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Freitag, 10.08.2018

Der einsamste Mann der Welt

Er ist wohl der letzte Überlebende seines Volkes: Ein Mann lebt seit mehr als 20 Jahren ganz allein in Brasiliens Regenwald. Indigene ohne Kontakt zur Außenwelt sind in Gefahr.

Von Denis Düttmann

Das Bild aus einem Video zeigt den Einsiedler im Regenwald, der offenbar der letzte Vertreter seines Volkes ist.
Das Bild aus einem Video zeigt den Einsiedler im Regenwald, der offenbar der letzte Vertreter seines Volkes ist.

© Fundacao Nacional do Indio/dpa

Mit kräftigen Schlägen treibt der halb nackte Mann seine Axt in den Baumstamm. Konzentriert geht er seiner Arbeit nach – ganz allein im tiefen Regenwald. Er ist wahrscheinlich der letzte Überlebende seines Volkes im brasilianischen Amazonas-Gebiet. Vor Kurzem veröffentlichte die Behörde für indigene Angelegenheiten die seltenen Aufnahmen von dem Einsiedler.

„Es geht ihm gut, er jagt und pflegt seine Papaya- und Mais-Pflanzungen“, sagt Behördenmitarbeiter Altair Algayer. „Er ist gesund und gut in Form.“ Der Mann gräbt tiefe Löcher, um Tiere zu fangen und sich zu verstecken. Außerdem hat er sich ein Haus mit Strohdach (Maloca) gebaut. Viel mehr ist über ihn nicht bekannt.

Menschenrechtler gehen davon aus, dass die übrigen Mitglieder des Stamms von Viehzüchtern getötet wurden, die in den 1970er- und 1980er-Jahren in das Tanaru-Gebiet im Bundesstaat Rondonia vordrangen. Die Region gilt als der Wilde Westen Brasiliens, wo Landkonflikte schnell mal mit der Waffe ausgetragen werden. Seit 22 Jahren ist der Mann wohl ganz auf sich allein gestellt. Da er keinen Kontakt zu anderen Menschen sucht, beobachtet auch die Behörde ihn nur aus der Ferne. „Dieser Mann, der alles verloren hat wie sein Volk und eine Reihe kultureller Praktiken, beweist, dass es möglich ist, allein im Wald zu überleben und sich der Mehrheitsgesellschaft zu widersetzen“, sagt Algayer. „Ich glaube, es geht ihm besser, als wenn er Kontakt aufgenommen hätte.“

Angehörige von isoliert lebenden Völkern geraten immer wieder in Gefahr, wenn sie in Kontakt mit anderen Menschen kommen. Häufig fangen sie sich Krankheiten ein, gegen die sie keine Abwehrkräfte besitzen. Schon ganze Stämme sind von der Grippe und den Masern dahingerafft worden.

Menschenrechtler und Aktivisten drängen deshalb vor allem darauf, den Schutz der isolierten Ureinwohner zu verbessern. „Unkontaktierte Völker sind keine primitiven Relikte einer fernen Vergangenheit. Sie leben im Hier und Jetzt. Sie sind unsere Zeitgenossen und ein wesentlicher Teil der Vielfalt der Menschheit“, sagt Stephen Corry, Direktor der Organisation Survival International, die sich für den Schutz indigener Völker einsetzt. „Doch ihnen droht eine Katastrophe, wenn ihr Land nicht geschützt wird.“ Der Fall des „einsamsten Mannes der Welt“ zeige, wie schutzlos viele indigene Stämme skrupellosen Holzfällern, Viehzüchtern und Kriminellen ausgeliefert sind. „Die schrecklichen Verbrechen, die gegen diesen Mann und sein Volk begangen wurden, dürfen niemals wiederholt werden. Dennoch droht zahllosen anderen unkontaktierten Völkern dasselbe Schicksal, wenn ihr Land nicht geschützt wird“, sagt Corry. (dpa)