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Dienstag, 19.01.2010

Der erste deutsche Hippie

Im Namen der Sonne und der Kokosnuss gründete August Engelhardt vor mehr als 100 Jahren eine Kommune in der Südsee.

Von Christina Horsten, Nürnberg

Alles beginnt mit einer vergilbten Postkarte. Der Briefmarkensammler Dieter Klein findet sie Mitte der 80er-Jahre auf einer Auktion in Düsseldorf und ist sofort fasziniert. „Wir leben hier permanent nackt und genießen fast nur Früchte, vor allem die heilige Kokosnuss“, steht mit schwarzer Tinte auf der Karte geschrieben, „was sind Städte: Felsengrabanlagen, Friedhöfe des Glücks und Lebens, gegen mein palmengeschmücktes, ozeanumbraustes, sonnendurchglühtes Eiland?! Kabakon ist ein Paradies, das ich kaum je mehr verlassen werde. Wie hasse ich Kleider!“ Es ist ein Neujahrsgruß von einer kleinen Insel im Bismarck-Archipel, heute Papua-Neuguinea, abgeschickt am Heiligabend 1904. Der Absender ist ein Mann namens August Engelhardt.

Dieter Klein wird neugierig. Jahrelang klappert der pensionierte Grundschullehrer Auktionen ab, schreibt Briefe an Professoren, reist schließlich sogar auf den Bismarck-Archipel – immer in der Hoffnung auf neue Post von August Engelhardt. Nach und nach trägt er auf diese Weise die Geschichte des Mannes zusammen, den Hermann Hiery, Spezialist für deutsche Kolonialgeschichte an der Universität Bayreuth, später als den „ersten deutschen Hippie“ bezeichnet.

Kokovorismus als Evangelium

Engelhardt wird 1877 in Nürnberg geboren. Es ist die Zeit der Industrialisierung, aber der Apotheker-Lehrling rebelliert. Er schließt sich einem Vegetarier-Verein an, interessiert sich für Heilfasten und Rohkost. „Von heute aus gesehen, war er damit eigentlich seiner Zeit voraus“, urteilt Sven Mönter, Historiker der Universität von Auckland in Neuseeland, der vor Kurzem seine Abschlussarbeit über Engelhardt veröffentlicht hat.

Schließlich begeistert sich Engelhardt für eine neue Philosophie aus den USA, den sogenannten Kokovorismus. Das Konzept ist einfach: Wer sich ausschließlich von Kokosnuss ernährt, der wird Erleuchtung finden. Gemeinsam mit seinem Freund, dem Schriftsteller August Bethmann, schreibt der Nürnberger ein Buch über den Kokovorismus: das „Neue Evangelium“. Es wird fünfmal aufgelegt werden. „Der Kokovore empfängt alles direkt aus den Händen seines Gottes, der gutherzigen Sonne“, schreiben Engelhardt und Bethmann. Die Kokosnuss sei die Frucht, die diesem Gott am nächsten stehe, sie sei der „Stein der Weisen“.

1902 macht Engelhardt Ernst. An Bord eines Reichspostdampfers fährt der 24-Jährige in das heutige Papua-Neuguinea, damals teilweise deutsche Kolonie. Dort kauft er die kleine Insel Kabakon nahe des Bismarck-Archipels. Hier soll seine Kokovorismus-Kolonie entstehen, der sogenannte Sonnenorden. Per Brief lockt er dafür Anhänger aus dem fernen Europa auf seine Insel: „Kommt Freunde! Erlöst den Einsamen vom Schreiben durch Eurer Zungen trauten Ton!“ Und er hat Erfolg. Etwa 30 Menschen folgen Engelhardts Ruf nach Kabakon innerhalb der nächsten zehn Jahre. Sie alle wollen den Traum der Südsee-Kommune leben: Nacktheit und freie Liebe, essen, was auf den Bäumen wächst, und im Schatten der Palmen philosophieren.

Trügerisches Idyll

Doch die Idylle trügt. Malaria und Mangelernährung machen den unvorbereitet angereisten Deutschen bald schwer zu schaffen – auch wenn die strenge Kokos-Diät nicht immer eingehalten wird. Innerhalb weniger Jahre sterben fünf Jünger des Sonnenordens, andere schaffen es gerade noch ins Krankenhaus auf dem Festland. Dazu kommen Eifersüchteleien. „Die Gruppe ist auch aufgrund der polygamen Struktur auseinandergefallen“, sagt der Bayreuther Forscher Hiery. „Unter den ungeklärten Todesfällen war mindestens ein Mord.“

Engelhardt selbst stirbt im Mai 1919, völlig entkräftet. Die letzten Jahre hat der Franke alleine auf seiner Insel verbracht. „1909 hat er sich endgültig vom Sonnenorden verabschiedet und sich von da an nur noch als Schriftsteller und Botaniker gesehen“, sagt Mönter. Der Nachwelt hinterlässt er noch sein „Kokosevangelium“, das heute laut Dieter Klein in Nürnberg im Archiv des Germanischen Nationalmuseums liegen soll und in dem er die Thesen seiner Weltanschauung zusammenfasst. „Die Kokospalme ist das pflanzliche Ebenbild Gottes“, heißt es dort. Nach Engelhardt folgt daraus: „Der Kokovorismus ist der Weg zur vollen Erlösung von Schmerz, Leid und Tod.“ (dpa)