erzeugt dann umweltfreundlich Licht zum Schmökern – sogar an dunklen Wintertagen.

Weitere Bücherstellen im Dresdner Norden: Bücherzelle in Hellerau am Markt vor der Apotheke, Bücherkiste an der Ecke Kamenzer-/Sebnitzer Straße, in der Neustädter Markthalle zwischen Café und Fleischer wurde ein Büchertausch-Regal installiert.