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Montag, 13.08.2018

Der erste selbstproduzierte Strom sorgte 1894 für Licht

Der Aufbau der Elektroversorgung war zunächst eine lokale Aufgabe. (Teil 45)

Von Uwe Schulz

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So sah Hoyerswerdas Elektrizitätswerk aus. Es stand im Bereich des heutigen Kinos. Das Modell baute der einstige Museumsleiter Karl-Heinz Hempel. Fotos: Uwe Schulz (2)
So sah Hoyerswerdas Elektrizitätswerk aus. Es stand im Bereich des heutigen Kinos. Das Modell baute der einstige Museumsleiter Karl-Heinz Hempel. Fotos: Uwe Schulz (2)
  • So sah Hoyerswerdas Elektrizitätswerk aus. Es stand im Bereich des heutigen Kinos. Das Modell baute der einstige Museumsleiter Karl-Heinz Hempel. Fotos: Uwe Schulz (2)
    So sah Hoyerswerdas Elektrizitätswerk aus. Es stand im Bereich des heutigen Kinos. Das Modell baute der einstige Museumsleiter Karl-Heinz Hempel. Fotos: Uwe Schulz (2)
  • Seit Januar 2001 steht die Plastik aus dem alten E-Werk im Schloss.
    Seit Januar 2001 steht die Plastik aus dem alten E-Werk im Schloss.

Bei der Umgestaltung der Dauerausstellung im Stadtmuseum Hoyerswerda war im ersten Obergeschoss eigentlich nichts heilig – bis auf jene Jugendstilfigur, die sich hier auf einem schwarzen Metallgestell befindet und nicht transportiert werden kann, ohne sie zu beschädigen. Im Jahr 2001, als die Plastik aufgestellt wurde, schrieb Tageblatt von einem „Puzzle für Fortgeschrittene“. Die Plastik gilt als eines der ganze wenigen überlieferten Jugendstilzeugnisse in Hoyerswerda und stammt aus dem alten Elektrizitätswerk. Das war 1999 für den Neubau des Kinos abgerissen worden. Das Einzige, was man aus dem einst im Jugendstil errichteten Industriebau für die Nachwelt rettete, war jene Aufputz-Plastik. Das gute Stück hatte man samt dahinter liegendem Mauerwerk aus dem Rest des Hauses herausgetrennt und ins Museum geschafft. Allerdings überstand die Figur Transport, Zwischenlagerung im Schlosshof und späteren Transport in das erste Obergeschoss nicht unbeschadet. Die Oberfläche, zwischenzeitlich nass geworden, begann, sich aufzulösen. Die mehrere hundert Kilo schwere Plastik selbst brach beim Transport auseinander. Steinmetz Steffen Springer erhielt damals den Auftrag, aus den Einzelteilen wieder ein Ganzes zu machen. Mithilfe einer Fotografie konnten die Einzelteile der Plastik wieder genau zugeordnet werden. An einem schwarz beschichteten Metallrahmen wächst die zusammen zu klebende Plastik samt den Halt gebenden Ziegeln Stück für Stück empor. Fehlende Stellen wurden nachmodelliert, Risse gespachtelt und anschließend alles mit einer Betonfarbe angestrichen.

Die Plastik ist nicht nur Zeuge des Jugendstils, sondern steht eben auch für die Geschichte der Elektrifizierung der Stadt. Stadtmühlenbesitzer und Kommissionsrat Otto Zschiedrich war es, der ein kleines Elektrizitätswerk zur Versorgung mit Licht und Kraftstoff errichtete und am 3. August 1894 sein Haus erstmals elektrisch beleuchtete. Im Hoyerswerdaer Kreisblatt vom 4. August 1894 stand dazu: „Unsere Stadt erfreut sich jetzt des Vorzuges, eine Anlage für elektrisches Licht zu besitzen und erstrahlte dasselbe gestern Abend zum ersten Male. Mühlenbesitzer Zschiedrich hat nach vollendetem Neubau seiner Mühle diese sowie das Wohnhaus, Stallung und Garten damit versehen. Die Einrichtung ist von dem rühmlichst bekannten Schu’mannschen Elektrizitätswerk in Leipzig, welches im vorigen Jahr auch unsere landwirtschaftliche Ausstellung elektrisch beleuchtete, ausgeführt und funktioniert vorzüglich. Später soll die Leitung auch auf die Stadt ausgedehnt werden, und es haben sich schon viele zum Anschluß bereiterklärt.“ Am 17. März 1897 fand die erste Sitzung der Commission der Stadtverordnetenversammlung zur Vorbereitung der Elektrizitätsanlage statt. Zum 1. September 1897 wurde der Firma „Zschiedrich und zur Linden“ die Genehmigung erteilt, für 15 Jahre die Strombelieferung in der Stadt zu übernehmen. Dieser Vertrag reichte, um ein Elektrizitätswerk in Auftrag zu geben, das 1904 in Betrieb ging. Zwei Sauggasmotoren (insgesamt 220 PS), direkt gekoppelt mit je einem Gleichstromdynamo, produzierten den Strom. Später kam eine 350-PS-Dampfmaschine hinzu.

Doch Stadt und das Unternehmen überwarfen sich miteinander. Hoyerswerda kündigte 1908 die Versorgung für die Straßenbeleuchtung und das Rathaus auf, sattelte beim Energieträger auf Gas aus dem neu errichteten städtischen Gaswerk um und unterzeichnete angesichts der immer wichtiger werdenden Versorgung mit Elektroenergie einen Liefervertrag mit der Elektrischen Kraftversorgungs AG Spremberg. Eine 20-kV-Leitung wurde gebaut und sicherte fortan die Hoyerswerdaer Versorgung.

Damit war Zschiedrich & Zur Linden das Geschäftsfeld abhanden gekommen. 1916 kaufte die Stadt der Firma das E-Werk samt benachbarter Mahl- und Schneidemühle sowie Wohnhaus ab. Das E-Werk wurde zur Turnhalle für die Schüler umfunktioniert, ein Anbau kam hinzu und verdeckte seitdem einige der Jugendstilfiguren, rettete sie so gewissermaßen. Denn die anderen gingen verloren in den 1960er-Jahren bei einem Umbau des Gebäudes, bei dem die Klinkerfassade unter einer dicken Putzschicht verschwand. (US)