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Donnerstag, 19.04.2018

Der Friedhof der Namenlosen

Am Rande von Wien liegen sie, all die Selbstmörder und Ertrunkenen. Josef Fuchs pflegt die Grabstätten und kennt so manche Geschichte der Unbekannten.

Von Andreas Förster

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Hier begruben die Fischer und Jäger des Dorfes Albern all die Verzweifelten und Unglücklichen, die die Strömung ans Ufer der Donau gespült hatte.
Hier begruben die Fischer und Jäger des Dorfes Albern all die Verzweifelten und Unglücklichen, die die Strömung ans Ufer der Donau gespült hatte.

© epd/Jens Schulze

  • Hier begruben die Fischer und Jäger des Dorfes Albern all die Verzweifelten und Unglücklichen, die die Strömung ans Ufer der Donau gespült hatte.
    Hier begruben die Fischer und Jäger des Dorfes Albern all die Verzweifelten und Unglücklichen, die die Strömung ans Ufer der Donau gespült hatte.
  • Mancher starb auch durch fremde Hand. Doch nur wenige Gräber tragen auch den Namen des Toten.
    Mancher starb auch durch fremde Hand. Doch nur wenige Gräber tragen auch den Namen des Toten.

Vielleicht muss der Weg so weit sein, wenn man in Wien zum Friedhof der Namenlosen am südöstlichen Zipfel der Stadt gelangen will. Damit die Gedanken kreisen können um das Leben und den Tod und darüber, wie man mit beidem klar kommen kann. Denn man ist ja auf dem Weg zu jenen, die das nicht geschafft haben. Die sich vor lauter Verzweiflung und Lebensangst in die Donau warfen, „in der Wellen kalten Schoß“, wie es im Gedicht des österreichischen Malers und Grafikers Alfred Wickenburg über das Gräberfeld am Wiener Donauufer heißt. Die sich erhängten im nahen Auwald oder dort am Fluss, wo die Stadt so fern scheint, eine Waffe gegen sich richteten. Der Friedhof der Namenlosen ist die Ruhestätte der Selbstmörder, die einst kein geweihter Gottesacker aufnehmen durfte. Ihre Schicksale sind bis heute ebenso unbekannt wie ihre Namen. Oder wie der Dichter es schreibt: „Drum die Kreuze die da ragen/Wie das Kreuz, das sie getragen/Namenlos.“

Auf dem Weg Richtung Alberner Hafen zerfasert die Stadt. Immer weniger Wohnhäuser, immer mehr Gewerbegebiete. Dann kommt noch die Müllverbrennung, die Biogasanlage, schließlich das Tierkrematorium. Fast könnte man meinen, jemand habe sich Gedanken gemacht, wie sich die Fahrt zu einem Friedhof als Weg allen Irdischens angemessen illustrieren lassen könnte. Hinter dem Hafen liegt das friedvolle Auwald- und Wiesengebiet der Donau, rechter Hand führen Treppen auf den Deich. Und dann geht es hinunter zum Friedhof der Namenlosen, einem vielleicht 100 mal 100 Meter großen, von mächtigen Ulmen gesäumten Gelände.

An der gemauerten Pforte steht Josef Fuchs, ein großer, kräftiger Mann mit voller grauer Haarpracht. Man könnte ihn für einen in Ehren ergrauten Rockbarden halten, der sich hier unter den alten Ulmen Inspiration für eine tieftraurige Ballade holt. Wäre da nicht der Schlüsselbund in seiner Hand, der den 58-Jährigen als Hüter des Friedhofs und seiner schlichten Kapelle ausweist. In dritter Generation schon bekleide ein Josef Fuchs dieses Amt, sagt er stolz: Erst der Großvater, dann der Vater und jetzt er. Alle gleichen Namens. „Wer weiß“, sagt Josef Fuchs junior, und es klingt überhaupt nicht unbescheiden, „ob es diesen Friedhof ohne unsere Familie heute überhaupt noch geben würde.“

Vermutlich ist da was dran, doch die Geschichte dieses Friedhofs der Namenlosen beginnt 1840 zunächst ohne Familie Fuchs. Zu jener Zeit trieben an der Stelle nordwestlich vor Wien häufig Wasserleichen ans Ufer. Der Grund dafür war ein gewaltiger Strudel, der hier am Stromkilometer 1 918 vieles von dem, was zig Kilometer weiter donauaufwärts ins Wasser gefallen war, an Land spülte.

Hunderte Jahre lang lag an diesem Uferabschnitt, wo sich heute der Hafen erhebt, das Fischerdörfchen Albern. Und all die Zeiten hindurch holten die Fischer des Dorfes die Toten aus dem Fluss und begruben sie auf den Wiesen in der Flussaue. Denn die Kirche weigerte sich damals, die Leichen auf ihren Friedhöfen zu bestatten, da viele von ihnen vermutlich Selbstmörder waren. 1840 entschlossen sich die Alberner Einwohner dann, selbst eine Begräbnisstätte für die Donau-Toten anzulegen. Die Fischer und Jäger des Dorfes bauten einen Zaun um eine baumbestandene Wiese, zimmerten grobe Holzsärge und fertigten schlichte Holzkreuze für die Gräber. Bis zum Jahr 1900 wurden auf diesem ersten Friedhof der Namenlosen insgesamt 478 Menschen beigesetzt, deren Leichen man aus der Donau gefischt hatte.

Aber die Nähe zum Fluss erwies sich als großes Problem. Bei den häufigen Hochwassern wurden die Gräber beschädigt. Daher entschieden die Alberner, eine zweite Begräbnisstätte anzulegen. Gut 60 Meter entfernt vom alten entstand in einer natürlichen, durch einen Damm geschützten Senke im Jahr 1900 ein neuer Friedhofsteil. Dort sind 104 Menschen beigesetzt. Anders als der jüngere Friedhof der Namenlosen, den man heute besuchen kann, ist der alte im Zuge des Hafenbaus unter einer Asphaltdecke verschwunden. Nur eine steinerne Stele erinnert heute noch daran.

Der neue Gottesacker hinterm Deich blieb wie der alte ein ehrenamtliches Projekt der Alberner Fischer und Jäger. Zwar half nun die Gemeindevertretung mit, indem sie die im Nachbarort gezimmerten Holzsärge finanzierte. Um die Bergung der Leichen, ihren Transport zum Friedhof und die Beisetzung aber kümmerten sich weiterhin nur die Dörfler, auf eigene Kosten.

Die letzte Beerdigung gab es 1940. Zwei Jahre zuvor war das Dorf Albern nach Wien eingemeindet worden, sodass jetzt alle Toten auf dem Wiener Zentralfriedhof beigesetzt werden konnten. Außerdem hatten sich durch den Bau des Alberner Hafens die Strömungsverhältnisse der Donau in diesem Abschnitt völlig verändert. Der große Wasserstrudel verschwand, es wurden seither keine Flussleichen mehr angespült.

Die letzte Tote, die 1940 auf dem Friedhof der Namenlosen beigesetzt wurde, war auch keine Donau-Tote. Es ist Franziska Fuchs gewesen, die Ehefrau von Josef Fuchs‘ Großvater. Dieser war Gemeindewachmann in Albern, bevor er 1932 die Betreuung des Friedhofs übernahm. Ein Jahr zuvor hatte der bis dahin amtierende Totengräber seinen eigenen Sohn auf dem Friedhof beisetzen müssen, der sich das Leben genommen hatte. Danach betrat der Mann nie wieder das Gelände.

„Mein Großvater hatte schon zuvor immer mitgeholfen bei der Pflege des Friedhofs“, erzählt Josef Fuchs. „Als nun plötzlich die Stelle des Totengräbers vakant war, erklärte er sich sofort bereit, den Posten zu übernehmen.“ Fuchs senior schaffte bis 1939 insgesamt rund 50 Tote aus der Donau und dem Auwald mit einer Trage oder mit der Schubkarre auf den Friedhof. Geholfen hatten ihm dabei wie immer schon die Fischer und Jäger aus Albern.

Doch nicht alle Toten, die von dem alten Josef Fuchs herangeschafft wurden, sind auf dem Friedhof der Namenlosen beigesetzt worden. Ließ sich beispielsweise ihre Identität feststellen, wurden sie auf dem inzwischen angelegten Wiener Zentralfriedhof beerdigt. Allerdings konnten Familienangehörige auch den Wunsch äußern, dass Josef Fuchs ihre Toten begraben soll. Das ist auch der Grund dafür, dass man auf etwa jedem dritten Kreuz des Friedhofs der Namenlosen eben doch den Namen des dort ruhenden Toten lesen kann.

Und so weiß Josef Fuchs, der Enkel, auch so manche Geschichte zu erzählen über die Toten, die hier in ihren Gräbern liegen. Er hat sie von seinem Großvater erfahren. Das schlichte Grabkreuz dort mit der Aufschrift Sepperl zum Beispiel: „Es ist die jüngste Leiche auf diesem Friedhof. Großvater hatte am Donauufer einen angeschwemmten Schuhkarton gefunden, darin war ein totes Baby. Er brachte den kleinen Jungen hierher, wo er bestattet wurde. Damit er nicht namenlos blieb, hat man ihm bei der Beerdigung den Namen Sepperl gegeben.“ Oder das Grab jener Frau dort, neben der auch ihr Sohn bestattet wurde. Sie hatte sich in der Donau 1927 das Leben genommen, erzählt Josef Fuchs. Und ihr Sohn habe sich ein paar Jahre später vor Gram an ihrem Grab erschossen.

Ein anderes Grab, auf dem ein verwelkter Blumenstrauß liegt, gehört einem jungen Mädchen. Als Dienstmagd war sie schwanger geworden, mit 17 Jahren, und ging in die Donau. „Der Vater hat sie hier beigesetzt, in aller Stille, aber nie seiner Verwandtschaft verraten, wo sich das Grab der Tochter befindet“, sagt Josef Fuchs. Mehr als 80 Jahre später, als der 100. Geburtstag der Toten anstand, habe die Nichte schließlich das Grab gefunden. „Sie hatte vorher in der Zeitung von unserem Friedhof der Namenlosen gelesen und war hierher gekommen, als letzte Hoffnung sozusagen. Und sie fand das Grab ihrer Tante.“ Bis heute kämen nun immer wieder Familienangehörige der Frau an dieses Grab.

Und dann gibt es da die deutsche Wandergruppe, die jedes Jahr einmal hierher reist. Alte Herren seien das inzwischen, erzählt Fuchs. Ein Freund von ihnen sei noch als Kind in der Donau ertrunken, seine Leiche wurde nie gefunden. „Nun schmücken sie in jedem Jahr ein anderes Grab eines Unbekannten. In einem davon, so glauben sie, könnte ja ihr Freund liegen.“

Als 1939 die letzten Donau-Toten auf dem Friedhof beigesetzt worden waren, wurde der alte Josef Fuchs zur Wehrmacht eingezogen. Er kämpfte im Krieg, kam in sowjetische Gefangenschaft. Der Friedhof wucherte in dieser Zeit zu. Als der Großvater 1947 heimkehrte, so erzählt es heute sein Enkel, habe ihn einer der ersten Wege auf „seinen“ Friedhof geführt. In mühsamer Kleinarbeit begann er, die Gräber und Wege von dem auf dem Schwemmsand üppig wuchernden Unkraut zu befreien. Vier Jahre lang dauerte es, dann sah die Gräberstätte wieder aus wie vor dem Krieg.

Nach und nach verschwanden auch die verwitterten Birkenkreuze auf den Gräbern und konnten gegen gusseiserne mit einer weißen Christusfigur darauf ausgetauscht werden. Josef Fuchs hatte die Direktion des Wiener Zentralfriedhofs davon überzeugen können, alte Gusskreuze aus aufgelassenen Grabgruppen abzugeben. Nach und nach restaurierte er sie und stellte sie an den Gräbern auf. „Er hat darum gekämpft, dass dieser Friedhof erhalten bleibt. Und er hat es geschafft“, sagt sein Enkel stolz. Die Stadt Wien honorierte den Einsatz und ehrte den alten Totengräber mit dem Goldenen Verdienstabzeichen.

Nach dem Vater und setzt nun der Enkel das Werk des 1996 im Alter von 90 Jahren verstorbenen Josef Fuchs fort. Der Fortbestand des Friedhofs ist gesichert, seit er 1986 unter Denkmalschutz gestellt wurde. Da das Gelände überdies dem Hafen gehört, bezahlt auch die Betreibergesellschaft sämtliche anfallende Kosten für den Friedhof, etwa für die Sanierung der Treppen und der Kapelle. „Wir haben auch eine Vereinbarung mit der Floristenschule, die uns Kränze und Blumengebinde überlässt, die ihre Schüler in der Ausbildung fertigen.“ Für die Pflege der Gräber und der Wege aber sind weiterhin die Familie Fuchs und viele ehrenamtliche Helfer zuständig.

Einmal im Jahr, am ersten Sonntag nach Allerseelen im November, wird am Friedhof der Menschen gedacht, die in der Donau ihr Leben ließen. Der Fischerei-Verein von Albern zimmert für diesen Tag ein Floß, das mit Kränzen, Blumen und brennenden Kerzen geschmückt in die Donau gesetzt wird. Auf dem Floß steht zudem eine Tafel mit der Aufschrift „Den Opfern der Donau“ und der in deutsch, tschechisch und ungarisch verfassten Bitte, das Floß, sollte es am Ufer hängen bleiben, wieder in den Fluss zu stoßen. Einige dieser Flöße sollen schon sehr weit die Donau hinabgetrieben sein, bevor sie in der Flut versanken.

Wenn das Floß fortgetrieben ist, kommen die Menschen vom Ufer zum Friedhof der Namenlosen zu einer kleinen Messe. Hunderte sind jedes Jahr dabei, erzählt Josef Fuchs. „Sie bringen Blumen mit, schmücken die Gräber, zünden Kerzen darauf an. Ich denke mir dann oft“, sagt er, „wie schön es doch ist, dass diese Menschen in ihren Gräbern, die zu Lebzeiten so hoffnungslos und einsam waren, bis heute nicht vergessen sind.“

Leser-Kommentare

Insgesamt 2 Kommentare

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  1. rh

    Ein sehr schön geschriebener Artikel.

  2. Marco Toccato

    Vielen Dank für diesen schönen Artikel. Ich habe diesem Friedhof einigen Platz in meinem Buch "Nura Draam in am Draam? - Nur ein Traum im Traum?" gewidmet. Ähnlich wie in der "Traumnovelle" von Arthur Schnitzler stirbt eine junge schöne Frau, die dann in meinem Buch auf dem Friedhof der Namenlosen begraben wird, mitten in der Nach. Den Artikel und ein Video der Stadt Wien habe ich auf meiner Website verlinkt (https://bit.ly/2mnCdwH). Vielleicht schauen auch Sie einmal "zu mir rüber"? Marco

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